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Little Simz - Ausgesprochen introvertiert

Cover:  Little Simz feat. Obongjayar mit Point and Kill

"Sometimes I Might Be Introvert"

Little Simz - Ausgesprochen introvertiert

Von Ellen Köhlings & Pete Lilly

Little Simz ist eine der größten Rapperinnen unserer Zeit. Das attestieren ihr nicht nur Superstars wie Stormzy oder Kendrick Lamar. Die Herzen der Musikszene in UK liegen ihr schon seit Jahren zu Füßen. Die Britin mit nigerianischen Wurzeln ist gerade mal 27 Jahre alt und veröffentlicht bereits ihr viertes Album. "Sometimes I Might Be Introvert" - übrigens Akronym ihres Spitznamens "Simbi" - ist ihr bisher anspruchsvollstes und kreist um die zutiefst persönliche Frage: "Wer bin ich? Simz die gefeierte Rapperin - oder Simbi, das schüchterne Mädchen aus Nordlondon?"

Little Simz: "Sometimes I might be Introvert"

COSMO Sound Supreme 06.09.2021 02:52 Min. Verfügbar bis 05.09.2022 COSMO


Auf den ersten Blick scheint der Titel "Sometimes I Might Be Introvert" nicht zu der Rapperin mit der großen Klappe zu passen. Doch privat ist sie genau das Gegenteil ihrer Kunstfigur: schüchtern, nachdenklich, introvertiert. Nach fünf Mixtapes, neun EPs, vier Alben und etlichen Auszeichnungen setzt sich Little Simz nun mit den Auswirkungen des Erfolgs auf ihr Privatleben auseinander und gewährt dabei tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Soviel Einblick kann verletzlich machen, aber ihre Offenheit macht sie nur noch größer.

Große Kunst

"Sometimes I Might Be Introvert" ist ein überwältigend komplettes Gesamtkunstwerk. Vom ersten bis zum letzten Stück überzeugt Little Simz sowohl lyrisch als auch musikalisch. Die Texte sind wortgewaltig wie wortgeschmeidig. Auf "Sometimes I might be Introvert" traut sich die Rapperin, Inspiration aus verschiedensten Stilrichtungen zu vereinen, stellenweise kann sich das schon beinahe überfordernd anfühlen: Kaum fokussiert man sich auf einen Aspekt, verfolgt einen Gedanken, öffnen sich gleich wieder viele neue Türen. Ein anspruchsvolles Album in einer schwierigen Zeit, das nicht nur für Little Simz eine Herausforderung war, sondern auch seine Hörer*innen herausfordert. So wie es die Aufgabe von großer Kunst ist.

Große Themen

Die lässt sie direkt zu Beginn vom Stapel. "Introvert" - ein cleveres Wortspiel, das auf seine Rolle als Opener verweist und zugleich Simz'/Simbis Persönlichkeit umreißt - fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Ein bombastischer Soundtrack zu einem packenden Film, der im Kopf der Hörenden abläuft. Ein sechsminütiges Manifest, dass musikalisch an Public Enemy erinnert, aber nicht nur politisch, sondern vor allem auch sehr persönlich ist. Little Simz legt verborgene Gefühle offen. Wie das gesamte Album wechselt der Track munter zwischen Mikro- und Makro-Perspektive, zoomt ganz nah ran und dann wieder raus. In einem Atemzug kümmert sie sich um die todkranke Tante, bäumt sich gegen soziale Spaltung und Gentrifizierung auf und hält ein flehendes Plädoyer für Zusammenhalt und Freundschaft. 

Große Worte

Little Simz nimmt einen mit auf eine intensive, bewegende, intime Reise. Eine Reise zu sich selbst. In "I Love You, I Hate You" setzt sie sich mit der Abwesenheit ihres Vaters auseinander. Statt ihn einfach nur zu verurteilen, legt sie unterschiedliche emotionale Prozesse offen und versetzt sich in seine Lage. In "Standing Ovation" fordert sie, Menschen zu würdigen, bevor es zu spät ist. Sie stellt sich die Frage, warum Menschen in Erinnerung bleiben wollen, warum sie selbst eine Legende sein will? In "Protect My Energy" geht es um Selbsttherapie, darum, sich selbst lieben und schützen zu lernen - vor allem dann, wenn gefühlt die ganze Welt anklopft. Dass sie darüber immer noch überrascht ist, zeigt "How Did You Get Here", wo sie ungläubig ihren Weg zur anerkannten Rapperin nachzeichnet und dadurch andere motiviert, es ihr gleichzutun. Aufbauend und ermächtigend ist auch "Woman", ihre Hommage an Schwarze Frauen - in all ihren Schattierungen.

Großes Kino

So wie "Sometimes I Might Be Introvert" vor lyrischer Raffinesse und Dichte strotzt, so ist es auch musikalisch ein cineastisches Breitwanderlebnis. Mit seinem symphonischen Sound, unberechenbaren Breaks, den an Regieanweisungen erinnernden Interludes und dem teilweisen Verzicht auf klassische Hook-Verse-Strukturen zugunsten des Erzählflows hat das Album etwas von einem Musical - ohne cheesy zu sein. Hier verschmelzen Straße und Glamour. Gemeinsam mit ihrem Produzenten Inflo, den Simz seit ihrer Kindheit kennt, vermählt sie hardcore HipHop und Grime mit wunderbaren Soul-Momenten, 70s Disco, Funk und tribalistischen Trommeln. Little Simz hat sich auf eine musikalische Zeitreise begeben, ist abgetaucht in die Musik von Billie Holiday, Nina Simone, John Coltrane und Smokey Robinson. "Sie haben viele ihrer Klassiker mit Anfang 20 geschrieben", sagt sie. "Deshalb habe ich auf diesem Album gelernt, mich richtig unter die Oberfläche zu begeben." Und die Rechnung geht auf: Auch "Sometimes I Might Be Introvert" hat das Zeug zum Klassiker.

Stand: 26.12.2021, 00:00