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"Für uns ist diese DIY-Kultur praktisch alles"

Kitschkrieg

Interview mit Kitschkrieg

"Für uns ist diese DIY-Kultur praktisch alles"

Kitschkrieg sind die Wegweiser einer ganzen Sound-Generation und haben einige der besten Deutsch-Rap-Alben der letzten Jahre (mit-)produziert. Wir haben Fiji Kris, Fizzle und Awhodat zum Interview getroffen.

Ihr kommt ja eigentlich aus dem Reggae, aus dem Dancehall. An welchem Punkt musstet ihr euch über diesen Sound hinaus weiterentwickeln?

Fizzle: Ich glaub es war eine ganz natürliche Weiterentwicklung. Wir kommen aus der Soundsystem-Kultur, wie du richtig gesagt hast, also Reggae, Dancehall, Soundsystems. Die Vorgängerprojekte haben das bearbeitet, aber selbst in den Projekten haben wir eigentlich immer über den Tellerrand hinaus geschaut. Und dementsprechend war das eine ganz natürliche Weiterentwicklung, die da stattgefunden hat und nicht eine bewusste Entscheidung.

Fiji Kris: Unser Verständnis von Musik ist so, dass wir so ein bisschen so den Stammbaum kennen und dass halt vieles vom Dub und vom Reggae abstammt, was heute die urbanen Musikrichtungen sind. Deswegen ist diese Verwandtschaft eher eine Selbstverständlichkeit und keine Innovation.

Aber gab es für euch am Anfang einen Orientierungspunkt? Oder eine Musikszene in einem anderen Land, wo ihr gesagt habt, da wird das ja schon gemacht? Deutschland war da sehr lange in der Sackgasse.

Fizzle: Ja, das stimmt schon. Also ich glaube, wir sind schon sehr stark beeinflusst von der englischen Szene, wo viele Sachen auf natürliche Art und Weise zusammenkommen.

Wo ganz natürlich auch einfach karibische Sounds zum Beispiel drin sind.

Fizzle: Genau, und ganz viele andere Einflüsse auch. So von Punk Rock über karibische Einflüsse, da kommen Sachen auf natürliche Arten und Weisen zusammen. Und da wir vieles davon mögen, haben wir das halt hier auch getan mit den Zutaten, die hier zur Verfügung standen.

Am Ende ist es dann doch so einfach? Also ihr macht so eine Musik, die ihr dann wahrscheinlich auch hören würdet. Also das, was ihr selbst einfach gerne hört. Das ist keine Auftragsarbeit.

Fizzle: Ja, wir sind Fans, glaube ich.

Fiji Kris: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.

Genredenken gibt es bei euch gar nicht mehr? Also wenn ich jetzt sagen würde: Erklärt jemandem, der noch nie Kitschkrieg-produzierte Songs gehört hat, wie ihr klingt. Das muss man von Song zu Song machen, oder?

Fizzle: Ja, irgendwie schon. Also ich tu mich auch schwer damit, wenn mich jemand fragt, was machst du für Musik, was ist das für ein Genre? Kann ich nicht mehr wirklich beantworten.

Fiji Kris: Ich denke auch, dass ist nicht nur für uns so, sondern es sind auch ein bisschen die Zeichen der Zeit. Das Internet gibt’s jetzt nun mal, alles fließt zusammen und für mich ist moderne Popmusik auch gemischt aus vielen verschiedenen Genres. Und da kommt vieles auf natürliche Weise zusammen.

Global Pop 2.0. Gibt es eine Art Regelwerk für euch? Das für euren Sound zumindest irgendwie eine Rolle spielt, oder gibt es ein Gerüst, an dem ihr euch orientiert? Ich stell mir das jetzt schwierig vor, jedes Mal zu sagen. "Alles ist möglich."

Fiji Kris: Das ist nicht alles möglich. Es gibt Sound-Ästhetik, die wir mögen und deswegen gibt's auch einen gewissen Sound. Sagen wir mal, wenn wir uns in verschiedenen Genres bewegen, kann man trotzdem eine gewisse Ästhetik erkennen.  

Wie würdest du eure Handschrift in Worte fassen?

Fiji Kris: Minimalismus ist uns wichtig. Die Schönheit der einzelnen Sounds muss rauskommen. Und Funktionalität. Also die Dinge und Elemente müssen eine Funktion übernehmen und nicht tot gelayert werden. Also es darf nicht zu viel drin sein, so dass man die einzelnen Elemente noch raushören kann.

Eine eurer liebsten Stimmen ist die von Trettmann.

Fiji Kris: Ja. Unser Udo Lindenberg. Der Udo Lindenberg des kleinen Mannes.

Fizzle: Ja, auf jeden. Bei ihm klingt auf natürliche Weise so eine Art Traurigkeit mit, die nicht selbstverständlich ist im deutschen Pop oder in der deutschen Musik. Der ist halt nicht so ein privilegierter, langweiliger Charakter, sondern er hat den echten Blues.

Trettmann

Trettmann, der "Udo Lindenberg des kleinen Mannes"

Wie klappt euer Miteinander in Situationen, in denen ihr entscheiden müsst, etwas weg zu lassen oder nicht zu machen? Also wie einig seid ihr euch tatsächlich? Wie gut versteht ihr euch auch blind?

Fiji Kris: Irgendwie ist es gerade sehr einfach, muss man ehrlicherweise sagen. Wahrscheinlich weil wir uns auch lange kennen, unseren Weg gefunden haben, miteinander zu kommunizieren und halt auch so eine relativ klare Aufgabenteilung haben. Und eine Diskussion artet nie in eine Geschmacksdiskussion aus. Es ist wirklich eine sinnvolle Diskussion, man einigt sich auf etwas und macht das dann einfach. Weil wir auch durch das jahrelange Musizieren gelernt haben, worauf es ankommt. Man muss eine Entscheidung treffen, macht das und dann macht man weiter. Man muss das nicht tot diskutieren oder verkomplizieren.

Fizzle: Zum Beispiel Awhodat, die weitaus mehr macht als den visuellen Teil, die hört immer die fertigen Songs, oder wenn die Songs langsam eine Form annehmen, und dient uns als Sparring-Partner. Im Sinne von, ob das als Song Sinn macht und nicht nur wir uns darauf abfeiern, dass es ein geiler Beat ist und so, sondern ob das ein Gefühl transportieren kann, ob es ein gutes Lied ist.

Lasst uns auf den Entstehungsprozess eurer Beats und Projekte schauen. Ich weiß nicht, wie oft mir Leute schon erzählt haben, ob jetzt Produzenten oder Rapper, Musiker, dass sie sich während der Arbeiten für einen gemeinsamen Song noch nie gesehen haben. Wenn ich euch dabei aber so reden höre, dass was wir alles gerade besprochen haben, dann kann ich mir kaum vorstellen, dass das bei euch auch klappen würde.

Fizzle: Wir haben keinen einzigen Song, der übers Internet entstanden ist. Sondern es basiert wirklich alles darauf, dass man sich mit den Künstlern im Studio trifft und sich einschließt und gemeinsam etwas entwickelt. Und einfach guckt, wie ist jetzt die Stimmung, was ist gerade im Raum, was kann man verstärken, wie kann man da Kunst draus machen? Wir verschicken auch keine Beats an Leute.

Also aus denen die Künstler sich dann was aussuchen sollen.

Fizzle: Genau. Sondern wir treffen uns, dann werden die Sachen gemacht für die Künstler, weil eine bestimmte Stimmung im Raum ist und dann arbeiten wir die gemeinsam aus. Es ist also das genaue Gegenteil davon.

Wie essentiell ist für euch dann diese Do-it-yourself-Mentalität? Dass ihr wirklich alles in der Hand habt, dass ihr bei allem mitbestimmen könnt und bei allem freie Hand habt. Ich wette, dass nicht nur Rapper anklopfen, sondern auch große Plattenfirmen und viel Geld auf den Tisch legen und sagen: "Ey Leute, hier".

Fizzle: Ja, gibt's natürlich. Und für uns ist diese DIY-Kultur praktisch alles. Das ist das, wo wir herkommen, uns wohlfühlen und wo wir irgendwie auch gut funktionieren. Wir wägen ganz genau ab, was wir außerhalb dieses Rahmens machen. Weil die Erfahrung gezeigt hat, dass das oft wenig spaßig ist und wir dann auch nicht mehr so gut funktionieren.

Fiji Kris: Das bedeutet nicht, dass niemals ein Lied auf einer Platte erscheint, wo ein Universal-Stempel drauf ist. Aber wir dürfen uns den Spaß an der Sache nicht verderben lassen.

Fizzle: Der Rahmen muss stimmen. Wenn diese großen Firmen kommen, dann müssen die akzeptieren, dass wir da unseren Film fahren. Wenn die uns dabei unterstützen möchten, gerne. Wenn sie reinreden möchten, wird's schwierig.