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Preview Jazz - 13.09.2018

Preview Jazz

Preview Jazz - 13.09.2018

Eine Preview zu neuen Alben aus dem Bereich des Jazz. Mit dabei sind Gordon Drdina, das Fred Frith Trio, Edward Perraud und Barre Philipps.

Ejdeha (Cover)

Gordon Grdina's The Marrow - Ejdeha
Gordon Grdina ist ein Oudspieler aus Vancouver, der derzeit zirka ein Dutzend Bands leitet und sagt "jazz is looking outwards". Als Kind sei er dem Zauber der klassischen arabischen Laute verfallen, heute könne die arabische Tarab-Kunst dem Jazz einen anderen Ausblick aufs Improvisieren ermöglichen. Mit Oud, Kontrabass und Cello sowie dem Iraner Hamin Honari an Tombak, Daf und Rahmentrommel entstand mit "Ejdeha" ein imaginärer Ostwest-Dialog. Die Band The Marrow, was Mark oder Kern heißt, bekam von "Gord" nur ein paar Skizzen an die Hand. Wie das Quartett damit umgeht, die Klischees der tausendundeinsten Orient-meets-Occident-Nacht clever vermeidend, ist durchweg verblüffend, obwohl man sich seit 12-15 Jahren kennt und der Kanadier so lange schon Alben macht. "Ejdeha" fußt auf dem Know-how der vier Akteure und wie klug sie aufeinander  reagieren, ihre Gedanken blitzschnell umsetzend. Nicht zuletzt dank Mark Helias am Bass und einem seltenen Gast am Cello, Hank Roberts, dem fantastische Soli in "Idiolect" und dem Titelstück gelingen.

Closer To The Ground (Cover)

Fred Frith Trio - Closer To The Ground
Voilà der Glücksfall eines Trios, das noch weiße Flecken auf der (Gitarrentrio-) Landkarte erspürt. Fred Friths Trio geht  von spontanen Versuchsanordnungen aus, die in Kettenreaktionen münden. Dafür hat er mit Jason Hoopes (E-Bass, Kontrabass) sowie Jordan Glenn, der am Drumset höchst originelle Sounds erzeugt, kongeniale Partner zur Seite. Mit ihrem Vorgängeralbum "Another Day in Fucking Paradise"  legten sie ein glänzendes Debüt vor, die zweite CD geht noch weiter. Vertrautes gleichsam spiegelverkehrt zu erleben kann sehr reizvoll sein: wie beim vermutlich im ICE als Titelidee gehörten "Alle planmässigen Ziele werden erreicht". Was oberflächlich vertraut wirken mag, entpuppt sich als ganz schön strange. Das Hardcore-Trio für Andersdenker erzeugt ein Verwirrspiel mit komplexen Soundscapes. Der Opener "Bones to Pick with Graveyards" lädt zu fünf Minuten wohligem Dark Mystery-Gruseln ein. "In The Grip of It" macht das ständige Abdriften zum Stilmittel, ein Dub-Beat schleppt sich durch "Ruhezone", fulminant die Weltraum-Gitarre in "Stars Like Trees", die tremolierenden Sounds in "Love and Other Embers". Es ist auch eine Reise in versunkene Gitarrenwelten. 

Espaces (Cover)

Edward Perraud - Espaces
Vieles ist anders in diesem neuen Klaviertrio. Zum Beispiel, dass der Drummer alle Stücke geschrieben hat. Und die anderswo x-mal gehörten Standardthemen und Remakes von Popsongs entfielen. Die inspirierte Interaktion zwischen Paul Lay (Klavier), Bruno Chevillon (Bass) und Edward Perraud (Drums) gelingt es, dass ihr neuentwickelter Hybrid rundum überzeugt. Viele Jahre hat der Bandleader Edward Perraud mit Das Kapital seinen Sinn für dramatische Abläufe schärfen können. Sensibel lenkt er sein Trio aus einer kontemplativen Grundhaltung heraus, um laut Perraud, der auch Fotograf ist, "die Schönheit von Intervallen zu feiern und imaginäre Räume zu schaffen". Subtil entsteht eine typisch französische Klavierjazz-Poesie, die an Michel Graillier oder Stephan Oliva erinnert, wobei Bassist Bruno Chevillon, ein Bewunderer Scott LaFaros, besonders beeindruckt. Gemeinsam setzen sie das im Französischen sprichwörtliche "jamais deux sans trois" (nie zwei ohne den dritten) um, das als Garant fürs Gelingen einer funktionierenden Paarbeziehung gilt.

End To End (Cover)

Barre Phillips - End To End
Mit den letzten Seiten eines Tagebuchs vergleicht der heute 83-jährige Barre Phillips sein Album "End to End". Dem Philosophen am Kontrabaß verdanken wir mit "Journal Violone" von 1968 das erste Baßsolo-Album der Jazz-Historie. Jetzt hat der gebürtige Kalifornier sein offiziell letztes Solowerk in seiner langjährigen Wahlheimat Südfrankreich eingespielt. Es wurde in dreizehn Kapiteln, deren fünf Kernstücke einen erstaunlichen Songcharakter enthüllen, ein bewegendes Zeugnis der lebenslangen beharrlichen Suche nach dem so noch nie Gehörten. Instinktiv dem folgend, was Barre Phillips als "inner hearing" bezeichnet: "Die Reise mit dem Bass wurde zur Selbsterforschung im Sinne des Zen." In den mit "Suche", "Innere Tür" und "Fenster nach draußen" überschriebenen drei Zyklen, die Stufen zur Erkenntnis gleichen, passiert durchweg Erstaunliches. Einmal mehr zeigt sich, dass die Pioniere der Jazz-Avantgarde so manchem heutigen Bildstürmer in ihrem fortschrittlichen Denken über Improvisation weit voraus sind.

Moderation: Karl Lippegaus
Redaktion: Bernd Hoffmann

Stand: 10.09.2018, 13:44