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Gentleman: Angekommen im Heimathafen

Gentleman - Blaue Stunde

Gentleman – "Blaue Stunde"

Gentleman: Angekommen im Heimathafen

Von Ellen Köhlings

Mit "Blaue Stunde" erscheint das erste deutschsprachige Album von Gentleman. Der Kölner Reggae-Veteran öffnet damit den Zugang zu seiner persönlichen Welt. Musikalisch kommen zum klassischen Reggaesound von Don Corleon auch Hits von den Jugglerz und junge Rapper dazu.

Gentleman: "Blaue Stunde"

COSMO Sound Supreme 22.11.2020 02:40 Min. Verfügbar bis 22.11.2021 COSMO


Der Reggae-Sänger Gentleman ist ein Veteran im Musikgeschäft. Er blickt auf eine fast 30-jährige Karriere zurück. Sein letztes richtiges Studioalbum "New Day Dawn" entstand zwar schon vor sieben Jahren. Doch darauf folgte mit "Conversations" eine Kollaboration mit Ky-Mani Marley, das prestigeträchtige "MTV Unplugged" und die TV-Sendung "Sing meinen Song". Dort legte er mit dem Mark-Forster-Cover "Ich trink auf dich" den Grundstein dafür, sich jetzt auf 16 Stücken in der eigenen Sprache auszudrücken. "Blaue Stunde" knüpft an Gentlemans stärkste Momente an und macht ihn gleichzeitig nahbarer.

Schreibwerkstatt

Es fehlt der Titelsong. Doch "Blaue Stunde", den Benjamin von Stuckrad-Barre für Gentleman geschrieben hatte, schaffte es wie viele andere Songs nicht aufs Album. Gentleman selbst spricht von bis zu 90 verworfenen Songs. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, mit Songwritern zu arbeiten. Bislang waren es meist die jamaikanischen Sänger Jack Radics und Daddy Rings. Auf "Blaue Stunde" sind es ein paar mehr. Mit Mark Forster verbrachte Gentleman Zeit auf Teneriffa, wo "Ich komm zurück" und einer der besten Songs des Albums, "Zwischen den Stühlen", entstanden sind, das die eigene Hin- und Hergerissenheit zwischen verschiedenen Welten thematisiert.

Mit Samy Deluxe entwickelte er die erste Singleauskopplung "Ahoi", die direkt gezeigt hat, dass Gentleman auf Deutsch funktioniert. Samy machte ihn dann wiederum mit seinem Songwriter Damion Davis bekannt. Doch letztlich war es Mario "Malo" Wesser, der sonst mit Künstlern wie Marteria und Peter Fox arbeitet, mit dem es besonders gut lief. Aus einem auf vier Wochen angesetzten Aufenthalt in Hawaii wurden drei Monate, in denen die meisten Texte für "Blaue Stunde" entstanden sind.

Gentleman im COSMO-Interview COSMO Video 20.11.2020 25:22 Min. Verfügbar bis 20.11.2021 COSMO

Eigene Sprache finden

Auf Big Island in Hawaii hat sich Gentleman alle Zeit der Welt genommen, um herauszufinden, was er wie ausdrücken möchte, was ihn wie bewegt, was ihm wie wichtig ist. Es ging vor allem darum, eine eigene Sprache zu finden, die sich nicht an den vielen Reggae- und Dancehall-Vorbildern oder bekannten Themen orientiert. Denn oft ist Reggae thematisch recht eingeschränkt. Gentleman weiß, dass er sich in der eigenen Sprache angreifbarer macht und mehr von sich preisgibt. Es ist leichter, sich hinter Patois-Versen zu verstecken.

Zugang zu seiner Welt

Gentleman will sich nackig machen, wie er es nennt. Er möchte nach all den Jahren als Artist Zuhörer*innen in seine persönliche Welt holen; er möchte, dass sie den Menschen Tilmann Otto kennenlernen. Das ist ihm auf "Blaue Stunde" gelungen. Er teilt seine Zweifel, seine Zerrissenheit zwischen den Welten, macht Verlust nachfühlbar, Liebe spürbar und Sehnsüchte greifbar. Und er hat nicht mal den Flow opfern müssen, der dem jamaikanischen Patois innewohnt. Den scheint er so verinnerlicht zu haben, dass es auch auf Deutsch fließt.

Für die musikalische Sprache hat er mit Don Corleon einen alten Weggefährten an Bord geholt, dem er z. B. den Klassiker "Intoxication" verdankt. Der Don teilt sich den Produzenten-Stuhl mit den hiesigen Dons, den Jugglerz, die aktuellen Reggae- und Dancehall- sowie HipHop-kompatible Beats schrauben und zur Zeit immer wieder die deutschen Charts aufmischen, ohne ihren ebenfalls in Jamaika gesetzten Anker zu lichten.

Neue Gelassenheit

Gentleman ist angekommen. Er hat sich geöffnet, was ihm hörbar gut tut. Er hat sich selbst bewiesen, dass er niemandem etwas beweisen muss. Er scheut sich nicht, Selbstzweifel auszusprechen und kann genau deshalb befreit aufspielen. Die anfängliche Unsicherheit, diesen Schritt zu gehen und in der eigenen Sprache zu singen, ist einer bescheidenen Gelassenheit gewichen. Nach vielen Jahren der Rastlosigkeit, der vielen Konzerte an etlichen Orten dieser Welt, tritt er auf die Bremse. Nicht um aufzuhören, sondern um in sich hineinzuhorchen.

So handeln gleich mehrere Songs vom Entschleunigen. In "Ahoi" freut er sich über eine Vorschau auf seinen Rückblick; in "Bei dir sein" zieht er die Zeit mit der Tochter der Party im Club vor; in "Time Out" beschreibt er eine Welt, die nach einer Stopptaste schreit. Auch "Garten" und "Dunkelblaues Boot" handeln von Rückzug und Ruhe. Und selbst in dem Dancehall-Brett "Feierwahn" scheint bei aller Energie durch den Zusatz "Wahn" eine gewisse Distanz zum unbeschwerten Feiern durch. In "Ich komm zurück" hört man die Sehnsucht nach den Roots heraus. Und die liegen in Köln bei seiner Familie. Die er nun – wenn sich Rona verzogen hat – auch weiterhin öfter sieht, weil ein deutsches Album vor allem an deutschsprachigen Orten aufgeführt werden will.

Enter the Schulhof

Klingt nach Alterswerk. Wären da nicht die vielen Schulhof-kompatiblen Featuregäste. Allein das Video zu der Kollabo "Devam" mit Luciano und Ezhel hat mit Millionen von Klicks weitaus mehr Aufmerksamkeit generiert als die drei Singleauskopplungen zuvor zusammen. Da zeigt sich, wer den Schulhof regiert. Dann ist da noch das ironische "Schöner Tag" mit Wunschkandidat Sido. Gentleman lässt sich gerne – wie er es nennt – huckepack nehmen, auch von Summer Cem. Und das kommt auch der "Blaue(n) Stunde" zugute.

Stand: 22.11.2020, 00:00