Live hören
Jetzt läuft: 4. Finale. Allegro maestoso / Sinfonie Nr. 7 F-Dur, op. 77 von Glasunow, Alexander

Preview Jazz - 24.01.2019

Teaserbild Preview Jazz - 24.01.2019

Preview Jazz - 24.01.2019

Eine Preview zu neuen Alben aus dem Bereich Jazz. CDs von Rymden, Tamara Lukasheva, Emile Parisien und Jeff Ballard.

Fairgrounds (Cover)

Jeff Ballard - Fairgrounds
Schlagzeuger Jeff Ballard kennen viele durch das Trio Fly mit dem Saxofonisten Mark Turner und dem Bassisten Larry Grenadier. Mit Letzterem teilt er auch seine bislang längste Band-Station im Trio des Pianisten Brad Mehldau. Grenadier war anfangs ebenso an Ballards eigener Gruppe Fairgrounds beteiligt, einer Band, die mittlerweile ohne Bassisten arbeitet, den Bass-Part übernehmen wechselnd mit Kevin Hays und Pete Rende zwei Keyboarder. Hinzukommen der Elektroniker Reid Anderson und der Gitarrist Lionel Loueke. Titel wie "Hit the Dirt" oder "Grungy Brew" signalisieren: Hier geht es kaum um sterilisierten kammermusikalischen Wohlklang, man wühlt lustvoll im gar nicht so sauberen Erdreich. Alles durchsetzt mit viel elektronischen, gelegentlich etwas psychedelischen Spielereien. Es gab keinerlei Absprachen im Vorfeld, die Musiker tasten sich ins Geschehen hinein, jeder ist frei, das zu tun, was er möchte, kann eigene Wege gehen, um dann doch immer wieder zusammenzufinden. Ein Geist des entspannt Sich-Treiben- und dabei Sich-Zeit-Lassens prägt das Album, das nicht von ungefähr Fairgrounds – Jahrmärkte - heißt, so wie die Band. Auch wenn man keinen Applaus hört: Die Aufnahmen entstanden live während einer Europa-Tournee 2015. Mitunter wirkt einiges zu verspielt, aber die Fünf von Fairgrounds überraschen nicht zuletzt sich selbst immer wieder. Und allein schon der hohe Groove-Faktor sorgt für viel Hör-Spaß. Empfehlenswert, gerade bei latentem Winter-Blues

Double Screening (Album)

Emile Parisien Quartet - Double Screening
Emile Parisien, einer der wenigen Saxofonisten, die ausschließlich das Sopran spielen, lebt inzwischen in Paris – nomen est omen -, kommt aber ursprünglich aus Toulouse. Indes, mit der sonnigen Leichtigkeit Südwestfrankreichs hat seine Musik nichts gemein. Sie ist treibend, hat etwas Dringliches, ist aufwühlend und dionysisch, gelegentlich verkopft. Aber immer wieder blitzt sein verschmitzter Humor auf, etwa dann, wenn er von rhythmisch komplexesten Strukturen zu einem swing alter Schule wechselt. Da agiert ein klassisches Quartett mit Saxofon, Piano, Bass und Schlagzeug, doch allein schon Kompositionstitel wie "Spam", "Hashtag", "Malware", "Deux Point Zero", also "2.0", oder der CD-Titel Double Screening zeigen Parisien auf der Höhe der Zeit – Computer-affin. Keine Solo-Show dieses lustvoll improvisierenden Virtuosen, seine Mannen agieren wahrlich als Band. Kommunikationsfreudige Protagonisten. Double Screening: ein exzellentes neues Album des Emile Parisien Quartetts – merci & chapeau!

Homebridge (Cover)

Tamara Lukasheva - Homebridge
Sie ist eine singende Frohnatur, quirlig, voller Energie, ein Füllhorn sprudelnder kreativer Ideen, enorm wandlungsfähig und mit einer hart erarbeiteten, atemberaubenden: Tamara Lukasheva, Tochter einer klassischen Pianistin und eines Jazz-Saxofonisten. Geboren in Odessa in der Ukraine, seit 2010 in Köln, mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2018 mit dem Horst- und Gretl-Will-Stipendium der Stadt Köln. Manches grenzt an Vokalakrobatik, aber nie des Selbstzweckes wegen, keine sinnfreie Demonstration schieren Virtuosentums, alles dient dem musikalischen Ausdruck. Theatralische Momente gibt es, aber keineswegs mit jener manierierten Attitüde, die so schnell nerven kann. Homebridge nennt Tamara Lukasheva ihre neue CD, aufgenommen mit ihrem langjährigen und entsprechend eingespielten Quartett - mit Pianist Sebastian Scobel, Bassist Jakob Kühnemann und Dominik Mahnig. Vieles vereint sie hier: die Erfahrungen zweier unterschiedlicher Länder, Erfahrungen aus Klassik, Oper, Musical, Pop, Volksmusik und Jazz. Scheinbar bruchlos und ohne den Eindruck des Eklektischen fließt alles zusammen, ist alles im Fluss. Mit dem morgen erscheinenden Album Homebridge wird Tamara Lukasheva den hohen Erwartungen, die in sie gesetzt werden, und den hohen Ansprüchen, die sich selbst setzt, wieder einmal mehr als gerecht.

Reflections and Odysseys (Cover)

Rymden - Reflections & Odysseys
Sphärische Klänge, weite Klangräume. Das Navi unserer Ohren mag dies im Norden verorten. Klischee hin, Klischee her: Hier stimmt‘s. Pianist Bugge Wesseltoft kommt aus Norwegen, die Rhythmusgruppe mit Dan Berglund und Magnus Öström aus Schweden – etwas marktschreierisch als "nordische super group" angepriesen. Und als ob sie ein Klischee bestätigen wollen, nennen sich die Drei Rymden, zu Deutsch: Raum. Rymden hat für Bugge Wesseltoft mehrere Bedeutungsebenen: Raum im Sinne des Weltraums, Raum im musikalischen Sinne, und nicht zuletzt der Raum, der Musiker und Publikum bei Konzerten vereint und in dem eine besondere Energie entsteht. Mal klingen sie luftig und leicht, mal melancholisch und düster, mal brachial oder groovend. Und so kennt man die Protagonisten von Rymden: Wesseltoft von seiner eigenen New Conception of Jazz, Berglund und Öström von E.S.T., dem Esbjörn Svensson Trio. Beide Gruppen trugen einiges zur Verjüngung des Publikums bei, alle drei Musiker wuchsen gleichermaßen mit Jazz, Fusion, Prog-Rock und Volksmusik auf. Die Idee für das sich als Kollektiv verstehende Rymden kam vom Pianisten, der seit langem ein Trio gründen wollte, aber nicht die passenden Mitmusiker fand. Wesseltoft war sehr wohl bewusst, dass Berglund und Öström nach zwanzig Jahren E.S.T. und dem tragischen Tod Esbjörn Svenssons lange nicht bereit und willens waren, mit einem anderen Pianisten ein neues Trio zu bilden. Doch nun sahen die Drei die Zeit für gekommen, nach vorne zu schauen und sich zusammenzutun. Man wolle ohnehin nicht wie E.S.T. klingen, auch wenn das von Berglund und Öström durch E.S.T. entwickelte, unverwechselbare Zusammenspiel Reminiszenzen nie ausschließen könne. Rymden kreieren nichts Neues, sondern vereinen und bündeln gesammelte Erfahrungen. Wer nur aufgrund der Vorgeschichte der Drei neue Impulse erwartet, erwartet zu viel - und wird enttäuscht.

Moderation: Karsten Mützelfeldt
Redaktion: Tinka Koch

Stand: 24.01.2019, 14:43