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13.01.2018 - Bizet, „Les pêcheurs de perles“ in Gent

13.01.2018 - Bizet, „Les pêcheurs de perles“ in Gent

Bei der Uraufführung 1863 fiel Bizets Oper „Die Perlenfischer“ durch, aber nicht wegen der Musik, worauf seinerzeit schon Bizets Kollege Hector Berlioz hinwies. Bizets Musik ist wie ein reizendes Parfüm, nicht zu süßlich, nicht zu herb - oder ins Tönende zurückübersetzt, in einer gekonnten Mischung aus melodischer Einfachheit und klanglicher Raffinesse. Das Sujet selbst aber, das die quasi kultischen Handlungen der Perlenfischer von Ceylon mit der Geschichte zweier Männer vermischt, die um ihrer Freundschaft willen auf die von beiden geliebte Frau verzichten, bis einer diese Vereinbarung bricht, ist unrealistisch verschwurbelt. Und dass es sich um den Berufsstand der Perlenfischer (oder –taucher) handelt, spielt sowieso keine Rolle, nicht einmal im Libretto.

Für das Künstlerkollektiv FC Bergman sind die Perlenfischer Bewohner eines Altenheims und die Freunde Nadir und Zuringa Greise ebenso wie die Tempelpriesterin Leila, die im Rollstuhl hereingefahren wird. Die Freunde verlieren sich in Erinnerungen, die Bühne dreht sich, und sie treten vor eine riesige Welle aus Holz wie in ein dreidimensionales Gemälde, wo sie sich als Jünglinge am Strand sehen und die junge Leila in den Wellen.

Les pêcheurs de perles von Bizet an der Opera Vlaanderen, 1.Akt

Les pêcheurs de perles von Bizet an der Opera Vlaanderen, 1.Akt

Nadir ist von beiden derjenige, den seine Erinnerungen mehr beschäftigen, Er kehrt gebrechlichen Schritts zu dieser Welle zurück. Charles Workman wirkt in der berühmten Arie „Je crois entendre“ wie ein Greis, dessen Inneres von einem melancholisches Beben erfasst ist. Workman (wie auch Stefano Antonucci als Zuringa) sind beide keine ganz jungen Sänger, und gerade die Partie des Nadir, die ständig in hoher Lage angesiedelt ist, ist das Paradestück für einen jungen Tenor. Workman gießt dabei die leichte Brüchigkeit seiner Kopfstimme in eine seelenvolle emotionale Klarheit. Dabei wird er von dem Dirigent David Reiland atmosphärisch und in sanftem Energieaustausch getragen. Workmans Nadir ist kein abgeklärter Charakter und auch kein Lüstling, sondern noch nicht fertig mit seinem Leben.

Nachdem Leila von den Pflegern zu Bett gebracht wird, legt sie ihre Perücke ab und singt dabei ganz rein und jugendlich „Me voilà seule dans la nuit“. Auch bei Elena Tsallagova ist es dieses Changieren zwischen heute und gestern, diese Differenz zwischen Erscheinung und Klang.

Nadir und Leila begegnen und erkennen sich wieder, was nach den Regeln des Tempels der Perlenfischer eine Todsünde ist. In dieser Szene verwandelt sie sich körperlich in die jugendliche Leila und bleibt es bis zum Schluss. Nadir trägt hingegen diese Differenz seines suchenden Inneren und seiner gebrechlichen Erscheinung weiter mit sich. Der Freund Zuringa ist aber in dieser Inszenierung eine gespaltene Persönlichkeit. Sein Alter Ego ist der Stammesälteste Nourabad, der hier in Gestalt des jugendlichen Zuringa erscheint. Der alte Zuringa hat nicht die Kraft zur emotionalen Sublimierung Er legt sich am Ende auf eine Pritsche im Totenkühlraum, während die anderen auf die Welle steigen.

Die Intelligenz dieser Inszenierung besteht in diesem auch in starken Bildern ständigen Changieren zwischen hinfällig und jung, zwischen heute und einst, zwischen der fotografisch genauen Realität des Altenheims dem Traumbild der Meereswoge.

Am Rande dieser Premiere gab es noch eine Preisverleihung. Der mit 30.000 Euro dotierte Mortier – Next Generation Förderpreis für Neues Musiktheater wurde zum ersten Mal vergeben, und zwar an das polnische Universaltalent Krystian Lada, der als Dramaturg, Librettist, Regisseur und Kurator an vielen wichtigen Bühnen in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und in Polen arbeitet.

Krystian Lada - Erster Träger des Preises Mortier - Next Generation

Krystian Lada - Erster Träger des Preises Mortier - Next Generation

Ihm kommt es dabei – auch in der von ihm mit begründeten polnischen „Airport Society“ und ganz im Sinne des vor 2014 verstorbenen belgischen Dramaturgen und Intendanten Gerard Mortier - auf spartenübergreifendes Musiktheater an. Initiatoren und Unterstützer dieses Preises sind die Zeitschrift Opernwelt und Institutionen, denen Gerard Mortier vorstand oder nahestand, wie Serge Dorny aus Lyon, die Salzburger Festspiele, die Regionalregierung Flandern und auch das nordrhein-westfälische Kulturministerium, denn Mortier war ja der Gründungsintendant der Ruhrtriennale. Das ist dann bereits der zweite Opernpreis, der seinen Namen trägt. Es gibt dann noch den undotierten Gerard Mortier-Preis, dessen erster Preisträger er kurz vor seinem Tod selbst war.

Premiere in Gent am 12.01.2019 (in Antwerpen bereits am 14.12.2018) in Gent noch bis 24.01.2019 und in Luxemburg am 08. und 10.05.2015

Besetzung:
Léïla: Elena Tsallagova
Nadir: Charles Workman
Zurga: Stefano Antonucci
Nourabad / junger Zurga: Stanislav Vorobyov
Jonge Léïla: Bianca Zueneli
Jonge Nadir: Jan Deboom

Symphonisches Orchester der Opera Vlaanderen
Chor der Opera Vlaanderen

Musikalische Leitung: David Reiland
Inszenierung, Bühnenbild, Licht: FC Bergman (Stef Aerts, Marie Vinck, Thomas Verstraeten; Joé Agemans)
Kostüme: Judith Van Herck
Dramaturgie: Luc Joosten
Chor: Jan Schweiger

Stand: 13.01.2019, 13:50