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Preview Jazz - 17.01.2019

Teaserbild Preview Jazz - 17.01.2019

Preview Jazz - 17.01.2019

Eine Preview zu neuen Alben aus dem Bereich Jazz. Mit dabei sind Anton Eger, Emile Parisien, Luiza von Wyl und Rymden.

Æ (Cover)

Anton Eger - Æ
Einen besseren Start hätte das Jazzjahr 2019 discografisch gar nicht hinlegen können - als mit dem Debütalbum von Anton Eger. Er ist 38 Jahre alt, norwegisch-schwedischer Abstammung; man könnte ihn kennen als hyper-aktiven Schlagzeuger von Marius Neset sowie aus dem Trio Phronesis. Aber, "Æ", benannt nach seinen Initialen, ist kein Drummer-Album, es enthält nicht einmal ein Schlagzeug-Solo. Es ist klanglich total retro; man hört en masse Synthesizer aus den 70ern, wie Juno 6 oder den Mini Moog. "Æ" ist Pop - Pop, wie ihn nur Jazzmusiker spielen. Und damit sind wir bei einem wesentlichen Merkmal: "Æ" mag zwar klanglich retro sein, aber strukturell ist die Musik absolut von heute. Unter der zugänglichen Oberfläche ist sie rhythmisch vollkommen abgedreht. Aufgenommen wurde das Album in Kopenhagen mit skandinavischen, britischen, holländischen und deutschen Musikern, co-produziert von Petter Eldh. Der spielt nicht nur in der ersten Liga europäischer Jazz-Bassisten, sondern entwickelt sich mehr und mehr zu dem, was man einen "Studio Wizzard“ nennt. Alles Stücke auf "Æ“ sind mehrfach überarbeitet; sie können so gar nicht live aufgeführt werden - im Gegensatz zur Musik des nun folgenden Albums. Und das ist für mich Grund Nummer 2 für den rasanten Start ins Jazzjahr 2019.

Double Screening (Album)

Emile Parisien Quartet - Double Screening
Dieses Quartett besteht seit über einem Dutzend Jahren, es beherbergt einen der virtuosesten europäischen Jazzmusiker - aber es ist nicht einfach nur dessen Begleitband: das Emile Parisien Quartet. Niemand spiet das Sopransaxofon so wie er, oftmals in einer Tongebung, die an die armenische Flöte Duduk erinnert. Weite Teile des neuen Albums "Double Screening" sind von einer geradezu umwerfenden Spieluhren-Ästhetik bestimmt - aber nicht alle. Auf einem Stück verzichtet das Quartett auf einen Beat und unterlegt einen elektro-akustischen drone - ein seltenes, zu seltenes Stilmittel im Jazz. Obenauf die fast wehklagende Farbe von Emile Parisien´s Sopransaxofon.

Throwing Coins (Cover)

Luiza von Wyl Ensemble - Throwing Coins
Luzia von Wyl ist 33 Jahre alt und lebt und unterricht in Luzern, also in der Schweiz. "Ich habe erst richtig improvisieren gelernt, seit ich Mutter geworden bin", sagt sie jüngst im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung. Für eine Jazz-Pianistin eine irritierende Aussage, und sie ist doppeldeutig. Ganz sicher meint Luzia von Wyl nicht die musikalische Improvisation, sondern das Ausbalancieren des Alltags, unter den neuen familiären Bedingungen. Und selbst wenn - in ihrer Musik spielt Komposition eine wesentliche Rolle, sie leistet sich ein Tentett - darin u.a. zwei Klarinetten, Fagott und Marimba - in einer sehr poetischen, sehr erzählerischen Art von Jazzmusik. Soeben ist ihr zweites Album erschienen: Luzia von Wyl - "Throwing Coins".

Reflections and Odysseys (Cover)

Rymden - Reflections & Odysseys
Zum Schluss eine Band, die von allen hier vorgestellten die größten kommerziellen Chancen hat, schon weil sie anknüpft an eine der erfolgreichsten europäischen Jazzbands der letzten Jahrzehnte: e.s.t., das Esbjörn Svensson Trio. Dessen Rhythmusgruppe - Dan Berglund und Magnus Öström - hat sich jetzt, 10 Jahre nach Svensson´s Unfalltod, mit Bugge Wesseltoft aus Norwegen zusammengetan, zu Rymden. Schon jubelt die Plattenfirma, dieses Trio setze "neue Maßstäbe im europäischen Jazz". Aber, Entschuldigung, davon höre ich rein gar nichts. Man kann die Musik mögen - keine Frage, aber sie bleibt strukturell hinter allem zurück, was ich in dieser "Preview Jazz" vorgestellt habe.

Moderation: Michael Rüsenberg
Redaktion: Tinka Koch

Stand: 16.01.2019, 13:48