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09.06.2018 - Leoš Janáček, "Aus einem Totenhaus" an der Münchner Staatsoper

„Aus einem Totenhaus“ von Leoš Janáček an der Münchner Staatsoper

09.06.2018 - Leoš Janáček, "Aus einem Totenhaus" an der Münchner Staatsoper

Frank Castorf hat in München Leoš Janáčeks Dostojewski-Oper „Aus einem Totenhaus“ wieder in ein Multiplextheater verwandelt, wie man es von ihm in Bayreuth bei seinem „Ring des Nibelungen“ erlebt hat oder in Stuttgart bei Gounods „Faust“ und natürlich bei seinen Sprechtheaterinszenierungen an der Berliner Volksbühne.

Aleksandar Denić hat dazu ein mehrstöckiges, derangiertes Fantasiegebäude gebaut, eine Mischung aus Lager, Wohngebäude und Fabrik, in das man mittels Drehbühne aus immer anderen Perspektiven blickt. Nichts ist abstrakt, sondern alles, wie es Denićs Art ist, hyperrealistisch gestaltet. Dazu kommen die bei Castorf üblichen Live-Videoeinspielungen, die das, was in Kulissen sattfindet, überhaupt erst sichtbar machen.

In dieser Bühnenlandschaft schildern die Gefangenen, einer nach dem anderen, ihre Verbrechen, geben aber auch eine pantomimische Theateraufführung in kunstvoll geschneiderten Fetisch-Kostümen. Den Adler, der den Gefangenen als Symbol ihrer Freiheitssehnsucht dient, verwandelt die Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki sogar in einen überlebensgroßen Paradiesvogel, übrigens dem Bayreuther Waldvogel aus „Siegfried“ nachempfunden.

In diesem "Totenhaus" herrscht eine Opulenz des Heruntergekommenen, an der Denić und Braga Peretzki mindestens den gleichen Anteil haben wie der Regisseur.

Dostojewski ist Castorfs Leib- und Magenautor. Da kennt er sich aus. Die vielen Bezüge erläutert er klug im Programmbuch, schlägt den Bogen zum Stalinismus und zu Trotzki in seinem mexikanischen Exil, dessen Liaison zu Frida Kahlo. Man sieht einen karnevalesken Dia de los Muertos, und ein Sänger rezitiert auf spanisch aus dem Lukas-Evangelium, jene Passage, die Dostojewksi seinem Roman „Dämonen“ als Motto beigegeben hatte. Im „Totenhaus“ erscheint Dostojewksi gar in Person des Gefangenen Petrovič selbst.

In 100 Minuten zeigen Castorf und seine Leute mehr als in 14 Stunden „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth.

Und der Komponist Leoš Janáček? Er bleibt nicht auf der Strecke, aber doch irgendwie am Rande, dient Castorf mehr als weiterer Assoziationshelfer denn als Hauptautor, um dessen Werk es geht. Den Adler z. B., den Janáček anders als bei Dostojewski als ein durchgängiges Motiv akzentuiert hat, setzt Castorf mit der Figur des jungen androgynen Gefangenen Aljeja ineins. Das ist ein schöner und plausibler Einfall. Janáček legt das subkutan nahe, denn wenn Petrovič, der sich im Lager um Aljeja gekümmert hat, ihm Lesen und Schreiben beibrachte – die einzige menschliche Szene im „Totenhaus“ – freikommt, fliegt auch der Adler wieder. Die Verbindung der beiden wird auf diese Weise transzendiert.

Jenseits dessen erlebt man auf der Münchner Bühne aber keine Menschen, noch nicht einmal leidende. Das ganze Arrangement ist mehr ein Puppenspiel voll grotesker Verrenkungen. Castorf hat das pantomimische Theaterspiel der Gefangenen in der Mitte der Oper nach vorne und hinten ausgebreitet.

Dabei hilft ihm die Dirigentin Simone Young. Bei hier hämmert und dröhnt Janáčeks Partitur wie eine motorische Spieldosenmusik, freilich verfremdet und immer angeschärft. Sie überlagert mit erheblicher Lautstärke das, was die diese Puppenmenschen auf der Bühne vielleicht doch (musikalisch) an inneren Regungen zu sagen hätten.

Premiere: 21.05.2018; besuchte Vorstellung: 08.06.2018, in dieser Spielzeit noch am 30.07.2018 und dann noch am 19., 21. und 26.10.2018

Besetzung:

Aleksandr Petrovič Gorjančikov: Peter Rose
Aljeja, ein junger Tartar: Evgeniya Sotnikova
Luka: Aleš Briscein
Skuratov: Charles Workman
Šiškov: Bo Skovhus
u.v.a

Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Rainer Casper
Video: Andreas Deinert, Jens Crull
Dramaturgie: Miron Hakenbeck
Chor: Sören Eckhoff

Stand: 09.06.2018, 13:50