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"Udondolo"- Debüt der südafrikanischen Band Urban Village

Urban Village -"Udondolo"

Urban Village -"Udondolo"

"Udondolo"- Debüt der südafrikanischen Band Urban Village

Von Anna-Bianca Krause

Das südafrikanische Quartett Urban Village aus Soweto lässt auf seinem Debüt "Udondolo" traditionelle Xhosa- und Zulu-Stile wiederauferstehen, paart sie mit Jazz, Blues, Rock und mehr. Und zeigt so, dass Südafrika nicht nur spannende elektronische Musik zu bieten hat.

Urban Village. Das sind vier Sänger und Musiker. In Soweto geboren und aufgewachsen, als die Apartheid schon auf ihr Ende zuging. Zum Teil leben sie immer noch in der Mega-Township. Soweto ist für sie wie eine Art panafrikanischer Staat, denn die Bewohner kamen von überall her, um dort bei Johannesburg Arbeit zu finden, vor allem in den Goldminen. Aus ihren Dörfern, Siedlungen, Regionen -  Ländern wie Malawi, Mozambique, Zimbabwe - brachten sie Musik und Rituale mit. So entstand eine vielfältige Kultur. Auf dieses Erbe greifen Urban Village zurück. Schon im Bandnamen bekennen sie sich zu diesem urbanen Riesendorf Soweto. Für sie auch eine afrofuturistische Vision ist, die sie mit ihrer Musik zu neuem Leben erwecken.

Urban Village -"Udondolo"

COSMO Sound Supreme 17.01.2021 02:32 Min. Verfügbar bis 17.01.2022 COSMO


Von Vätern und Onkeln

Die Idee zu Urban Village hatte Lerato Lichaba (heute Gitarrist und einer der Sänger der Band). Er war House-DJ und Teil des afro-psychedelischen Future-Pop-Kollektivs Bantu Continua Uhuru Consciousness. Eines Tages hörte er an einer Straßenecke in seinem Viertel etwas, das ihn magisch anzog. Ein Nachbar - in Soweto Onkel genannt- spielte Maskandi-Musik, ein ländlicher Folk, den Zulu-Arbeitsmigranten importiert hatten von herumwandernden Troubadouren, die sich auf einer Gitarre oder Concertina begleiteten. Ab sofort brachte sich Lichaba das Gitarrespielen bei.

2013 dann entstand der erste Nukleus der Band: Lerato Lichaba traf den Ex-Banker Tubatsi Moloi bei Jam-Sessions in Clubs und sie fingen an miteinander zu spielen. Lichaba forderte Moloi auf, zusätzlich Flöte zu lernen. Dann kam Drummer Xolani Mtshali, genannt Cush dazu. Der letzte im Quartett war Bassist Simangaliso Diamini. Er ist das jüngste Bandmitglied und der einzige, der eine Tontechnikerausbildung hat. Alle Songs von Urban Village sind soziale oder gesellschaftspolitische Kommentare.Mit drei unterschiedlichen, aber wunderbar miteinander harmonierenden Stimmen singen sie beispielsweise im Song "Ubaba" von der wichtigen Rolle, die Väter übernehmen. Und erinnern dabei an die vielen schwarzen Männer, die während der Apartheid gezwungen waren ihre Familien zu verlassen, um in den Goldminen von Johannesburg zu arbeiten.

Miriam, Hugh und die anderen

Die Musiker an Schlagzeug, Bass, Gitarre, Flöte und natürlich Mikrofonen singen ihre Songs in drei Sprachen: IsiZulu, IsiXhosa, und Englisch, die meisten Texte sind allerdings in IsiZulu, weil diese Bantusprache von den meisten Südafrikanern verstanden wird. Udondolo ist auf IsiZulu der Gehstock, in Afrika ein Symbol für das Unterwegssein und Reisen. Aufgenommen haben Urban Village die Songs – vor der Covid-Pandemie und den Lockdowns - u.a. in den legendären Downtown-Studios mitten in Johannesburg. Hier haben schon Hugh Masekela, Ladysmith Black Mambazo oder Miriam Makeba ihre Platten eingespielt. Diese KünstlerInnen ehren sie auch im Medley "Marabi". Ein swingender Song, mit dem sie sich vor Vorgängern und Vorgängerinnen verneigen und einige südafrikanische Tunes zitieren.

Musikstil Marabi

"Marabi" ist aber nicht nur ein Songtitel sondern ein Musikstil, der sich ab den 1920er Jahren entwickelt hat. Eine Fusion aus südafrikanischem Folk, afroamerikanischem Blues und Jazz.  Es war die Musik, die in den lokalen Shebeens lief, in den illegalen Bars, in denen man tanzte und trank. Da die Vermischung von Schwarz und Weiss verboten war, war Marabi vor allem eine Underground-Musik, die Urban Village jetzt stolz reanimieren. Die Basis aller Songs sind traditionelle Xhosa-und Zulu-Musikstile, wie Masanki, Marabi, Isicathamiya, das ist diese Zulu-Gesangstradition, die wir hier in Europa zum ersten Mal durch Ladysmith Black Mambazo kennen gelernt haben. Der Sound: Das sehr harmonische Zusammenspiel von Männerstimmen. Urban Village kreuzen diese alten, teilweise vergessenen Stile mit Jazz, Afro-Blues, Afrobeat, westafrikanischen Gitarren und Rock-Sounds.

Zurück in die Zukunft

Veröffentlicht wird das Album vom französischen Label Nø Førmat, das sich auf authentische, unabhängige, eigenwillige Musik spezialisiert hat und u.a. Blick Bassy aus Kamerun, die haitianisch-kanadische Sängerin und Gitarristin Melissa Laveaux oder auch die malische Sängerin Oumou Sangaré im Katalog haben. Mit "Udondolo" haben Urban Village ein sensationelles Album abgeliefert, auf dem sie zeigen, dass aus Südafrika nicht nur spannende elektronische Musik für den Dancefloor kommt, sondern auch spirituelle Musik mit Groove. Wurden bislang vor allem traditionelle Stile mit aktuellen Mitteln aufgepeppt, mit Sounds, Beats, Samples etc, gehen Urban Village den umgekehrten Weg: Sie arbeiten mit traditionellen Stilen, Gesangs- Und Spieltechniken, aber aus einem Geist heraus, der im Hier und Jetzt lebt und die aktuelle Musik im Rücken hat.

Stand: 17.01.2021, 00:00