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"Chernobyl" und "When they see us": Was tun gegen Machtmissbrauch?

Szenenbild aus der Sky Serie "ChernobyL"

Glotz und Gloria - Der COSMO Serien-Podcast

"Chernobyl" und "When they see us": Was tun gegen Machtmissbrauch?

Von Emily Thomey und Jörn Behr

Jörn und Emily sprechen in der neuen Folge über zwei Serien voller Machtmissbrauch, Lügen und krassen Folgen, die auf jeweils einer wahren Begebenheit beruhen. "Chernobyl" zeichnet die unfassbare Nuklearkatastrophe von 1986 nach, "When they see us" schildert die Geschichte der "Central Park Five" um zu Unrecht verurteilte Jugendliche in New York 1989. Beide Serien sind hochemotional und haben immer noch oder endlich jetzt Nachwirkungen bei den damals Beteiligten.

"Chernobyl" beginnt mit dem Suizid eines verzeifelten Mannes, der sich im Laufe der Serie als der fast einzig Aufrechte unter den Mächtigen rund um den Reaktor in der heutigen Ukraine entpuppt. Die Explosion selbst wird nicht voyeuristisch ausgeschlachtet, es geht eher um die Schicksale und Machenschaften der Beteiligten - der ständige ausflippende Geigerzähler bei den Aufräumarbeiten ist eigentlich auch schon effektvoll genug. Während Feuerwehrmänner und andere Katastrophenortanwesenden im Krankenhaus grausame Tode sterben, Tausende Tiere qualvoll verenden und Tausende Menschen umquartiert werden, versuchen Machthaber in verqualmten Hinterzimmern das Unglück kleinzureden und geheimzuhalten.

Wie kann man so sein?

Während wir beide nochmal viel gelernt haben über das Unglück, lässt uns das ganze Ausmaß ratlos zurück. Was ging in diesen Menschen damals vor? Wie kann man angesichts solcher Ereignisse immer noch besorgter um das sowjetische Ansehen im Kalten Krieg sein als um die eigene Bevölkerung? Wir können das auch heute rückblickend nicht fassen. Die Serie ist sehr langsam erzählt, es wird viel beraten, konspiriert, beruht auf langen Recherchen der Macher und packt uns auch deswegen so, weil wir wissen, dass die poetisch gefilmten Augenzeugen, die sich beinahe fasziniert in den Ascheregen des Reaktors gestellt haben, auch alle gestorben sind. Emily kann sich noch gut daran erinnern, wie Eltern in Deutschland gewarnt worden sind, ihre Kinder in Sandkästen spielen zu lassen - bevor die Bevölkerung in der Sowjetunion die Gefahren kannte! Irre. Eine wichtige, schwierige Serie, bei der wir dazu raten, nicht zu viel am Stück zu gucken, denn die Laune ist schnell im Keller.

Wie können die damit durchkommen?

Eine großer Runterzieher ist auch "When they see us". 1989 wird eine Joggerin im Central Park brutal überfallen und vergewaltigt. Polizei und Justiz legt sich bei den Verdächtigen sehr schnell auf fünf schwarze und hispanische Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren fest. Die sind komplett unbeteiligt, verunsichert, werden stundenlang verhört und schließlich zu Geständnissen gezwungen, die die Jury trotz handfester DNA-Gegenbeweise zu Schuldsprüchen verleitet. Wir konnten uns die Serie ganz schlecht angucken. Mit Gänsehaut, feuchten Augen und geballter Faust in der Tasche werden wir Zeuge einer unfassbaren Ungerechtigkeit mit strukturellem Rassismus, Misshandlungen, Einsamkeit, Chancenlosigkeit nach der Freilassung - und einer großartigen Inszenierungs- und Schauspielleistung. Besonders an Jharrel Jerome ("Moonlight"), der den verurteilten Korey Wise toll als 16- und überzeugend auch als 28-Jährigen spielt, dürfte keine große Preisverleihung vorbeikommen.

Emotional, manipulativ, inspirierend

Beide Serien sind natürlich manipulativ und lassen keinen Zweifel daran, wem unsere Sympathien gehören, was angesichts der realen Entwicklungen aber auch nicht schwer ist. Beide zeigen am Ende auch einen Blick in die Gegenwart. So erfahren wir zum Beispiel, dass die offizielle Todeszahl nach Tschernobyl ernsthaft auch heute noch bei der absurd niedrigen Zahl 31 steht, obwohl es eher Zehntausende sind. Und wir werden inspiriert von den heutigen "Central Park Five", die zwar schwer gezeichnete Männer sind, aber eine wahnsinnige Größe und Stärke ausstrahlen - und es überstanden haben.

"Chernobyl" & "When They See Us": Was tun gegen Machtmissbrauch?

COSMO Glotz & Gloria 28.06.2019 57:54 Min. Verfügbar bis 27.06.2020 COSMO

Download

Wo:

"Chernobyl" läuft bei Sky, "When they see us" bei Netflix.

Kontakt zu Emily und Jörn:
Facebook.com/cosmo_ard
E-Mail: glotzundgloria@wdr.de
Whatsapp: 0172 5678 566

Stand: 28.06.2019, 06:00