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Nachts in Paris mit Yael Naim

Yael Naim - Nightsongs

Sound Supreme - Yael Naim: "Nightsongs"

Nachts in Paris mit Yael Naim

Von Anna-Bianca Krause

Mit ihrer klaren und weichen Stimme singt Yael Naim ihre "Nightsongs". In den neuen Songs der israelisch-tunesischen Singer/Songwriterin aus Paris, stecken die Hochs und Tiefs der vergangenen Jahre. Der Sound ist eine Abkehr vom optimistischen Pop vergangener Zeiten zu einer Art Chanson Noir.

Die Singer/Songwriterin, Multiinstrumentalistin, Soundtrack-Komponistin und Musical-Darstellerin ist die Tochter tunesisch-jüdischer Eltern, in Paris geboren, in Tel Aviv aufgewachsen. Ihre ersten Auftritte absolvierte sie als Sängerin der Big Band der israelischen Luftwaffe. Damals schon träumte sie davon, einmal ein Album komplett alleine zu machen. Nachdem Yael Naim die letzten beiden Alben zusammen mit ihrem Ehemann David Donatien geschrieben und produziert hat, einem Perkussionisten mit Wurzeln in Martinique, hat sie diesmal erstmalig alles selbst gemacht.

Yael Naim: "Nightsongs"

COSMO Sound Supreme 30.03.2020 02:53 Min. Verfügbar bis 30.03.2021 COSMO

Wenn alle schlafen

"Nightsongs" ist viel dunkler, melancholischer, nachdenklicher und persönlicher als alles, was Yael Naim bisher veröffentlicht hat. Und tatsächlich hat sie das Album vor allem nachts geschrieben und aufgenommen - in ihrem Studio, oberhalb ihrer Wohnung in Paris, während ihre beiden Töchter schliefen. Dreieinhalb Jahre hat sie an den zwölf Songs gearbeitet. In dieser Zeit ist ihr Vater gestorben und ihre zweite Tochter geboren. Diese Ereignisse haben das Schreiben der Songs geprägt. Zudem war sie dabei 40 zu werden und hat ihr Leben im Rückblick reflektiert, auch das steckt im Album. Ihr Label fand die Idee, dass sie ein sehr dunkles, zurückgenommenes Album machen wollte, anfangs gar nicht prickelnd. Doch Yael Naim, die zuerst dachte, sie macht vielleicht eine Art Nebenprojekt, von dem sie nicht wusste, ob es jemals veröffentlicht werden würde, hat sich am Ende durchgesetzt.

Stimmen in der Kirche

Es ist, als würde Yael Naim uns ins Ohr singen, so intensiv und intim zugleich sind ihre Songs. Und man spürt sofort, dies ist ein Album, in dem viele große Gefühle stecken. Thematisch dreht sich das Album um die Lebensturbulenzen der Künstlerin in den vergangenen dreieinhalb Jahren und um das Zu-Sich-Selbst-Finden. Im Song "Daddy" geht es um ihren verstorbenen Vater, in "How Will I Know" um die Widersprüche im Inneren einer Person, in "Des trous" um die Schwächen und Fehler, die man hat. Die Basis der Songs sind Piano und ihre weiche, klare Stimme. Manche Lieder hat sie in einer Kirche in Paris aufgenommen, die anderen im Homestudio. Vokal unterstützt wird sie dabei von dem klassischen Chor Zéné, den man in vielen Songs hört und der für Yael Naim für das Unterbewusste steht - für die innere Stimme.

Folk & Chanson Noir

Eigentlich lief die Karriere von Yael Naim ziemlich gut. Sie hat viele Preise eingeheimst, darunter drei Victoires de la Musique, sie hatte Chartserfolge und bekam Aufträge, Filmmusik zu komponieren. Dass Steve Jobs ihren Song "New Soul" für einen Werbespot gekauft hatte, sicherte sie existenziell mehr als gut ab. Doch die Lebensturbulenzen brachte sie zum Innehalten und zu neuen, viel dunkleren, nachdenklicheren Songs. Die Musik klingt manchmal fast klassisch, Harfensounds inklusive. Die Balladen bewegen sich zwischen minimalistischem Folk, intimem Chanson und Torch Song, diesem Genre des Leidens im Lied. Die Songs verweigern sich allen aktuellen Tendenzen, aber gerade das macht ihre starke Wirkung aus. Nicht nur in Zeiten wie diesen.

Stand: 30.03.2020, 00:00