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Yousef Kekhia: “Polylog” - Entwicklung durch Verständigung

Yousef Kekhia: “Polylog”

Yousef Kekhia: "Polylog"

Yousef Kekhia: “Polylog” - Entwicklung durch Verständigung

Von Kai Brands

Yousef Kekhia kommt aus Aleppo und ist nach seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg und einem Studium in der Türkei mittlerweile in Berlin zu Hause. In seiner Musik zwischen Electronica und Indie-Folk verarbeitet er persönliche Erlebnisse und Begegnungen. Grundsätzlich geht es ihm um die eigene und gesellschaftliche Weiterentwicklung und das Aufbrechen von Grenzen durch Austausch und Verständigung. Entstanden ist ein Sound-gewordenes Abbild von Yousef Kekhias Gefühls- und Gedankenwelt.

Im vergangenen Winter tüftelt der Berliner Musiker Yousef Kekhia an seinem zweiten Album "Polylog". Aber er ist auch viel mit dem Fahrrad unterwegs und arbeitet für einen großen Essens-Lieferdienst. Es ist ein Einblick in das Leben eines Künstlers in Pandemie-Zeiten. Durch Erfahrungen und Begegnungen sucht er die Weiterentwicklung. Die unterschiedlichen Tätigkeiten bringen Yousef vom "Ich-Modus" weg, wie er sagt und bringen ihm bei, bescheiden zu bleiben und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Yousef Kekhia: "Polylog"

COSMO Sound Supreme 19.12.2021 02:24 Min. Verfügbar bis 19.12.2022 COSMO


Grenzen aufbrechen


"Polylog" ist ein Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Artists, dem auch in der Vergangenheit Musik geholfen hat, mit tragischen Erlebnissen zurechtzukommen. Auf seinem Debüt-Album "Monologue" verarbeitet Yousef Kekhia etwa den Bürgerkrieg in Syrien, seine Flucht oder seine damalige Krebserkrankung. Weniger düster als das Debüt ist "Polylog" schon, sagt er. Dennoch ist das Album voller Melancholie. Kekhias sanfter, mehrstimmiger Gesang vermischt sich mit mal spährischen, mal pulsierenden snythetischen Sounds der elektronischen Beats.

Für ihn ist das Album eine Einladung: "Lasst uns uns durch Musik kennenlernen. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, war es mein großes Ziel im Leben, dass es nicht um Länder oder Grenzen geht: ‚Woher kommst du? Wie siehst du aus? Was ist deine Hautfarbe?‘ Jetzt klingt es sehr basic, weil wir schon viel darüber geredet haben - aber vor 20 Jahren war das noch nicht so. Das ist es, was ich hier versuche mit der Musik: andere Leute kennenlernen und diese Ketten in unserem Geist aufbrechen."Diesen Prozess überträgt Kekhia auf den Albumtitel: "Polylog" - der Austausch unter mehreren. Auch er hat sich durch Begegnungen und Gespräche weiterentwickelt, sagt er. In den vergangenen Monaten und während der Arbeit am Album war Feminismus ein zentrales Thema für ihn: "Es war die ganze Zeit bei mir. Es sind komische Gedanken, wenn man denkt: ‚ Ich bin nicht so als Mann und das ist genug.’ Nein, das ist nicht genug. Das ist, was ich jetzt hier gelernt hab von Frauen, die ich getroffen habe. Es ist okay, Feminist zu sein. Auch als Mann."

Wieder zu Hause

Die Songs auf "Polylog" sind auf seiner Muttersprache Arabisch. "Es hilft mir dabei. dass ich mehr Yousef bin. Einfach Yousef. Weil ich diese Sprache halt die ganze Zeit gesprochen habe und auch die Sachen, die ich erlebt habe, haben Verbindungen zu dieser Sprache." Auf "Polylog" geht es um menschliche Begegnungen und Beziehungen. Das Gefühl "zu Hause" zu sein, ist ebenfalls sehr zentral. Im Neo-Klassik inspirierten, instrumental dominierten Opener-Song "El Beyt" versucht er, Erinnerungen und das Gefühl von zu Hause musikalisch einzufangen, während "Lan Ansa" das Gemütlichkeits- und Geborgenheits-Gefühl auf die Beziehung zu einem Menschen überträgt.

Musik wie eine Therapie

Im zentralen Song und Lieblingstrack von Yousef selbst "Al Fajer Al Kazeb" verarbeitet er persönliche Schicksalsschläge. Nach seiner Flucht aus Syrien wird bei ihm 2014 in der Türkei Krebs diagnostiziert. Den Song hat er fürs neue Album wieder aufgegriffen. Er sollte ursprünglich um das Ende einer Liebesbeziehung gehen. Durch den Tod eines Freundes bekam der Song eine ganz andere Ebene. "Es ist wie eine Therapie. So wie, wenn man über Sachen redet und sie bearbeitet. Am Ende des Prozesses, ist man echt frei. Ich konnte diesen Fakt nicht akzeptieren, dass er weg ist. Besonders durch Krebs, weil ich selbst Krebs hatte. Es hat mir unglaublich viel Angst gemacht. Ich glaube, mit dem Lied, habe ich das alles akzeptiert." Die Musik hilft Yousef, mit den Erlebnissen zurechtzukommen. Mit "Polylog" liefert er ein verspieltes und gleichzeitig von Melancholie getragenes Album, das Kekhias persönliche Bedeutung von gegenseitigem Austausch unterstreicht.

Stand: 19.12.2021, 00:00