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Swindle versus Brexit und rassistische Politiker

Swindle: "No More Normal"

Sound Supreme - Swindle – "No More Normal"

Swindle versus Brexit und rassistische Politiker

Von Christian Werthschulte

Der Londoner Producer Swindle bringt auf seinem dritten Album "No more normal" den Londoner Underground von Grime bis Jazz zusammen. Genervt von rassistischen Politikern und Medien zeigt er ein besseres Großbritannien: offen, multikulturell und funky.  

Swindle - "No More Normal"

COSMO Sound Supreme 25.02.2019 02:43 Min. Verfügbar bis 25.02.2020 COSMO

Egal mit wem man dieser Tage redet, irgendwann kommt er doch zur Sprache: der Brexit. So auch beim Londoner Grime-Produzenten Swindle: "Wo ich politisch stehe? Ich hatte niemals eine Wahl", sagt er. "Meine Herkunft ist afro-karibisch – die Windrush-Generation. Meine Partnerin ist eine niederländische EU-Bürgerin. Ich weiß, auf welcher Seite ich stehe."

Swindle hat ein Album dagegen aufgenommen. "No more normal" heißt es: "Ich wollte eine Platte machen, auf der der Grime-MC neben dem Dichter und der Soulsängerin steht", erzählt der Producer aus London. Auf "No more normal" bringt Swindle deshalb Musiker aus dem Zentrum des Londoner Jazz-Revivals wie die Saxofonistin Nuby Garcia mit dem Multitalent und Rapper Kojey Radical und Grime MCs der ersten Generation zusammen. Gemeinsam erzählen sie in nur 33 Minuten einen Künstlerroman. Er beginnt mit dem Wunsch, qua Musik die Welt zu verändern, erzählt vom Stolpern über Geld und Arroganz und findet schließlich ein Happy End: Der Grind hat ein Ende, Gottseidank. Es ist eine Geschichte aus Bassmusik-Szene Londons. "Wir in London haben das Glück, diesen reichen Underground zu besitzen", sagt Swindle. "Er reflektiert die verschiedenen Kulturen und schenkt uns pausenlos neue Ideen, neue Sounds und neue Szenen."

Swindle ist selbst ein Kind dieses Undergrounds. Er heißt Cameron Palmer und stammt aus Croydon, dem Vorort im Süden Londons, wo Dubstep geboren wurde. Im Alter von acht hört er das erste Mal einen Piratensender und stöbert in den Jazz- und Funk-Platten seines Vaters. Mit zwölf fängt er an, Drum'n'Bass aufzulegen, kurz darauf produziert seine ersten Grime-Tracks. "Musik war meine Videospieljugend", erinnert er sich. Heute laufen Swindles Stücke im Soundtrack von Grand Theft Auto, einer der bekanntesten Videospielserien der Welt. Er selbst hat seit fünfzehn Jahren kein Gamepad mehr angefasst.

Auf "No more normal" hat Swindle die Hektik der Londoner Grime-Tracks in den Hintergrund relegiert – zugunsten einer präzisen Coolness, die ihren Ursprung in Kalifornien hat. "Im Studio brauche ich einen leeren Kopf", erzählt er. "In Los Angeles kann ich in die Hollywood Hills fahren, mein Telefon abschalten und aus mir heraustreten, wenn Musik läuft."

"Mein Album ist ernsthaft und ehrlich", sagt Swindle, als würde ein Widerspruch darin bestehen, über nostalgischen Beats wahrhaftige Geschichten zu erzählen. "Read my books for ammunition" – ein Buch als Waffe – fordert die Vocalistin Eva Lazarus auf "Knowledge". Und um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, hat Swindle sie zwischen kosmisch kreiselnden Keyboards und schwelgerischen Soulgesang eingebettet. "Das Stück ist eine direkte Reaktion auf eine dieser rassistischen Äußerungen von Politikern", erzählt Swindle. "Ich habe sie gelesen, mein Smartphone ausgeschaltet und zu Eva gesagt: "'Diese Leute reden viel, aber haben nichts zu sagen.'" Es ist eine Geschichte, die in Brexit-England mittlerweile normal ist. Den großen Brexit-Showdown Ende März wird Swindle aber hinter sich lassen: Er geht auf Europatour - sein erster Termin ist in Berlin.

Stand: 25.02.2019, 00:01