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Nick Cave & The Bad Seeds in Düsseldorf: Wahnsinn

Nick Cave auf der Bühne

WDR 2 präsentiert

Nick Cave & The Bad Seeds in Düsseldorf: Wahnsinn

Von Ingo Schmidt

Einige Zeit war es ruhig um den Star des Pop-Untergrunds, der den Tod seines Sohnes Arthur verarbeiten musste. Nun ist er zurück auf Europas Bühnen. In Düsseldorf überrascht er selbst eingefleischte Fans mit einer intensiven Show.

Die spannende Frage an diesem Abend ist: Wie hat Nick Cave (60) der tragische Verlust seines Sohnes vor zwei Jahren verändert? Sitzt er nun noch introvertierter am Klavier? Zumal auf der Setlist sieben von acht Tracks des 2016 veröffentlichten Albums "Skeleton Tree" stehen, das wohl ein gutes Stück der Trauerarbeit ausgemacht hat. In der ausverkauften Veranstaltungshalle im Düsseldorfer Oberbilk erleben die 7.500 das genaue Gegenteil: einen offenen, leidenschaftlichen Sänger, der sein Publikum auf eine Achterbahnfahrt seiner Gefühle mitnimmt, eine Gratwanderung zwischen Melancholie und Wahnsinn. An Intensität jedenfalls sucht dieser Abend im Konzertbusiness seinesgleichen.

Nick Cave & The Bad Seeds in Düsseldorf: ein Erweckungserlebnis

WDR 2 | 13.10.2017 | 03:46 Min.

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Die Abgründe der menschlichen Existenz

Mit dem Habitus eines Predigers legt der charismatische Australier mit "Anthrocene" vom neuen Album los. "Was wir lieben, werden wir verlieren!" - Caves Zeilen gehen umso mehr unter die Haut, als sein dunkler Anzug und die sparsame Frostbeleuchtung sie auch optisch auf ihren traurigen Kern reduzieren. "Jesus Alone" und "Magneto" fügen sich nahtlos in diese düstere Eröffnung ein. Optisch auf dem Panoramascreen und musikalisch öffnet sich dann ein immer weiteres Spektrum, das stets dem lyrischen und emotionalen roten Faden in Nick Caves Traumwelt folgt: Um die Abgründe der menschlichen Existenz, Religion, Liebe, Hass, Mord und Totschlag, Besessenheit und Wahnsinn drehen sich seine Songs, die er aus dem großen Pool der vergangenen 33 Jahre auswählt. So umschmeichelt er sein Düsseldorfer Publikum in einem Moment mit seinem Barriton oder zeigt seine ganze Fragilität, um im nächsten Moment seine ganze Wut herauszubrüllen. Dabei bewegt er sich abseits seines Klavierhockers meist rastlos mit großen Gesten über die riesige Bühne, erfasst die sich ihm entgegen reckenden Arme seiner "Jünger".

Nick Cave auf der Bühne

Wie bei einer Messe

Die faszinierende Präsenz Caves ist bis in die letzte Reihe auf den Rängen spürbar, ein wenig auf Kosten seiner kongenialen, sechsköpfigen Begleitband. Die Musiker um Bandleader Warren Ellis folgen dem Meister durch alle Genres zwischen Post-Punk und Indierock, klingen teils leise verträumt, um plötzlich ein dissonantes Klanggewitter zu erzeugen. Wie etwa im ältesten Titel des Abends, "From Her To Eternity", wenn alle zu Schlagwerkern werden, auch auf Violine und Gitarre eindreschen. Zur absoluten Extase schaukelt sich die Stimmung schließlich im Zugabeblock hoch. Zum "Weeping Song" steht Nick Cave auf einem Podest mitten im Saal, überlässt sein Mikro vorsichtig einem Fan, alle anderen folgen seinen Vorgaben zum Mitklatschen im Sechzehnteltakt. Der Albtraum der Sicherheitsleute geschieht zum lasziven Groove von "Stagger Lee", bei dem eine große Schar Zuschauer zum Tanzen auf die Bühne strömt. Die benehmen sich aber dankbar, wissen, dass sie hier etwas heutzutage sehr rar gewordenes erleben. Zum Finale mit "Push The Sky Away" setzen sie sich auf Bitte Caves auf den Boden, schwenken ihre Arme. Das wirkt wie bei einer Messe. "Das ist unser Messias!" ruft ein weiblicher Fan laut lachend und verwundert über das Szenario. "Und wir sind seine Marionetten. Er hat es echt drauf!"

Setliste
1. Anthrocene
2. Jesus Alone
3. Magneto
4. Higgs Boson Blues
5. From Her to Eternity
6. Tupelo
7. Jubilee Street
8. The Ship Song
9. Into My Arms
10. Girl in Amber
11. Need You
12. Red Right Hand
13. The Mercy Seat
14. Distant Sky
15. Skeleton Tree
16. The Weeping Song
17. Stagger Lee
18. Push the Sky Away

Stand: 13.10.2017, 08:15