Zwei Orte, drei Tage, elf Konzerte: Das WDR 3 Jazzfest 2018

Zwei Orte, drei Tage, elf Konzerte: Das WDR 3 Jazzfest 2018

Großformatige Bands und internationale Stars gaben sich die Ehre im Theater Gütersloh - und im Bunker Ulmenwall in Bielefeld zeigten sich in intimen Clubkonzerten WDR Jazzpreisträger mit neuen Projekten. Das war das WDR 3 Jazzfest 2018.

Das Cologne Contemporary Jazz Orchestra unter der Leitung von Marko Lackner beim WDR 3 Jazzfest 2018

Das Cologne Contemporary Jazz Orchestra eröffnete die diesjährige Ausgabe des WDR 3 Jazzfests. Der österreichische Saxofonist und Komponist Marko Lackner leitete das Orchester und steuerte ein speziell für das Jazzfest angefertigtes Programm bei. In seinen "Expat Echoes" setzt sich Lackner mit Fremdheit und Heimat auseinander.

Das Cologne Contemporary Jazz Orchestra eröffnete die diesjährige Ausgabe des WDR 3 Jazzfests. Der österreichische Saxofonist und Komponist Marko Lackner leitete das Orchester und steuerte ein speziell für das Jazzfest angefertigtes Programm bei. In seinen "Expat Echoes" setzt sich Lackner mit Fremdheit und Heimat auseinander.

Anschließend bot der große Saal des Theaters Gütersloh Raum für ein hochkarätig besetzes Trio: Pianist Alan Pasqua und Schlagzeuger Peter Erskine spielen schon seit zehn Jahren zusammen. Beim WDR 3 Jazzfest komplettierten sie diese geschichtsträchtige Formation mit dem in der WDR Big Band aktiven Bassisten John Goldsby.

Erstmals war das WDR 3 Jazzfest in diesem Jahr in gleich zwei Städten zu Gast. Während in Gütersloh die große Bühne für das nächste Konzert bereitet wurde, präsentierte Pianist und WDR Jazzpreisträger Jürgen Friedrich sein Projekt "Nautilus" im Bunker Ulmenwall in Bielefeld.

Alan Pasqua und Peter Erskine hatten noch nicht genug. Zusammen mit der WDR Big Band präsentierten sie Material, das Vince Mendoza ausgewählt und für dieses Konzert arrangiert hatte. Vince Mendoza, "Composer in Residence" der WDR Big Band, kennt Pasqua schon seit einigen Jahren und konnte sich für dieses Konzert am reichhaltigen Fundus des Pianisten bedienen.

Der US-amerikanische Meisterschlagzeuger Peter Erskine überzeugte an diesem Abend mit seinem vielseitigen Spiel. Erskine ist international hoch gefragt und spätestens seit seiner Zeit bei der Fusion-Band "Weather Report" weltweit bekannt.

Beim letzten Konzert des Abends verschlug es die Besucherinnen und Besucher in die Studiobühne des Theaters. Der US-amerikanische und in Berlin lebende Gitarrist Jean-Paul Bourelly brachte sein Projekt "Kiss The Sky" nach Gütersloh. Erheblich vom Spiel des legendären Gitarristen Jimi Hendrix geprägt, gilt Bourelly vielen sogar als dessen legitimer Nachfolger.

Der zweite Festivaltag stand traditionell ganz im Zeichen des WDR Jazzpreises. In fünf Kategorien wurde der Preis vergeben. Entertainer Götz Alsmann und WDR 3-Wellenchef Karl Karst führten durch den Abend.

In der Kategorie "Nachwuchs" wurde das Young 7Teen Jazz Orchestra ausgezeichnet. "Das Ding des Unmöglichen" nennt Jazzautor Stefan Hentz dieses 19-köpfige Orchester, das es ohne organisatorischen Überbau schafft, energetisch und technisch sauber Big-Band-Jazz zwischen Funk und Swing zu präsentieren.

In der Kategorie "Improvisation" wurde der Saxofonist Roger Hanschel ausgezeichnet, der mit seiner stilistischen Wandelbarkeit überzeugte. Am Abend traf er auf Ramesh Shotham, den in Indien geborenen Perkussionisten, der den WDR Jazzpreis in der Kategorie "Musikkulturen" erhielt. Eine Konversation auf höchstem musikalischen Niveau.

Die Bassistin Hendrika Entzian erhielt den WDR Jazzpreis in der Kategorie "Komposition". An der Hochschule für Musik und Tanz in Köln als "Artist in Progress" beschäftigt, konnte Entzian die Jury mit ihren zahlreichen Projekten überzeugen. Ihr Material, beispielsweise aufgeführt vom Subway Jazz Orchestra, zeigt eindrucksvoll ihre kompositorischen Fähigkeiten.

Unter der Leitung von Ansgar Striepens spielte die WDR Big Band dann auch von Hendrika Entzian komponierte Stücke. Die fand das wunderbar: "Jetzt kann ich eigentlich nur noch genießen, mich hinsetzen, das Konzert hören und mich drüber freuen."

Für sein soziokulturelles Engagement wurde der Bunker Ulmenwall in Bielefeld mit dem "Ehrenpreis" ausgezeichnet. Mit der Reihe "Acrozz The Borders" bot der Bunker zumeist unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten einen geschützen Raum des musikalischen Austauschs. Prof. Karl Karst (r.) überreichte den Preis an (v.l.n.r.) Lena Jeckel, Matthias Klause-Gauster und Wilfried Klei.

Zur selben Zeit fand im Bunker Ulmenwall natürlich auch wieder ein Clubkonzert statt. Der Bunker bot während des Festivals die Bühne für neue Projekte früherer WDR Jazzpreisträger und unterstrich damit die Nachhaltigkeit des Preises. An diesem Abend trat der Pianist und Jazzpreisträger Sebastian Sternal mit dem Schlagzeuger und Jazzpreisträger Jonas Burgwinkel sowie dem international gefragten Bassisten Larry Grenadier auf und überzeugte in Trio-Formation.

Am letzten Festivaltag trafen Andreas Heuser, Claudio Puntin und Markku Ounaskari erstmals aufeinander. Die Experimentierfreude ist ein Kennzeichen des musikalischen Schaffens dieser drei Musiker. So überraschte es kaum, dass dieses Aufeinandertreffen mehr war als nur eine Uraufführung: ein transkultureller Schaffensprozess, intensiv und überraschend.

Aus dem hohen Norden Europas auf die Bühne des Theaters Gütersloh: Die Timo Lassy Band brachte ihren aus dem Hardbop erwachsenen Jazz zwischen Soul, R&B und Pop von Finnland nach Deutschland. Mit keinen anderen als seinen langjährigen Freunden könne er seine Musik spielen, attestiert Bandleader Timo Lassy.

Timo Lassy hat Jazz an der renommierten Sibelius-Akademie in Helsinki studiert, die mittlerweile als Universität der Künste Helsinki firmiert. Dort spielte Lassy auch im "Five Corners Quintett", wo er und seine Musikerkollegen Hardbop und Soul-Jazz in neue Kontexte stellten. Diese Erfahrungen nahm er - deutlich hörbar - in seine Timo Lassy Band mit.

Im Bunker Ulmenwall standen die Brüder Hubert und Ludwig Nuss auf der Bühne. Pianist Hubert Nuss erhielt schon 2008 den WDR Jazzpreis in der Kategorie "Improvisation". Mit seinem von Olivier Messiaen geprägten Spiel trat er nun am Abend ins Zwiegespräch mit seinem Bruder Ludwig, der als Posaunist eine feste Größe in der WDR Big Band ist. Eine mittlerweile seltene Gelegenheit, diesen hochtalentierten Brüdern im gemeinsamen Spiel zu lauschen.

Der Starpianist Michael Wollny sucht die Herausforderung. Auf dem Weg zu einer orchestralen Improvisationsmusik hat er mit dem Norwegian Wind Ensemble unter der Leitung von Geir Lysne seine Gefährten gefunden. Auf der großen Bühne des Theaters Gütersloh traf das renommierte Michael Wollny Trio nun auf dieses ungewöhnliche Blasorchester, dessen Arbeitschwerpunkte eigentlich zwischen Renaissance und Klassik liegen.

"Wie ein Lavastrom, der langsam fließt, mal hier mal da knackt, aber von niemandem richtig gesteuert wird" sei die Arbeit seines Trios mit dem Norwegian Wind Ensemble, so Michael Wollny. Wie ein vierter Musiker griff das Orchester am Abend in das Geschehen ein und entfaltete sich auf vorher grob abgesteckten Improvisationsflächen.

Noch ein Brudertreffen: Der Trompeter Markus Stockhausen brachte für sein Projekt "Wild Life" seinen Bruder Simon mit, der am Keyboard zum elektro-akustischen Experiment beisteuerte. Auf der Studiobühne zeigte Markus Stockhausen, dass er seit seiner Auszeichnung mit dem WDR Jazzpreis 2005 nichts von seiner kreativen Umtriebigkeit verloren hat. Ein hochspannendes letztes Konzert und ein fulminanter Abschluss des Festivals.

Ein letzter Blick über Gütersloh: Das Festival konnten Interessierte nicht nur im Radio, sondern - in Kooperation mit ARTE Concert - auch im Livestream verfolgen. Drei abwechslungsreiche Festivaltage gehen zu Ende und wir blicken voll Vorfreude auf 2019.

Stand: 05.02.2018, 15:27 Uhr