Die Stimme der Gastarbeiter*innen

Ozan Ata Canani - "Warte mein Land, warte"

Ozan Ata Canani - "Warte mein Land, warte"

Die Stimme der Gastarbeiter*innen

Von Joyce Lok-Teng Lee

Ozan Ata Canani singt aus den Herzen der Gastarbeiter*innen: Mit deutschen Texten über anatolischer Musik hat er Ende der 70er einen neuen Stil entwickelt, der jetzt mit seinem Debütalbum "Warte mein Land, warte" wiederbelebt wird.

Ozan Ata Canani - "Warte mein Land, warte"

COSMO Sound Supreme 31.05.2021 02:40 Min. Verfügbar bis 30.05.2022 COSMO


Ozan Ata Canani ist elf, als seine Eltern ihn Mitte der 70er nach Deutschland holen wollen. Er weigert sich jedoch, denn er möchte lieber in der Türkei bei seinen Großeltern aufwachsen. Zu seinen Eltern, die in Deutschland als Gastarbeiter tätig sind, hat er bis dahin keine enge Bindung. Der Vater fragt, was er ihm schenken müsse, damit sein Sohn nach Deutschland komme. Ata wünscht sich eine Saz, eine türkische Langhalslaute, die er auch bekommt. 1975 in Deutschland angekommen, kann er bereits nach wenigen Monaten gut spielen und tritt sogar mit seinem Idol Aşık Mahsuni Şerif auf. Aşık und Ozan - So werden respektable Musiker in der Türkei genannt. Aşık Mahsuni Şerif hätte Ata auf Deutschlandtournee genommen, wenn das nicht ausgerechnet Atas Vater verboten hätte. Der Vater war dagegen, dass Ata Canani Musiker wird.

Das einmalige Phänomen

Mit seiner Hochzeitskapelle spielt Ozan Ata Canani regelmäßig auf türkischen Hochzeiten. Einmal fragt ihn jemand, ob er auf Deutsch singen könnte. Von da an tut er dies auch und singt auf Deutsch über die Probleme und schlechten Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter*innen, die Sehnsucht nach der Heimat und Erfahrungen mit Rassismus. Die türkische Community lacht ihn zunächst aus, weil sie die Texte nicht verstehen. 1978 schreibt Ozan Ata Canani seinen ersten Song "Deutsche Freunde", mit dem er mehrere Fernsehauftritte hat, unter anderem in der ARD. Auf die Idee von "Deutsche Freunde" ist er durch ein Zitat von Max Frisch gekommen: "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen". "Deutsche Freunde" - Damit sind die Politiker in Bonn, der ehemaligen Hauptstadt der BRD gemeint. Von der psychedelischen Musik kann Ozan Ata Canani nicht leben. Vielleicht sind die anatolischen Klänge zu fremd für das deutsche Ohr. Deswegen arbeitet Ozan Ata Canani in einer Plastikeimerfabrik, wo er mehr Plastikeimer herstellen muss, als seine deutsche Kollegen und Kolleginnen. Später arbeitet er als Radio- und Fernsehmechaniker, während er bis Ende der 80er weiter abends auf Hochzeiten auftritt. Dann macht er sich mit einer Getränkefirma selbstständig und schleppt schwere Getränkekisten, bis sein Körper nicht mehr kann. Nach einem Herzinfarkt und jahrelangem schweren Arbeiten geht Ozan Ata Canani in Frührente. Erst Jahre später wird ihm bewusst, dass er mit seiner Musik als einer der ersten Musiker*innen türkischen Ursprungs den Weg in die deutsche Musikszene geebnet und den Global Pop aus der Türkei in Deutschland zugänglich gemacht hat.

Die Wiederentdeckung

2013 erhält Ozan Ata Canani einen Anruf aus Berlin, ob er nicht "Deutsche Freunde" neu aufnehmen könne. Er ist schockiert, dass nach über 35 Jahren noch jemand Interesse an seinem Lied hat, dennoch ist er glücklich. "Deutsche Freunde" erscheint im gleichen Jahr in der Compilation "Songs of Gastarbeiter". 2018 nimmt er "Alle Menschen dieser Erde", einen Song über ein friedliches Zusammenleben, wieder auf. Alte und neue Songs auf Türkisch und Deutsch erscheinen nun endlich auf seinem Debütalbum "Warte mein Land, warte" (VÖ 28.05.2021), das zum 60. Jubiläum des Anwerbeabkommens erscheint. Cananis Lieder sind auch 2021 noch aktuell, denn sie sind nicht nur ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte, sondern auch ein bedeutendes Kapitel in der Familiengeschichte der jungen Deutschen, deren Eltern und Großeltern als Gastarbeiter*innen aus der Türkei, Italien, Griechenland und Jugoslawien nach Deutschland gekommen sind.

Das Kapitel der Familiengeschichte

Viele Gastarbeiter*innen, wie Atas Vater, wollten ursprünglich nach einigen Jahren des Arbeitens in Deutschland wieder in die Türkei zurück, haben es jedoch nie geschafft. Lag es an den Kindern, die sich wie Ata in Deutschland zuhause fühlen? Der Furcht, die Rückkehr zu bereuen? Oder beides? Ata und sein Vater hatten 30 Jahre lang keinen Kontakt, weil sie sich nicht über Atas Zukunft einigen konnten und in welchem Land sie zuhause waren. Es waren starke Generationskonflikte. Ata gehört zu denjenigen, die ein oder beide Elternteile in einem Sarg in das Ursprungsland brachten. Er erzählt: "Die erste Gastarbeitergeneration hat eine dramatische Lebensart und Weise gehabt. Körperlich waren sie hier in Deutschland, aber seelisch haben sie in der Türkei gelebt."

Erfahrungen mit Rassismus

Einige Teile der Familiengeschichte, wie die Erfahrungen mit Rassismus gehen bis heute. Ozan Ata Canani erinnert sich, dass er nach seiner Ankunft in Bremerhaven keinen Rassismus erlebt habe. Das erste Mal sei ihm dies 1978 in Köln widerfahren, als ein Mann zu ihm sagte, er wolle nichts mit Ausländern zu tun haben. Ozan Ata Canani wollte nur nach dem Weg zum Kulturzentrum Alte Feuerwache fragen. Dort angekommen, sieht er Hakenkreuze und Schmierereien wie "Ausländer raus" an den Wänden. "Ich habe mir überlegt: 'Mensch, wo bist du denn gelandet?'", erinnert sich Ozan Ata Canani. Das war schon hart für mich gewesen. Dann kam da auch das Lied "Stell dir einmal vor." Heute beobachtet Ozan Ata Canani: "Damals war die rechte Szene auch da. Aber sie war nicht so stark wie heutzutage. Vorher waren sie auch nicht so aggressiv wie jetzt. Jetzt sind die aggressiver geworden. Wir haben Solingen gehabt. Mölln, oder Köln die Nagelbombenattacke auf der Keupstraße. Oder Hanau letztes Jahr. Ich denke, von der Polizei und den Ämtern wird das nicht richtig nachverfolgt. Sonst wäre das nicht so hochgekommen."

Stand: 30.05.2021, 00:00