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Kontaktverfolgung bei Corona: "Es werden zu viele"

Mitarbeiter*innen im Gesundheitsamt Berlin verfolgen Kontaktlisten am Telefon

Kontaktverfolgung bei Corona: "Es werden zu viele"

Ariane arbeitet derzeit in einem Gesundheitsamt im Ruhrgebiet und telefoniert dort täglich Corona-Kontaktlisten ab. Im WDR 2 Interview erzählt sie, warum die Arbeit kaum noch zu schaffen ist.

Gesundheitsamt: "Es werden zu viele, die wir verfolgen müssen"

WDR 2 16.10.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 16.10.2021 WDR Online

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Alle, die mit einem positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen länger und näher Kontakt hatten, müssen sich in Quarantäne begeben. Es ist Aufgabe der Gesundheitsämter diese Kontakte zu informieren. Angesicht steigender Fallzahlen wird die Aufgabe immer größer. Ariane hat sich deshalb an WDR 2 gewandt, um über die Probleme bei ihrer Arbeit zu berichten.

WDR 2: Sie haben uns berichtet, dass es vor allem Familienfeiern und private Treffen sind, auf denen sich Menschen infizieren. Wie reagieren die Menschen, die Sie anrufen?

Ariane: Überrascht. Manchmal wissen sie es ja schon aus dem Familien-WhatsApp-Verteiler. Aber nichtsdestotrotz erlebe ich die Leute echt überrascht, weil immer alle denken, mir passiert das nicht. Wir treffen uns ja nur mit Verwandten.

Aber sie sind aufgeschlossen?

Die Leute, die ich am Telefon habe, sind zum größten Teil wirklich vernünftig, lassen sich beraten.

Klingt jetzt aber eigentlich so, als würde er es ganz gut laufen. Wo liegen denn die Schwierigkeiten?

Es werden zu viele, es sind so viele Kontaktlisten, die wir verfolgen müssen. Wenn jemand positiv ist, dann wird von von einer bestimmten Abteilung hier im Haus die Kontaktliste erstellt und dann werden die in unser Körbchen gelegt. Und wir müssen die dann verfolgen. Das Problem ist, wir verfolgen momentan Kontaktliste, die wir vor zwei und drei Tagen bekommen haben. Und es gab auch schon Zeiten, da haben wir Kontakte verfolgt, die eine Woche alt waren. Da gehen uns kostbare Tage verloren, an denen jemand, der sich angesteckt hat, das Virus weitergeben kann.

Was heißt, das Körbchen ist zu voll?

Backsteingebäude des Gesundheitsamtes

"Wie kriegen Faxe. Wir haben ganz viele Zettel."

Wir arbeiten ja noch ein bisschen analog. Mit der Digitalisierung hat sich lange nichts getan. Und jetzt offenbart sich wirklich eine große Lücke. Wir kriegen Faxe. Wir haben ganz viele Zettel. Und wir haben Ablagekörbchen, aus denen wir uns dann die Kontaktlisten fischen müssen. Da liegen unter Umständen hunderte Listen drin. Und auf der Liste sind mehrere Personen.

Was ist denn Ihr Wunsch?

Ich würde mir tatsächlich eine schnellere Digitalisierung wünschen. Das wird ja immer gesagt von der Politik. Aber im Moment kommt hier tatsächlich nichts an. Also wir haben jetzt zwar ein Programm bestellt, es dauert aber, bis hier alles installiert ist. Und wir brauchen mehr Leute. Wir haben jetzt vier Leute von der Bundeswehr. Das ist auch wirklich toll. Aber die bleiben zwei Wochen, dann sind sie endlich angelernt und dann wechseln sie. Wir brauchen wirklich Leute, die dauerhaft hier bleiben.

Wie groß ist Ihre Sorge?

Wir haben ja auch Infizierte am Telefon und wir hören, wie es denen geht. Und wenn man infiziert ist und Symptome hat, dann ist das echt nicht mehr lustig. Die Menschen haben eine ganz große Angst. Und die Angst habe ich auch. Ich gehe nicht auf Konzerte, ich verreise auch nicht. Aber es kann ja sein, wenn ich nächste Woche mit meinen Söhnen im kleinen Kreis Geburtstag feiere, dass einer von denen mir was nach Hause bringt. Und deshalb haben wir solche Sachen tatsächlich jetzt auch wieder gestrichen. Wir machen es wieder wie im Frühjahr. Und das wäre auch mein Wunsch an alle Menschen. Am Anfang haben wir das alle toll gemacht. Das hat ja was gebracht. Und wir müssen ehrlich sein: Das wird vermutlich die nächsten Monate so bleiben.

Das Interview führte Max von Malotki

Stand: 16.10.2020, 14:02