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Neues Album: Sophie Hunger taucht in die Berliner Clubkultur ein

Sophie Hunger bei einem Konzert auf ihrer Supermoon Tour

Sound Supreme - Sophie Hunger: "Molecules"

Neues Album: Sophie Hunger taucht in die Berliner Clubkultur ein

Von Johannes Paetzold

Auf "Molecules" wird wird Sophie Hungers Mix aus Folk, Jazz und Pop elektronisch. Die Schweizerin taucht in die Clubkultur ihrer Wahlheimat und Technohauptstadt Berlin ein - eine überraschende wie gelungene kreative Kehrtwende. Ein Gespräch zum Album und Pop nach Chemnitz.

Dein Sound hat sich auf "Molecules" geändert. Weniger Folk, Elektronik. Deine neue Heimat Berlin mit ihrer Club-Kultur ist hörbar.

Es war einfach so, dass ich nach meinem Umzug nach Berlin viel mehr in Kontakt kam mit der Clubmusik in Berlin, weil das da nun mal der Sound der Stadt ist. Und wenn man jetzt nicht einfach ein blöder Tourist sein möchte, dann muss man sich früher oder später das anhören, sich mit der Musik auseinandersetzen. Die Musik hat mich auch wirklich schnell berührt.

Gehst du viel feiern?

So dreimal in der Woche.

Die Beats deines Albums sind von der Clubwelt inspiriert, aber es sind keine Dance Tracks. Es gibt auch weiterhin Texte. Worum geht es zum Beispiel in "There is Still Pain Left"?

Um einen Menschen, der versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen von jemandem und diese andere Person hat aber keine Zeit dafür, weil sie so sehr damit beschäftigt ist, sich um ihren eigenen Schmerz zu kümmern. Es ist teils autobiographisch, aber es ist immer ein bisschen Übertreibung dabei.

Du verfolgst sicher genau, was hier in Deutschland im Moment passiert. Etwa das Anti-Rechts Konzert in Chemnitz, über 65.000 Menschen sind dort gewesen, und auf der Bühne waren Künstler wie Trettmann, Die Toten Hosen oder Marteria. Wie hast Du das mitbekommen?

Sogar im Livestream habe ich das Konzert geschaut, allerdings nur einen Teil davon. Ich habe natürlich auch viele Freunde die da waren und alle haben so Fotos geschickt, es war sehr schön.

Findest du es wichtig, dass es dieses Konzert gab?

Ja, also ich habe eine ambivalente Meinung dazu. Einerseits ist es sehr wichtig und unglaublich schön zu sehen, dass die Musikszene gerade auch nach diesem Echo-Debakel, wieder etwas zu geben hat. Für das ganze Land war das wichtig. Aber das Problem ist, dass es nichts ändert an dem Grundproblem, und das hat im Osten viel zu tun mit fehlender Arbeit und fehlenden Strukturen. Das wird natürlich durch so ein Konzert nicht gelöst, und was mich jetzt nerven würde ist, wenn man aufhört diese Arbeit zu machen und sagt: Jetzt haben wir ja dieses tolle Konzert gemacht, und alle haben sich in den Armen gelegen, und es war so toll, und da haben wir noch Gitarre gespielt, und jetzt gehen wir alle wieder nach Hause.

Und die sozialen Projekte und tägliche Arbeit überlässt man dann wieder den anderen.

Ich habe letztes Jahr ein Buch gelesen, das heißt "Rückkehr nach Reims", vom französischen Philosophen Didier Eribon. Er beschreibt, wie sich in seiner Heimat Nordfrankreich die Arbeiterklasse innerhalb von drei Generationen hingewendet hat zur Front National, also wie die früheren klassischen kommunistischen Arbeiterparteiwähler politisch jetzt nach ganz rechts außen gedriftet sind. Man kann auch sagen, wie sie ihre Verachtung weg vom Fabrikchef verlagert  haben hin zum Migranten. Also die Verachtung ging früher nach oben und jetzt geht sie ganz nach unten. Das beschreibt Eribon sehr klar. Ich könnte mir vorstellen, dass so was Ähnliches im Osten von Deutschland auch passiert ist, und solche Probleme löst man natürlich nicht durch ein Konzert. Da muss langfristig politische Arbeit geleistet werden. Es wäre ja schön, wenn man mit Musik soziale Strukturen leicht verändern könnte, aber da überschätzen wir uns definitiv.

Stand: 10.09.2018, 00:00