Serien-Podcast: "Bir Başkadır" und "The Underground Railroad" - wie werden Traumata verarbeitet?

Bir Başkadır

Glotz und Gloria - Der COSMO Serien-Podcast

Serien-Podcast: "Bir Başkadır" und "The Underground Railroad" - wie werden Traumata verarbeitet?

Von Emily Thomey

Die türkische Arthouse-Serie "Bir Başkadır" hat in sämtlichen Ländern die Watchlisten geknackt: Ägypten, Libanon, Marokko, Oman, aber hier in Deutschland ist sie weiterhin ein Geheimtipp. Kein Geheimtipp aber nicht weniger künstlerisch und packend, ist "The Underground Railroad", das Seriendebüt von Oscargewinner Barry Jenkins.

Serien-Podcast: "Bir Başkadır" und "The Underground Railroad" - wie werden Traumata verarbeitet?

COSMO Glotz & Gloria 14.05.2021 01:00:13 Std. Verfügbar bis 13.05.2026 COSMO


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[09:50] "Bir Başkadır"

Wer könnte besser über "Bir Başkadır" sprechen als Serienfan und COSMO-Kollegin Evren Zahirovic? Sie schaut Serien schon seit "Heidi" und schlüsselt mit ihrem türkischen Background den Subtext des Dramas auf. Der geht in der deutschen Übersetzung schon im Titel verloren: "Acht Menschen in Istanbul" greift mit keiner Silbe die Hommage an die Türkei auf, die in "Bir Başkadır" mitschwingt. Der Originaltitel erinnert an einen wichtigen türkischen Popsong, der die Heimat des Regisseurs Berkun Oya besingt.

Oya feiert die Türkei in seiner Serie aber nicht als großartiges Land, sondern zeigt mit seinen Charakterstudien sämtliche Gegensätze und Konflikte der Gesellschaft auf. Alles beginnt mit Meryem, die zusammen mit ihrem Bruder, dessen Frau und Kindern in ärmlichen Verhältnissen in einem ländlichen Vorort von Istanbul lebt. In Retro-Schick-Einstellungen folgen wir ihrem langen Arbeitsweg in die Stadt, wo sie beim reichen, aber depressiven Womanizer Sinan putzt. Weil sie aus unerklärlichen Gründen Ohnmachtsanfälle hat, geht sie zur Psychiaterin Peri. Die wiederum hat arge Schwierigkeiten Meryem zu behandeln. In der Supervision mit ihrer Freundin und Kollegin Gülbin offenbart sie ihre Verachtung für die religiös geprägte, kopftuchtragende Meryem. Nur um dann in Gülbins Wartezimmer deren Schwester ebenfalls mit Kopftuch anzutreffen.

Die Kopftuchdiskussion, die auch in der Türkei geführt wird und schon Familien entzweit hat, ist aber nur eine Konfliktlinie der Serie. Jede Figur Oyas hat Geheimnisse, die aus Angst vor der Ablehnung anderer verschwiegen werden: versteckte Homosexualität, vergangene Traumata oder politisch gegensätzliche Meinungen. Oya setzt mit dieser Serie sein Land auf die Therapiecouch und es ist ein großer Genuss seinem Ensemble dabei zuzusehen, wie sie sich streiten und letztlich auch wieder versöhnen.

[40:10] "The Underground Railroad"

Unversöhnlicher aber nicht weniger künstlerisch ist das Seriendebüt von Barry Jenkins. Er adaptiert in der zehnstündigen Miniserie "The Underground Railroad" den gleichnamigen Bestseller-Roman von Colson Whitehead und bleibt der Geschichte der jungen Sklavin Cora weitgehend treu. Ihr Leben auf einer Baumwollplantage in Georgia ist hart und voller Leid. Schon in der ersten Folge wird die Grausamkeit der Sklavenhalter in ihrer ganzen Härte gezeigt, wenn ein sogenannter "Runaway", ein geflohener Sklave, erst gefoltert und dann am lebendigen Leib verbrannt wird - zum Vergnügen der Hofgesellschaft. Die Sklavencommunity muss zuschauen. Auch Coras Mutter ist eine Runaway, allerdings hat sie sogar der berüchtigte Sklavenjäger Ridgeway noch nicht fangen können. Nach der Hinrichtung ist für Cora und ihren Freund César klar, dass sie dieses Leben nicht mehr ertragen wollen und so steigen sie ab in die Untergrundbahn.

Die ist - anders als das historische Original - keine Metapher für das Schleuser*innennetzwerk, mit dem Menschen aus der Sklaverei geflohen sind, sondern wahrhaftig unter der Erde. Riesige Dampfloks fahren dort durch ein Tunnelnetzwerk und tragen Cora und tausende andere Schwarze weg von ihren früheren Leben. Auf der Strecke findet Cora neue Freund*innen, Liebe und utopisch-paradiesische Orte. Manche davon entpuppen sich als Fake, andere sind durch die Weiße Vorherrschaft bedroht, verkörpert auch durch Ridgeway, dessen Lebensaufgabe es wird, Cora zu finden, wenn er schon ihre Mutter nicht fangen konnte. Aber egal wie dunkel und menschenverachtend Coras Erlebnisse gezeichnet sind, Jenkins und sein Team lassen genug Luft zum Atmen und nutzen poetisch-schöne Bilder. Nur bingen sollte man dieses Meisterwerk nicht.

Wo:

"Bir Başkadır" ist bei Netflix zu sehen, "The Underground Railroad" bei Prime.

Kontakt zu Jörn und Emily:

Facebook.com/cosmo_ard
E-Mail: glotzundgloria@wdr.de
Whatsapp: 0172 5678 566

Stand: 14.05.2021, 00:00