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Hideo Yokoyama - 64

Cover von Hideo Yokoyama: 64, im Hintergrund Kirschblüten in einer Vollmondnacht in Tokio

WDR 2 Krimitipp

Hideo Yokoyama - 64

Von Oliver Steuck

Der Thriller "64" von Hideo Yokoyama war ein sensationeller Erfolg in Japan: Er erzählt die Geschichte eines Polizeipressesprechers, dessen Alltag aufgewühlt wird von seinem persönlichen Schicksal, aber auch von Intrigen und Machtkämpfen in der Politik und bei der Polizei.

Hideo Yokoyama - 64

WDR 2 Krimitipp | 12.03.2018 | 04:44 Min.

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Beim Polizeipräsidium in der japanischen Provinz hat sich hoher Besuch angekündigt: der Generalinspekteur aus Tokio. Pressesprecher Yoshinobu Mikami soll diesen Besuch vorbereiten und muss sich deshalb mit einem 14 Jahre alten ungelösten Fall beschäftigen. Damals wurde ein kleines Mädchen entführt und nach einer gescheiterten Lösegeldübergabe ermordet. Der Generalinspekteur will sich nun höchst medienwirksam mit dem Vater des Opfers treffen. Mikami beschäftigt sich ausführlicher mit dem sogenannten Fall "64", wohl auch weil er ein ähnliches Schicksal teilt.

Der ungelöste Fall "64"

Auch Mikamis Tochter Ayumi ist spurlos verschwunden. Die Jugendliche ist vor Monaten abgehauen. Mikami und seine Frau rechnen ständig mit dem Schlimmsten. Die Ungewissheit belastet sie schwer, doch nach außen führen beide ein normales Leben und verschweigen teilweise, dass Ayumi vermisst wird. Mikami ordnet sein Privatleben der Arbeit unter, denn Pflichterfüllung und Loyalität stehen an erster Stelle. Bei seinen Nachforschungen zum Fall "64" stößt er auf ein geheimes Memo. Offenbar wurden einige Fehler vertuscht. Der Fall "64" spielt aber auch für aktuelle Machtspiele und Intrigen in dem gewaltigen Behördenapparat Polizei und in der Politik eine wichtige Rolle.

Spannende Einblicke in eine fremde Welt

Die komplexe Handlung lässt sich in wenigen Worten kaum wiedergeben. Mit 760 Seiten und sehr vielen Figuren ist "64" sicherlich eine Herausforderung für deutsche Leser. Dazu kommt die für westliche Verhältnisse sehr fremde Alltagskultur Japans. Doch gerade diese Welt zu entdecken, ist reizvoll. Als Leser muss man erst in das Buch hineinfinden. Allein die japanischen Namen machen es anfangs schwer, Personen zu unterscheiden oder zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Wer sich eingelesen hat, kommt von "64" aber nicht mehr los. Autor Hideo Yokoyama zeichnet ein faszinierendes Bild von Japans moderner Gesellschaft: Machtstrukturen werden akzeptiert, persönliche Befindlichkeiten zurückgestellt. So erlaubt sich Mikami nur in stillen Momenten, Trauer und Sorgen zuzulassen. Sein Funktionieren innerhalb der Verwaltung und der Hierarchie hat immer Vorrang.

Meilenstein der japanischen Kriminalliteratur

"64" ist ein verschlungener Politthriller, der mich mal erschüttert, mal bewegt und auch einfach mal sprachlos zurückgelassen hat, weil die Uhren in Japan eben anders ticken als bei uns. Besonders das Verhältnis zwischen Polizei und Presse ist sehr befremdlich. "64" ist ein über weite Strecken sehr ruhiges, aber auf ganz eigene Weise sehr fesselndes Buch, das auf keiner der vielen Seiten langweilt. In Japan ist es zu einem Meilenstein der Kriminalliteratur geworden. Grundlage der deutschen Übersetzung ist übrigens die englische Übersetzung von Jonathan Lloyd-Davies. Sprache und Tonfall seien für westliche Leser so gut getroffen, dass sich weitere Übersetzungen an dieser qualitativ hochwertigen Arbeit orientieren sollen, verfügte der japanische Originalverlag.

Hideo Yokoyama
64
übersetzt von Sabine Roth
Verlag: Atrium Zürich
ISBN: 9783855350179
Preis: 28 Euro

Stand: 12.03.2018, 00:00

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