Wie ein Musicalsong zum Boyband-Hit wird

Musikkassetten liegen nebeneinander auf einem Tisch. Dazu der Text: Der 90er nach 9.

Wie ein Musicalsong zum Boyband-Hit wird

Von Katrin Elsner

Der 90er nach 9 holt den Sound eines großen Jahrzehnts ins Radio. Wir erzählen die Geschichten hinter dem Song "No Matter What", wie die Fugees zusammenfinden, warum "I Can't Dance" ein Schnellschuss ist und warum ein Selbstfindungstrip die Geschichte eines Hits wird.

Fugees - Killing me softly

Anfang der 90er bildet sich in New Jersey in den USA eine neue HipHop-Gruppe: die Fugees. Rapper Pras gründet die Band. Schon an der Highschool lernt er Sängerin Lauryn Hill kennen. Dazu schnappt er sich eine weitere Freundin und fängt an Musik zu machen.

Lauryn Hill erinnert sich, dass sie eigentlich eher schmückendes Beiwerk sein sollten, damit Pras vorne als toller Hecht seine Show abziehen kann. Ihr Job war es hauptsächlich im Hintergrund ein bisschen zu singen, während Pras sein Ego vor der gesamten Schule aufpolieren wollte.

Später stößt dann Wyclef Jean dazu - ein Cousin von Pras. Es gibt ein paar personelle Umbesetzungen, Lauryn Hill wird zur Hauptstimme und die Fugees finden sich endgültig zusammen. Nachdem das erste Album komplett floppt, kommt dann der Durchbruch mit "The Score".

Nicht nur "Fu-Gee-La" ist drauf, auch "Ready Or Not" und zwei Coverversionen - auch unser heutiger 90er nach 9: "Killing me softly". Das Original aus den 70ern, dann im typischen Fugees-Sound. Rap, HipHop, R'n'B, sogar Reggae-Elemente.

Es war der allerletzte Song, den sie für ihr Album aufgenommen haben und es wurde der mit Abstand erfolgreichste. In über 20 Ländern Platz 1 der Charts, das gesamte Album verkauft sich über 22 Millionen Mal.

Boyzone - No Matter What

Die Spuren dieses 90er-Hits führen uns auf die Musical-Bühnen dieser Welt. Sir Andrew Llyod Webber gilt als einer der erfolgreichsten Musical-Komponisten aller Zeiten. 1997 kam ein eher weniger bekanntes Musical von ihm auf die Broadway-Bühne: "Whistle Down The Wind".

Ein Titel des Stücks "No Matter What", gesungen von einem Kinderchor. Ein Jahr später nimmt die irische Boygroup Boyzone eben diesen Song nochmal neu auf. Die Gruppe um Ronan Keating hatte da schon europaweit riesige Erfolge.

"No Matter What" wird aber in Deutschland zur erfolgreichsten Single der Bandgeschichte. Nochmal ein Jahr später hat sogar Meat Loaf noch seine Version des Songs veröffentlicht.

Genesis - I Can't Dance

Auch "I Can't Dance" von Genesis fällt in die Kategorie: erfolgreicher Schnellschuss. Schon immer hat die Band im Tonstudio viel improvisiert und dadurch oftmals eher durch Zufall ihre Songs geschrieben – natürlich immer in Kombination mit überdurchschnittlich großem Können.

Aber Phil Collins weiß noch genau, wie es bei "I Can’t Dance" war. Mike Rutherford habe seinen Gitarren-Part improvisiert, während Phil in der Ecke saß und gleichzeitig den Text geschrieben hat. Irgendwann rief Phil Collins plötzlich "Fertig!", Musik und Text kamen zusammen und der Hit war im Kasten.

Ein bisschen Glück gehörte allerdings auch dazu, weil Mike Rutherford zwischendurch vergessen hatte, welches Gitarrenriff er da improvisiert hatte. Glücklicherweise lief während dieser Improvisation aber schon das Aufnahmegerät und beim erneuten Anhören fiel das heute legendäre Riff sofort wieder auf.

Spin Doctors - Two Princes

Manchmal muss man Sachen durchziehen, auch wenn sie sich am Anfang noch ziemlich komisch anfühlen. Sonst wäre zum Beispiel "Two Princes" von den Spin Doctors nie entstanden.

Frontmann Chris Bannon sitzt beim Songschreiben zuerst vor dem leeren Blatt Papier und schreibt die ersten zwei Zeilen auf: "One, two, princes kneel before you. Princes, Princes who adore you." Es sind nicht die großen poetischen Ergüsse, das war Chris Bannon allerdings auch ziemlich schnell klar.

Er meinte damals: "Das klingt dämlich." Er war kurz davor die ersten Zeilen wegzuwerfen, als er 20 Minuten später aber die Idee zur Melodie des Songs hatte. Plötzlich fügte sich alles, aus den ersten plumpen Textzeilen wurde ein ganzer Song, dem er heute seinen Weg als erfolgreicher Musiker verdankt.

Cardigans - Lovefool

Im Mai 2020 erscheint eine Coverversion von "Lovefool" vom deutschen Electro-Duo Twocolors. Der Song wird zum Hit – zum zweiten Mal. Auch das Original war ein Erfolg, nur nicht mit so viel Wumms. Die eher zierlichen Frauentöne kommen von Nina Persson, der Stimme der schwedischen Band "The Cardigans".

Der Cardigans-Bassist Magnus Sveningsson wollte damals eine neue Band gründen und hat eine Frau als Sängerin gesucht. Durch Bekannte stößt er auf Nina, die sogar bei ihm zu Hause in einer Art Casting vorsingen musste.

Für Nina ein bisschen unangenehm, weil sie bis dahin nie vor anderen gesungen hat, ihre Stimme war aber genau das, was die Band gesucht hat. Die ersten Songs wurden aufgenommen und produziert. An einen wirklichen Erfolg hat Nina damals aber nie gedacht.

Für sie war diese Band nie mehr als ein Freizeitprojekt. Aber von wegen: "Lovefool" wird zu einem Welthit, auch weil er nach der Veröffentlichung im Film "Romeo & Juliet" mit Leonardo DiCaprio zu hören ist und nochmal mehr Aufmerksamkeit bekommt.

La Bouche - Sweet Dreams

Frank Farian gehört zu den erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten. Der Erfolg von Boney M. geht auf sein Konto, Milli Vanilli, No Mercy oder auch La Bouche. Über die Jahrzehnte hinweg hat er für Hits gesorgt - hat immer wieder neue Musikprojekte gegründet.

"Sweet Dreams" ist die erste Single des Duos um Sängerin Melanie Thornton. Egal wie textsicher man beim Song ist, das "Oh la, oh la, e" können alle mitsingen. Genau dieser Song-Teil ist allerdings noch viel älter als "Sweet Dreams" selbst.

Schon 1973 hatte ihn die US-amerikanische Funk-Band Ripple im Song "I Don't Know What It Is, But It Sure Is Funky". Mit ein paar aufgemotzten Beats darunter wurde daraus bei La Bouche nochmal Teil eines Eurodance-Hits.

Marc Cohn - Walking In Memphis

Memphis – ein Wort, eine Stadt, die viele vor allem mit Elvis Presley assoziieren. Memphis ist seine Heimat, Graceland mittlerweile eine Pilgerstätte seiner Fans. Auch Marc Cohn ist Elvis-Fan, auch er ist mal nach Graceland gefahren, hat sich Memphis genauer angeguckt.

Das alles, weil er den Kopf frei bekommen wollte. Er hatte eine Schreibblockade, keine Ideen mehr. Seine Geschichte, wie er durch Memphis gelaufen ist, wurde dann sein größter Hit: "Walking In Memphis".

Marc Cohn landet damit weltweit in den Charts, ist musikalisch heute zwar eher ein One Hit Wonder, aber er ist stolz, diesen einen Hit geschrieben zu haben. Nur manchmal ist er erschrocken, wenn Leute auf ihn zukommen und meinen: "Oh wir mögen deinen Song".

Scherzhaft denke er sich dann immer: "Meinen Song? Ich habe 50 Songs geschrieben". Wann immer aber "Walking In Memphis" bis heute im Radio läuft und Marc Cohn ihn hört, weggeschaltet wird nie.

Ugly Kid Joe - Cats In The Cradle

Ein Vater arbeitet so viel und so hart, dass er für seinen Sohn kaum noch Zeit hat - das ist die Geschichte von "Cats In The Cradle". Schon in den 70ern wird der Song zum ersten Mal ein großer Erfolg. Damals von Sänger Harry Chapin, sogar Johnny Cash hat ihn mal gecovert.

Die erfolgreichste Version kommt aber von der US-amerikanischen Hardrock-Band Ugly Kid Joe. Die Hardrock-Band hört man bei dem Song gar nicht so sehr raus, was aber oftmals das Schicksal vieler Bands ist. Plötzlich sind die sanfteren Töne einer eigentlich harten Band dann die erfolgreichsten.

Das war auch der Grund, warum Sänger Whitfield Crane Mitte der 90er keine Lust mehr hatte, den Song zu singen. Heute weiß er den Erfolg zu schätzen. Seine erste Platte war von Black Sabbath und zu Hause vorm Spiegel wurde mit dem Tennisschläger als Gitarre dann Rockstar gespielt.

Dass er aber eines Tages wirklich Teil eine Rockband sein sollte, daran hat er damals nicht gedacht. 1989 findet sich seine Band Ugly Kid Joe zusammen. "Everything About You" wird ihr erster Hit, "Cats In The Cradle" der Größte.