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Lutz Wilhelm Kellerhoff - Die Tote im Wannsee

Buchcover zu "Die Tote im Wannsee" von Lutz Wilhelm Kellerhoff

WDR 2 Krimitipp

Lutz Wilhelm Kellerhoff - Die Tote im Wannsee

Von Oliver Steuck

Wenn ein Jahr einer ganzen Bewegung seinen Namen gibt, dann muss es ein sehr prägendes Jahr gewesen sein. Das war so vor genau 50 Jahren. Das Jahr 1968 steht im Mittelpunkt unseres heutigen Krimitipps. "Die Tote im Wannsee" verbindet gut recherchierte Zeitgeschichte mit einem spannenden Kriminalfall.

"Die Tote im Wannsee" heißt Heidi Gent, eine junge Frau, verheiratet, zwei Kinder. Als Tatverdächtiger scheint der Ehemann in Frage zu kommen. Aber im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen sieht Kommissar Wolf Heller das anders. Es könnte auch einen politischen Hintergrund geben. Heidi Gent arbeitete zum Beispiel in der Kanzlei eines berühmten Anwalts: Horst Mahler, den es - wie einige andere Figuren in diesem Buch - übrigens wirklich gibt. Mahler machte sich damals einen Namen als Verteidiger bekannter studentischer Aktivisten wie Dutschke oder Langhans. Heute ist dieser Mahler übrigens extrem rechter Gesinnung.

Ein Polizist zwischen den Generationen

Kommissar Wolf Heller ist eher bürgerlich und nicht sehr politisch. Er ist 32 und versteht nicht viel von den Revolutionsgedanken, findet die linke Szene aber in Teilen durchaus spannend. Auch er hat noch viele offene Fragen, was den 2.Weltkrieg betrifft. Entsprechend schwierig ist das Verhältnis zu seinem Vater, der sich - wie viele aus dieser Generation - ausschweigt über seine Kriegserlebnisse. Im Grunde lebt Heller ein relativ normales 60er-Jahre-Leben, das aber aus heutiger Sicht natürlich schon sehr eigen ist.

Die späten 60er werden wieder lebendig

Vor allem macht man sich als Leser deutlich, wie eng gesteckt das Leben eigentlich noch war. Heller wohnt zum Beispiel als Untermieter bei einer alleinerziehenden jungen Mutter. Da steht schnell der Straftatbestand der Kuppelei im Raum. Es geht auch um die Schwulenszene Berlins. Zwei Männer zusammen - das war damals strafbar. Der Kalte Krieg, die Teilung Berlins, als Folge das sich gegenseitige Ausspionieren im Ost-West-Konflikt oder die Radikalisierung der Studenten, die später zum Terrorismus der RAF führen wird… Mit großer Genauigkeit und viel Liebe zum Detail wird hier eine Zeit zu neuem Leben erweckt, die ja noch gar nicht so lange her und doch schon ein bisschen in Vergessenheit geraten ist.

Das "Autorenkollektiv"

Gleich drei Autoren haben diesen Krimi zu Papier gebracht. Martin Lutz und Sven Felix Kellerhoff sind zwei renommierte Journalisten. Beide sind knapp unter 50 und haben das Jahr 1968 selbst nicht miterlebt. Uwe Wilhelm ist ein erfolgreicher Drehbuch- und Krimiautor und war 1968 immerhin 11 Jahre alt. Für ihr gemeinsames Buch haben die drei in Zeitungs- und Fernsehredaktionen sowie zahlreichen anderen Archiven recherchiert, um möglichst realistisch zu beschreiben, wie das Leben in dieser Zeit aussah und welche Ereignisse für das Jahr 1968 relevant waren. Sie haben viele große und kleine Ereignisse zusammengeführt - von der großen Politik bis zu einem der ersten Kneipenauftritte eines jungen Künstlers namens Reinhard Mey. Dazu einen hochspannenden Kriminalfall, der eng mit der Historie verwoben ist. Ich hab das Buch an zwei Tagen verschlungen. Für mich das erste große Highlight der Herbstsaison.

Lutz Wilhelm Kellerhoff - Die Tote im Wannsee

WDR 2 Krimitipp | 13.08.2018 | 01:28 Min.

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Lutz Wilhelm Kellerhoff
Die Tote im Wannsee
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-05064-0
Preis: 16,00 Euro

Stand: 13.08.2018, 18:43