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Karimouche: Missy Elliott und Edith Piaf in Marokko

Karimouche – "Folies berbères"

Karimouche – "Folies berbères"

Karimouche: Missy Elliott und Edith Piaf in Marokko

Von Anna-Bianca Krause

Die Pariser Schauspielerin und Rapperin Karimouche zeigt auf ihrem neuen Album "Folies berbères" ihre Roots in der Berber-Kultur. Nordafrikanische Traditionen und Gesangsmelismen treffen auf aktuelle urbane Sounds. Dabei positioniert sie sich klar gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit.

Carima Amarouche - Schauspielerin, Sängerin, Rapperin, Tänzerin, Songwriterin. Wenn sie Musik macht, nennt sie sich Karimouche, es ist ein Kosename, den sie schon in ihrer Kindheit bekam. Die 43-Jährige kam im französischen Angoulème zur Welt und ist aus der zweiten Generation von Migranten einer Berberfamilie aus Marokko.

Karimouche - "Folies berbères"

COSMO Sound Supreme 10.01.2021 02:40 Min. Verfügbar bis 10.01.2022 COSMO


Karimouche hat zuerst andere Pläne gehabt und die Meisterprüfung als Schneiderin gemacht. So kam sie mit der Bühne in Berührung, denn sie entwarf und schneiderte Kostüme für Tanz und Theater. Schon in den 2000er-Jahren fing sie an, als Tänzerin und Schauspielerin zu arbeiten. Inzwischen ist sie in Frankreich als Schauspielerin relativ bekannt, u.a. wegen ihrer Mitwirkung an der Netflix-Serie "Cannabis" oder der TV-Polit-Serie "Les Sauvages", in der erstmals ein algerisch-stämmiger Politiker zum französischen Präsidenten gewählt wird.

Missy Elliott meets Edith Piaf

Karimouche hat mit Rap angefangen und Texte legendärer Chansonniers und Chansonsängerinnen wie Edith Piaf oder Jacques Brel auf fette HipHop-Beats performt. Musikalisch ist sie von verschiedenen Planeten beeinflusst: einerseits von der maghrebinischen Musik (speziell der Berbermusik) ihrer Familie, aber ebenso von HipHop und dem französischen Chanson. Sie beschreibt das mit den Eckdaten: Missy Elliott, Edith Piaf, Björk, Nass El Ghiwane, Gnawa.

Doppelkultur

"Folies berbères" ist das dritte Album von Karimouche, der Titel ist Wortspiel und Statement zugleich. Einerseits steckt da das legendäre Musik- und Kabarett-Theater Folies bergères in Paris drin (1869 eröffnet), in dem erstmals auch Künstler*innen aus anderen Kulturen auftraten, z.B. Schlangenbeschwörer oder auch die kaum bekleidete Josephine Baker. Andererseits beinhaltet der Begriff auch ihre Herkunft aus einer Berberfamilie.

Karimouche zeigt damit, dass sie sowohl Französin ist als auch Berberin ist. Sie selbst nennt das "meine Doppelkultur" und ist stolz darauf, obwohl Menschen mit französisch-maghrebinischer Identität in Frankreich oft genug noch mit Rassismus konfrontiert sind - was sie auch mehrfach auf dem Album thematisiert. Auf ihren ersten beiden Alben gab es schon Spurenelemente orientalischer Musik, aber mit ihrem dritten Album hat sie nun die Tür zur Musik Nordafrikas ganz weit aufgemacht.

Prinzessinnen & Großmütter

Die Familie von Karimouche war matriarchal, sie wuchs ohne Männer auf - Mutter, Großmütter, Tanten um sie herum. In "Princesses", der ersten Single des Albums, kreuzt sie Wüsten- und Elektrosounds und erzeugt einen extrem hohen Ohrwurmfaktor. Der Song ist ein feministisches Manifest, eine Hommage an alle Frauen, besonders an diejenigen, die ihre Kinder allein groß ziehen. Allerdings ist der Song nicht aggressiv sondern eher witzig: Karimouche lässt sich von Männern kämmen, etwas nähen oder Luft zu fächeln.

In einer wunderbaren Mischung aus Slang und Fantasiewörtern singt sie: "Ich bin nicht dein Schawarma-Zicklein, deine eierlegende Batwoman, die Gazelle, die du jagen kannst oder die Ursache der Attentate." Und Flavia Coelho rappt auf Portugiesisch mit. Im Video dazu sieht man viele andere Künstlerinnen, darunter die Sängerinnen Awa Ly und Zaza Fournier oder die Schauspielerin Aïssa Maïga, die mit Karimouche durch die Straßen tanzen, an Plakaten vorbei, die Vergewaltigung u.a. anprangern. Eine Szene hat sie auch in der Familie gedreht: Da sieht man ihre 93-jährige Großmutter und ihre Mutter.

Respekt & Liebe

Auch die meisten anderen Songs wurden ausgelöst durch aktuelle Zustände und Beobachtungen. Es geht um die Abhängigkeit von den sozialen Netzwerken und das Vorgaukeln falscher Realitäten durch Medien, um das Aufbegehren der Franzosen und Französinnen gegen schlechte Bezahlung, Polizeigewalt, Ungerechtigkeit oder Umweltverschmutzung, um Afrikaner und Nordafrikaner, die für Frankreich gekämpft haben und dennoch keinerlei Respekt bekommen haben, um die Schwierigkeiten in Frankreich als Migrant*in dieselben Rechte und Freiheiten zu bekommen wie die Franzosen - oder um die Suche nach der großen Liebe.

Mutierte Musik

Karimouche nennt ihren Sound "mutierte Musik", denn sie hat alles, was sie in ihrem Leben eingesaugt hat, irgendwie einfließen lassen: Chanson, HipHop, Trap, Orient-Musik von Rai bis Gnawa, Electro, Spoken Word, Dubstep. Samples und Beats, Raps und Electro-Sounds treffen auf nordafrikanische Melodien, orientalische Gesangsmelismen, orientalische Flöten, darunter besonders die traditionelle Flöte Rhaita aus der Berbermusik, sowie verschiedenste nordafrikanische Perkussionsinstrumente wie Bendir oder Darbukka.

Unterstützt vom französischen Produzenten Tom Fire, bekannt für seine Zusammenarbeit mit Soom T oder Biga Ranx, hat Karimouche ihren eigenen Style gefunden, zwischen dem Maghreb und Paris, zwischen orientalischen Traditionen und aktuellen urbanen Sounds. Dass sie sich dabei auch noch mit großer Klarheit politisch positioniert, kommt oben drauf.

Stand: 10.01.2021, 00:00