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Giorgio Scerbanenco - Das Mädchen aus Mailand

Cover Giorgio Scerbanenco "Das Mädchen aus Mailand", im Hintergrund die Fassade von Wohnhäusern in Mailand

WDR 2 Krimitipp

Giorgio Scerbanenco - Das Mädchen aus Mailand

Von Udo Feist

Eine junge Frau stirbt. Ein junger Mann beginnt zu trinken. Und ein gerade aus der Haft entlassener Arzt kommt einer international operierenden Bande auf die Spur. Spannend und schonungslos.

Mailand Mitte der 1960er Jahre: Duca Lamberti ist "behandelnder Arzt im Untergrund". Denn seine Zulassung hat er verloren, kümmert sich aber trotzdem nun um den Sohn eines reichen Ingenieurs, der ein schweres Alkoholproblem hat. Er muss schließlich Geld verdienen. Lamberti wurde erst vor drei Tagen aus dem Gefängnis entlassen.

Ein Arzt im Aufstand

Er saß drei Jahre. Lamberti hatte einer verzweifelten Todkranken aktive Sterbehilfe geleistet und vor Gericht dazu gestanden. Er ist einer mit Idealen, der aufbegehrt. Die verlogene bürgerliche Wohlanständigkeit hatte er satt, wie so viele in jener Epoche - aber nun muss er das Sucht-Kindermädchen für einen Wohlhabenden spielen. Doch auch diesen Job macht mit jener Gründlichkeit, die er sich als Arzt immer schon abverlangte. Lamberti gerät darüber in eine wirklich üble Geschichte voller Niedertracht und Gewalt. Zunächst findet er heraus, dass sein junger Patient wegen eines Mädchens säuft, das er kennengelernt hatte – attraktiv und sehr verzweifelt. Sie wollte, dass er mit ihr Hals über Kopf weggeht, ganz weit weg. Aber der Junge traute sich nicht, hatte Angst vor dem Ungewissen und auch davor, was sein Vater dazu sagen würde. Kurz darauf war das Mädchen tot.

Perfide Geschäfte

Selbstmord. Angeblich. Die Polizei hatte keine Zweifel. Lamberti jedoch findet heraus, dass mit ihrem Freitod etwas nicht stimmen kann. So kommt er einer international operierenden Bande auf die Spur, die für perfide Geschäfte über Leichen geht. Doch manchmal hat auch Lamberti keine Hemmungen und weiß als Arzt zudem genau, welche Schläge wohin verheerend wirken. Ein verbitterter Rächer ist er trotzdem nicht, bloß einer, der sich nicht damit abfinden will, dass die Gesellschaft nun mal ist, wie sie ist. Und einer, der trotz hohen Risikos die Initiative ergreift und sich nicht abschütteln lässt. Das macht ihn sehr sympathisch. Und er findet Gleichgesinnte, die mit ihm an einem Strang ziehen.

Ein Meilenstein

"Das Mädchen aus Mailand" ist gut geschrieben und schonungslos, sehr spannend und regt zum Nachdenken an. Ein Roman mit einem Helden, der einem aus der Seele spricht, und ein Meilenstein: Autor Giorgio Scerbanenco, eigentlich Journalist, begründete damit die eigenständige italienische Krimiliteratur, die es so zuvor nicht gegeben hat. Das 1966 erstmals erschienene Buch ist ein Klassiker, der sich lohnt, und kein bisschen angestaubt. Die deutsche Übersetzung wurde jetzt neu aufgelegt. Wir sagen: große Empfehlung.

Giorgio Scerbanenco - Das Mädchen aus Mailand

WDR 2 Krimitipp | 16.07.2018 | 04:50 Min.

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Giorgio Scerbanenco
Das Mädchen aus Mailand
Folio-Verlag
ISBN: 978-3852567549
18 Euro

Stand: 16.07.2018, 19:12