Live hören
Jetzt läuft: Lovely Day (Studio Rio Version) von Bill Withers with Studio Rio

Rachid Tahas posthumes Album "Je suis africain" bezieht Stellung gegen Rassismus und Intoleranz

Rachid Taha "Je suis africain"

Sound Supreme: Rachid Taha "Je suis africain"

Rachid Tahas posthumes Album "Je suis africain" bezieht Stellung gegen Rassismus und Intoleranz

Von Anna-Bianca Krause

Ein Jahr nach seinem zu frühen Tod ist das elfte Studioalbum des franko-arabischen Sängers und Songwriters Rachid Taha posthum erschienen. "Je suis africain" ist ein radikales und humorvolles Statement gegen Rassismus und Intoleranz, feiert aber auch Lebenslust, Liebe und Leidenschaft.

Sound Supreme: Rachid Taha "Je suis africain"

COSMO Sound Supreme 30.09.2019 02:50 Min. Verfügbar bis 26.09.2020 COSMO

Rachid Taha, franko-arabischer Star, Songwriter und Sänger mit Raufaserstimme, Rebell und eine der wichtigsten Stimmen der Musik aus dem Maghreb und der Migrantengeneration in Frankreich. Als junger Mann war Taha Punk-DJ, später gründete er die Rock-Band Carte de Séjour - übersetzt mit Aufenthaltsgenehmigung - und positionierte sich schon in den Achtzigerjahren, als die Rechtsextremen zum ersten Mal ins französische Parlament eingezogen sind, wütend gegen den Front National.

Taha war der Provokateur unter den nordafrikanischen Künstlern in Frankreich. Die anderen machten Rai, er fusionierte den Sound des Orients mit Rock und Punk, später auch Techno, und Reggae. Mit seiner Mischung brachte er nicht nur algerische Traditionen auf westliche Dancefloors, sondern ebnete auch den Weg für den heute völlig selbstverständlichen arabisch beeinflussten und auf Arabisch gesungenen Pop, HipHop, Elektrosound, etc.

Ex-Punks vereint

Toma Feterman, französischer Sänger, Multi-Instrumentalist, Songwriter mit polnisch-jüdisch-rumänischen Wurzeln, Bandleader von La Caravane Passe und als John Lénine auch eine Hälfte des Projekts Soviet Suprem. Auch er hat mit Punk angefangen und dann zu einem wunderbaren Sprach- und Stilmix gefunden. Feterman und Taha kannten sich seit mehr als zehn Jahren, Taha hatte davor schon bei La Caravane Passe Songs mitgesungen ("Perdue ta langue", "Baba") und wollte unbedingt mit Feterman arbeiten, weil beide dieselbe Musikkultur hatten und sich die Leidenschaft für Kino, Politik, Balkanmusik, nordafrikanische Musik, Punk und Rock teilten.

Wohnzimmer Sessions

In den zwei Jahren vor Tahas Tod trafen sie sich unregelmäßig meist in Tahas Wohnzimmer, wo sie zuerst improvisierten (nur Gesang und Gitarre) und dann nach und nach die zehn Songs des Albums schrieben. Wenn es Taha nicht so gut ging – er litt seit vielen Jahren an einer seltenen Erbkrankheit, der Arnold Chiari Malformation, dadurch versteiften nach und nach seine Hüfte, sein Arm, sein Bein – rief er Feterman an und man traf sich. Taha hat immer viel geredet, über Politik und vieles mehr und Feterman machte sich Notizen, die er dann bei den Sessions wieder aus der Tasche zog. So ist auch der Titelsong "Je suis africain" entstanden. Der Satz fiel als sich die beiden in einem Café trafen und wurde dann zu der universellen Botschaft, dass alle Menschen Afrikaner sind, weil die Wiege der Menschheit in Afrika stand.

Desperado aus Nordafrika

Taha war er ein Pionier der musikalischen Begegnung zwischen Orient und Okzident, steht von seinen Anfängen an für die Fusion von nordafrikanischen Melodien und Rhythmen mit urbaner westlicher Musik. Und er hat sich mit Unterstützung von Toma Feterman auch auf seinem elften Studioalbum wieder alle Freiheiten in Sachen Musik genommen. Man hört Geigen, Talking Drums, ein arabisch-andalusisches Orchester, Balafon, Soukous-Gitarre, Pfeifen wie bei Ennio Morricone, Mandole, Oud, Balkan-Bläsersätze (gespielt von La Caravane Passe), Saz, Bass, Darbukka, Tar, Ngoni, Kaval, Drums, E-Gitarre – kurz eine ganze Welt an Instrumenten.

Entstanden sind zehn sehr unterschiedlich Songs, die von der Stimme von Taha zusammen gehalten werden. Sein raues Timbre ist diesmal weicher als früher, weniger guttural, Feterman wollte, dass er diesmal den orientalischen Punk-Crooner gibt, der manchmal auch nur säuselt oder spricht. Meist Arabisch, oft Französisch und zum ersten Mal im Song "Like a Dervish" auf Bitte von Brain Eno ausnahmsweise auch auf Englisch, eine Sprache, mit der er eigentlich auf Kriegsfuß stand und die deshalb auch in jedem Satz mit Arabisch oder Französisch gekreuzt wird.

Die Musik, ein Mix aus Gnawa, Rock, Balkan, Orient, Pop, Country und immer wieder Italo-Western - Taha war schließlich nicht nur wegen seiner kratzbürstigen Stimme, den Desperados aus diesen Filmen nicht unähnlich, in Frankreich zwar ein Star, aber auch rebellisch und provokativ, immer wieder aus der Rolle fallend.

Kein Testament

Am 12. September 2018 ist Rachid Taha mit nur 59 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Während seiner ganzen Karriere war der Algerier ein Gesellschaftskritiker, Antirassist aus tiefster Seele, offen nach allen Richtungen, er sang und schrie mit Kaktusstimme gegen Intoleranz und Fundamentalismus an und provozierte, weil er sich an keine Konventionen hielt. Das Album ist einerseits für sein Publikum wie ein Testament, ein letztes Lebenszeichen.

Es ist aber andererseits eben kein Testament, denn Taha wusste nicht, dass es sein letztes sein würde. Mehr noch, er feiert mit "Je suis africain" ein Jahr nach seinem Tod eine Art Wiederauferstehung, denn man spürt in jedem Song seine große Leidenschaft für alles, was er tat. Taha und Feterman haben das Album noch zu Lebzeiten von Taha fertiggestellt. Er hatte alles gehört und war einverstanden, Feterman hat es nach seinem Tod nur noch abgemischt und sagt, er wollte realisieren, was Taha im Kopf hatte.

In Frankreich wird das Album von den Medien hoch gefeiert, sie schreiben: "Taha lebendiger als je zuvor", "Eines der besten Alben, die er je gemacht hat" oder "Man spürt, dass seine Leidenschaft noch intakt war."

Stand: 30.09.2019, 00:01