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Mehr als ein Hit

V.A. Our Own Voices – "Expose Yourself To Trikont Vol. 6"

Sound Supreme - V.A. Our Own Voices – "Expose Yourself To Trikont Vol. 6"

Mehr als ein Hit

Von Johannes Paetzold

Trikont ist das weltweit führende Label für exzellente Compilations zwischen Global Pop und regionalem Folk, bayrischer Tanzbodenmusik und westafrikanischem HipHop. Das Münchner Label feiert nun sein 50-jähriges Jubiläum. Ein Interview mit den Labelmachern Eva Mair-Holmes und Achim Bergmann

50 Jahre Trikont, wie hat das damals angefangen?

Achim Bergmann: Ich bin zwei Jahre nach der Gründung 1967 dazugekommen, übrigens in Köln. 1968 ist der Verlag nach München gegangen, und ich bin über die politischen Entwicklungen, die so liefen - mit den Anti-BILD-Demonstrationen, wegen Dutschke und dann wegen den Notstandsgesetzen, dazu gekommen.

Eva Mair-Holmes: Da muss man jetzt sagen, da geht es um einen Buchverlag.

Achim: Es war ja eine Start-Up-Unternehmung von wirklichen Nicht-Profis, von Amateuren, die eigentlich nur wussten, was sie wollen: nämlich Informationen über die Themen, die man braucht. Das war ein Arbeiten und sich Engagieren und Interesse haben an Sachen von Tag zu Tag.

Über Trikont erschienen die ersten Platten der wichtigsten deutschen Agit-Pop-Band jener Jahre: Ton, Steine, Scherben, die Band um Rio Reiser. Wie war die Arbeit damals mit denen?

Achim: Sehr gut, weil wir auf einer Wellenlänge waren. Sie waren Sponti-Linke, wir waren das in München, so mit Anarcho-Touch. Die waren die ersten, die wirklich bekannt wurden, auch außerhalb der linken Bewegung bei Jugendlichen in Berlin-Kreuzberg.

Eva: Es gibt dazu natürlich eine typische Münchner Geschichte: Wenn Ton, Steine, Scherben irgendwo gespielt haben, gab es eigentlich immer die Ansage, dass sie in einem besetzten Haus spielen möchten, um politisch auch ihre Lieder zu unterstützen.

Achim: Sie möchten nicht nur, sie kommen auch nur dann.

Eva: Genau, sie kommen nur dann. Und da hatten die Münchner das Problem, dass es kein besetztes Haus gab. Dann haben die einfach in so einem Jugendzentrum gespielt. Ich glaube ja bis heute, dass denen überhaupt nie gesagt wurde, dass das gar kein besetztes Haus war. Aber sie haben gespielt.

Ihr wart die ersten, die westafrikanischen HipHop international beleuchtet haben – mit der Compilation "Africa Raps". Wie seid ihr darauf gekommen?

Eva: Also es gab vorher schon eine Zusammenarbeit mit Jonathan Fischer, der schon ganz viele Black-Music-Compilations mit uns gemacht hat. Der ist als Kind mit seinem Vater, der Pastor und Missionar war, in Afrika aufgewachsen. Der hatte wiederrum einen Freund, den Jay Rutledge, der eben ganz stark mit Westafrika verbunden war, sich für die Musik interessiert hat. Der hat gesagt, da passiert so viel, er möchte darüber einfach wahnsinnig gern einen Überblick verschaffen. So ist dann die CD "Africa Raps" entstanden, die für uns unheimlich beeindruckend war, weil wir auch verblüfft waren, wie Melodien doch anders sind im Rap, der aus dieser Ecke der Welt kommt. Ich hab einen leichteren Zugang dazu gefunden, als teilweise zum amerikanischen Rap.

Afrika hat bei euch immer eine große Rolle gespielt. Lasst uns mal nach Äthiopien weitergehen zu eurer Compilation "Beyond Addis". Wann habt ihr denn Ethio-Jazz für euch entdeckt?

Eva: Ethio-Jazz kam eigentlich erst über einen Freund und Journalisten Christoph Wagner, der in London lebt. Der hat mit dem Mulate Astatke ein Interview gemacht, lange Zeit her. Und dann kam JJ Whitefield zu uns, ein Musiker aus München und DJ, und sagte: "Hört zu, wir spielen das auch, und es gibt immer mehr Bands, die jetzt wieder die Musik aufgreifen." Und dann haben wir Mulate Astatke die Songs geschickt und der war total begeistert.

Wie sucht ihr Musik aus? Was sind eure Kriterien, dass ihr sagt "Okay, das wollen wir veröffentlichen?"

Achim: Bei den Samplern ist es ein bisschen einfacher, weil da thematische Hintergründe sind. Musikalische Geschichten, Tradition oder auch politische Sachen. Wir haben ja da auch in dieser Reihe schwarzer Musiker aus den USA, "Black & Proud 1 & 2" gemacht. Das war Musik aus der Black-Panther-Ära. Und viele schwarze Musiker haben gesagt, so eine Zusammenstellung gibt es nicht in Amerika, wie ihr sie da gemacht habt. Es muss eine eigene Art haben. Es muss einen eigenen Ausdruck haben. Es muss selbstständig sein, independent, wie man das nennen will.

Eva: Wir arbeiten ja sehr stark mit Text, wir haben ja immer ausführliche Booklets dabei. Das war für uns auch irgendwann so, dass wir gesagt haben, das ist eigentlich eine Form einer Radiosendung. Einer Sendung wie ihr sie gerade macht. Aber die es ja eigentlich nicht mehr so viel gibt. Es widmet sich jemand eine Stunde einem Thema und beleuchtet das musikalisch und inhaltlich von allen Seiten. Es war für uns wichtig, dass wir dazu auch eine Geschichte zu erzählen haben.

Das heißt, diese vielen akribisch recherchierten Geschichten in den Booklets sind mindestens genauso wichtig, wie die Musik selbst.

Eva: Genau, die sind tatsächlich genauso wichtig. Weil nur zu sagen, das kommt aus Sowieso und das klingt geil, das ist uns immer zu wenig gewesen. Es zahlt sich natürlich auch irgendwie aus, wenn man so recherchiert. Die sozialistische Gewerkschaftsjugend aus England haben bei uns 500 CDs von "Black & Proud" bestellt, weil sie die unbedingt in ihrer Jugendarbeit benutzen wollten.

Es gibt bei euch eine Compilation, über die wir auf jeden Fall sprechen müssen - mit nur einem Song: "La Paloma" in zig Versionen.

Eva: Ein alter Freund hat diese Versionen gesammelt: "La Paloma" in allen möglichen Genres. Als Beerdigungslied, als politisches Lied, als alles, als Tanzlied, egal. Es gibt über 4000 Versionen von "La Paloma" weltweit. Und dann haben wir gesagt, wenn wir schon nicht die Gesamtausgabe schaffen, wir fangen an. Wir haben ja sechs Compilations damit gemacht bis jetzt.

Achim: Dazu gibt es auch sehr berührende Geschichten, zum Beispiel die von Coco Schuhmann, der als Jugendlicher in Berlin Swing-Musik gelernt hat und dann aufgrund seiner jüdischen Abstammung ins KZ gekommen. Er musste, während die Leute ins Gas getrieben wurden, "La Paloma" spielen für die SS-Leute. Das hatten wir gelesen und waren völlig verwirrt und haben den dann kontaktiert, weil wir gedacht haben, der will den Song zerstören. Dann hat er aber gesagt, er spielt uns den neu ein. Er hat den oft gespielt in seinem Leben, die Musik kann nichts dafür.

50 Jahre Trikont, das feiern wir mit euch. Euch fehlen noch acht Compilations, dann steht das nächste Jubiläum ins Haus: 500 Tonträger. Wie geht es mit Trikont weiter?

Eva: Ja mit Trikont geht es weiter, natürlich. Es ändern sich natürlich Formen, Musik an die Leute zu bringen. Das werden wir auch nicht aufhalten. Damit muss man arbeiten, da muss man Wege finden, man muss anders um Aufmerksamkeit kämpfen, durch diese Verfügbarkeit. Und natürlich ist es so, dass wir auch drum kämpfen müssen, dass Musik wirklich den Stellenwert hat oder behält. Musik ist mehr als nur ein Hit. Wir wollen nicht, dass es nur um diesen einen Effekt geht, das wollen wir nicht, und das können wir auch gar nicht. Das widerspricht unserem Selbstverständnis von Musik.

Achim: Ohne diesen Blick auf die Musik wird ihre Bedeutung verschwinden. Wir verdächtigen jetzt ja auch nicht Leute, die nur über Spotify etwas hören, dass sie nicht gerne und gute Musik hören. Aber das, was sie damit an Wissen, Hintergrund, Bedeutung und so weiter in ihrem Kopf herstellen, das haben wir seitdem wir existieren immer auf Platte gemacht.

Vielen Dank an Euch, Achim Bergmann und Eva Mair-Holmes. Auf die nächsten 50 Jahre!

Beide: Prost!

Sound Supreme - V.A. Our Own Voices "Expose Yourself To Trikon

COSMO Sound Supreme | 13.11.2017 | 02:59 Min.

Stand: 13.11.2017, 11:11