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Compilation aus Somalia: "Mogadisco"

V.A. “Mogadisco – Dancing Mogadishu – Somalia 1972 - 1991”

Compilation aus Somalia: "Mogadisco"

Von Anna-Bianca Krause

In den 70er und 80er Jahren war Somalia die Heimat einer blühenden Musikszene. Mit dem Bürgerkrieg 1991 geriet die Musik dieser Zeit in Vergessenheit. Die Compilation “Mogadisco” holt sie aus den Archiven zurück ins Licht der Öffentlichkeit.

V.A: "Mogadisco - Dancing Mogadishu - Somalia 1972 - 1991"

COSMO Sound Supreme 06.01.2020 02:51 Min. Verfügbar bis 05.01.2021 COSMO

Samy Ben Redjeb ist Plattensammler, DJ, Produzent und Labelbetreiber von Analog Africa Als Weltenbummler hat er eine unglaubliche Spürnase für außergewöhnliche Musik bewiesen und ist eine Art Archäologe des Global Pop vergangener Zeiten. Seit über fünfzehn Jahren spürt er in Afrika und Lateinamerika vergessene Rhythmen, soulvolle bis abgedrehte Gesänge und außergewöhnliche Beats auf.

Abenteuer Mogadischu

Schwierigkeiten ist Ben Redjeb gewöhnt, doch sein Projekt "Mogadisco - Dancing Mogadishu - Somalia 1972 – 1991" war das schwierigste, das er je fertiggestellt hatte. Ein Freund hatte dem Deutsch-Tunesier mit somalischer Musik gegeben infiziert. Im November 2016 ist er deshalb in eine der gefährlichsten Städte der Welt gereist, nach Mogadischu. Dort blieb er sechs Wochen und kam mit circa 900 Cassetten wieder zurück. Ziel seiner Reise war das Archiv von Radio Mogadischu, wo er Songs für sein Label Analog Africa aufstöbern und digitalisieren konnte.

„Seltsame Musik“ im bewachten Archiv

 Der Schlüssel zu diesem Archiv war dessen Leiter Oberst Abshir, ein Ex-Militär, der das Archiv – etwa 30.000 Tonbänder in einem 100 qm großen Raum - mit zwei Kollegen bewacht. Er erklärte Ben Redjeb, dass das Material hauptsächlich Musik sei, die niemand identifizieren könne: viele instrumentale Aufnahmen, Jingles, vor allem seltsame Musik. Beim Wort "seltsame Musik" wusste Ben Redjeb, dass er hier richtig war.

Auf diesen Zeitpunkt hatte er vier Jahre hingearbeitet. Im ostafrikanischen Somalia herrscht seit 1991 Bürgerkrieg zwischen Clans, Warlords, verschiedenen Ethnien, Milizen und anderen Gruppierungen. Zwar wurde die radikal-islamistische Terrororganisation Al Schabab offiziell besiegt, doch sie agiert im Untergrund weiter. Deshalb ist es unmöglich in Somalia ohne gepanzerte Fahrzeuge und Waffenschutz unterwegs zu sein. Ben Redjeb wurde jeden Morgen von einem gepanzerten Toyota abgeholt, auf dem mehrere Männer mit Kalaschnikows saßen, um ihn zu beschützen. Die somalischen Musiker waren vor dieser Situation schon längst ins Exil geflohen und es war für Samy Ben Redjeb nicht einfach, sie aufzuspüren.

Eine Disco für alle

"Mogadisco" präsentiert die Musik, in denen man in den Discos der 70er und 80er Jahren in Mogadischu getanzt hat. Musikalisch gibt’s auf der Compilation Funk, Reggae, Soul, somalische Musik -- und auch ein bisschen Disco-Sound. Somalia hatte vor allem in den 70er und 80er Jahren, also in einer Zeit, bevor das Land in einem Jahrzehnte andauernden Krieg versank, eine extrem vielseitige Musikszene.

Im Sound der Aufnahmen hört man diverse Einflüsse aus Südost-Asien und von der arabischen Halbinsel, von Afrobeat aus Nigeria, vom Reggae Bob Marleys. Gesungen wird größtenteils auf Somali, manchmal auch auf Englisch, da die Bands in den Diskotheken der großen Hotels in Mogadischu aufgetreten sind, die auch von Touristen besucht wurden. Einige Bands waren anfangs Militärbands, die z.B. an die Front im Krieg zwischen Somalia und Äthiopien geschickt wurden, um die Truppenmoral zu unterstützen. Das Innenministerium, dem sie unterstellt waren, förderte sie, deshalb hatten diese Militärbands meist modernere Instrumente und eine bessere Technik.

Reggae oder Dhaanto? Funk oder Folk?

Der Song "Hab Isii" von Sänger und Schauspieler Omar Shooli ist eine Art Reggae. In Somalia nennt man diesen Rhythmus allerdings "Dhaanto", das ist ein traditioneller somalischer Rhythmus, der dem Reggae sehr verwandt ist. In Somalia und Äthiopien ist man ohnehin davon überzeugt, dass Reggae aus dieser Ecke der Welt kommt und nicht aus Jamaika. Samy Ben Redjeb hat viele Stücke auf seine Compilation genommen, die eigentlich traditionelle Songs sind, in den 70er und 80er Jahren jedoch modernisiert wurden, etwa durch den Einsatz von E-Gitarren, Bläsern oder durch andere Rhythmen.

Die Stars in dieser Zeit waren die Musiker der Dur Dur Band. Anfang der 80er tauchte die Dur Dur Band in der Musikszene Mogadischus auf und spielte mit ihrer treibenden Mischung aus Funk, Soul, Reggae und traditioneller somalischer Musik alle anderen Bands an die Wand. Dur Dur Band konnte sich die besten Sänger ans Mikrofon holen und brachte in den Nachtclubs der somalischen Hauptstadt die Jugend zum Tanzen. Dur Dur Band waren die erste somalische Band, die das Label Analog Africa wiederveröffentlicht hat. Die Stücke auf "Mogadisco" haben nichts an Groove und Sinnlichkeit verloren. Auch heute möchte man sofort dazu tanzen. Und das obwohl der Zustand der meisten Aufnahmen, die Samy Ben Redjeb gefunden und dann digitalisiert hat, sehr zu wünschen übrig ließ. Schließlich hatte es in Somalia nie eine richtige Plattenindustrie gegeben und die meisten Aufnahmen haben maximal Amateurqualität. Zwölf Songs hat Samy Ben Redjeb hier veröffentlicht. Man ist jetzt schon neugierig, was sonst noch so auf den 900 mitgebrachten Cassetten ist.

Stand: 06.01.2020, 00:01