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Bittersüßer Befreiungsschlag von Rodrigo Amarante

Cover Rodrigo Amarante "Drama"

Rodrigo Amarante: "Drama"

Bittersüßer Befreiungsschlag von Rodrigo Amarante

Von Johannes Wolff

Vorhang auf für Rodrigo Amarante. Auf seinem neuen, zweiten Album "Drama" setzt sich der gefeierte Singer-Songwriter aus Brasilien mit seinem Innersten auseinander und überwindet eine tiefsitzende Gefühlsblockade. Seine emotionale Entladung zelebriert er musikalisch gebührend mit intimen Songs begleitet von Streicher- und Bläserensemble.

Rodrigo Amarante gehört zu den wichtigsten Songwritern Brasiliens. Der Musiker aus Rio De Janeiro schreibt Songs für Größen wie Norah Jones oder Gilberto Gil. Ende der Neunziger ging es für ihn als Teil der Rockband "Los Hermanos" steil nach oben, noch heute hat die Gruppe Kultstatus in Brasilien. Während einer Auszeit der Band Ende der Nuller Jahre lässt er zusammen mit brasilianischen Big Names wie Ed Motta, Seu Jorge und Moreno Veloso als Teil des 20-köpfigen Formation Orquestra Imperial den vergessen Samba de Gafieira-Stil wieder aufleben. In seiner neuen Wahlheimat Los Angeles schreibt er Songs mit Folk-Sänger Devendra Banhart und gründet er die Indie-Band Little Joy. Sein gefühlvoller Bolero "Tuyo" wird zur Titelmelodie für die Netflix-Serie "Narcos" über den Aufstieg von Drogenboss Pablo Escobar – und katapultierte Amarante 2015 endgültig in das internationale Rampenlicht.

Rodrigo Amarante: "Drama"

COSMO Sound Supreme 18.07.2021 02:47 Min. Verfügbar bis 18.07.2022 COSMO


Emotionale Offenbarung im Lockdown

Eigentlich hatte Amarante für sein neues Solo-Album eine Bandaufnahme geplant mit dem Fokus auf die Energie des Zusammenspiels. Doch die Pandemie macht das unmöglich und er muss die Idee verwerfen. Stattdessen setzt sich Amarante in der Ruhe des Lockdowns mit seinem Innersten auseinander. Und er durchbricht eine tiefsitzende Gefühlsblockade, die er auf ein prägendes Erlebnis in seiner Kindheit zurückführt: "Mein Vater hat mir damals meine langen Haare abrasiert und mir den weitverbreiteten Irrtum eingetrichtert 'Du bist jetzt ein Mann'", erzählt Amarante. "'Und Männer müssen ihre Gefühle im Griff haben' Das war praktisch die Essenz einer patriarchalischen Mentalität. Ich habe nicht erwartet, dass dieses Echo bis heute in mir nachhallt". Mit "Drama" bricht er ein für alle Mal mit dieser Vorstellung des Mannes, die sein Vater für ihn vorgesehen hatte – und schreibt intime und gefühlvolle Songs wie nie zuvor.

Gefühlsbetonter Sound mit der passenden Portion Pathos

"Auf Drama erforsche ich das Theater meiner Selbst" – Rodrigo Amarante zelebriert auf dem neuen Album seinen emotionalen Durchbruch auch musikalisch gebührend. Dafür erweitert der Singer-Songwriter sein gewohntes musikalisches Spektrum. Er fährt dafür ein Streicherensemble auf und fügt gefühlvolle Bläsersätze zu seinem zeitlosen Brazil-Pop hinzu. Cembalo-Sounds und zarte Saxophon-Soli schaffen Atmosphäre untermalen die vielen Stimmungen auf Drama. Das breite Spektrum reicht von verträumt-introvertiert bis feierlich-ausgelassen. Afrobrasilianische Perkussion und zarte Latin-Gitarren setzt Amarante zur ergreifenden, soundtrackartige Hymne "Sky Beneath" zusammen. Mit einem Augenzwinkern verarbeitet er in "Tara" Liebesenttäuschung zu Bossa Nova mit Big Band-Begleitung. Das Alles stets mit der passenden Portion Pathos und bittersüßer Melancholie.

Ode an das Leben und Musik als Mission

Rodrigo Amarante geht auf Drama die großen Themen des Lebens an. Liebe und Bindung an das weltliche sowie Erwartung und Enttäuschung begegnet er mit philosophischen Ansätzen und kleinen Lebensweisheiten. Inspiration dafür findet er in alten spanischen Sprichwörtern wie "Die Flut wird bringen, was die Ebbe holt" in der Single "Maré" oder den taoistischen Lehren von Alan Watts in "Tao". Aus übersetzten lateinischen Phrasen leitet er sich in "I Can´t wait" sein eigenes Freiheitsverständnis ab.

In "Tanto" arbeitet er seine Erfahrung als Ausländer als Ausländer auf und ruft zu Toleranz auf. Dabei bewahrt Amarante stets die Hoffnung und einen Funken bittersüßen Humor. Schmerzenden Widersprüchen und Lebenskrisen setzt er Leichtigkeit entgegen. Amarante macht auf Drama seine ausgefeilten Texte zu seinem Markenzeichen. Er selbst sieht das als seine Mission, die aus einem weiteren Kindheitserlebnis resultiert: "Als Kind bin ich in ein mysteriöses Koma gefallen. Ich weiß bis heute nicht, was der Grund dafür war. Ich habe mir das dann so erklärt, dass ich eine zweite Chance im Leben erhalten habe und das ehren müsste. Für mich war klar, dass ich etwas machen musste, das Anderen zugutekommt. Ich lege Wert darauf, dass andere sich mit meinen Songs und Texte identifizieren können oder sich daraus zumindest ein interessantes Gespräch entwickeln kann."

Und die Rechnung geht auf – durch seine große Leichtigkeit im Umgang mit schweren Fragen, seine verspielten textlichen Umsetzungen und die genussvoll-melancholische Grundstimmung ist "Drama" ein großes Album voll mit kleinen Lebensweisheiten. Oder, wie Amarante sagen würde: "Es ist mein großes Glück Gedanken und Gefühle in einer Form aufarbeiten zu können, die auch Anderen von Nutzen kann – wie ein unerwarteter Spiegel, der ihnen vorgehalten wird."

Stand: 18.07.2021, 00:00