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Muito Kaballa: "Little Child"

Muito Kaballa: "Little Child"

Das Kind will tanzen

Stand: 22.05.2022, 00:00 Uhr

Muito Kaballa war anfangs eine One-Man-Show: Lautsprecher, Percussion-Instrumente, Klarinette, Saxophon, alles auf einem Fahrradanhänger. So hat Niklas Mündemann in den Straßen Kölns gespielt. Heute leitet er eine neunköpfige Global Groove Big Band: Das Muito Kaballa Power Ensemble.

Am 18. Juni werden sie beim COSMO Festival in Dortmund auf der Bühne stehen - zusammen mit vielen weiteren unserer Global Pop-Lieblinge. 

Von Keno Mescher

Muito Kaballa: "Little Child"

COSMO Album der Woche 23.05.2022 02:43 Min. Verfügbar bis 22.05.2023 COSMO


Da steht so ein Typ auf einem Platz in Köln. Vor sich eine Box mit diversen Instrumenten. Er spielt Percussions ein, schichtet Rhythmen übereinander, spielt Melodien dazu. Aus dem Nichts entsteht ein Sound, den man eher von einem ausgewachsenen Ensemble erwarten würde. Er ist leicht, federnd, zitiert Afrobeat, Funk, Latin Music, Jazz; ein nicht eindeutig zu lokalisierendes Gemisch, das durch den Groove zusammengehalten wird. Global Pop mit Punk-Attitüde.

"Ich hatte eine Loop-Station und verschiedene Instrumente dabei, hab alles loopmäßig gelayert und dann auf der Straße performt" sagt Niklas. "Da konnte ich verschiedene Instrumente ausklappen und es sah ganz cool aus. Aber es war eben mehr als Witz gedacht." Das erste Album "Everything is broke" von Muito Kaballa erschien beim Label Switchstance Recordings, da hatte Niklas noch alles selbst eingespielt. Über die Zeit ist Muito Kaballa zu einem ernsthaften Bandprojekt geworden. "Dadurch, dass ich Feedback bekommen und gemerkt habe, das findet Anklang. Und so ist dann diese Band entstanden. Wir haben immer mehr Ideen, wo es hingehen kann. Und gleichzeitig ist es aber auch so schön, weil wir einfach schauen, wo es hinläuft."

Emanzipation vom Afrobeat

"Litte Child" ist - je nach Zählweise - das zweite Album des Muito Kaballa Power Ensembles. Auf die erste Band-LP "Mamari" folgte ein komplettes Remix-Album. Bei "Little Child" sind diese Remixe jetzt direkt integriert. Fünf live eingespielte Songs, vier Remixe: von Kuna Maze, Lua Preta, La Dame und Badsista. Der Band-Sound ist offener, weniger afrobeat-lastig, als auf dem Vorgänger, für Niklas ein stilistisch wichtiger Aspekt: "Afrobeat ist eine Riesenquelle der Inspiration, aber wir sind auch ganz viel anderes und ich glaube bei Little Child wird das ganz deutlich, dass wir auch andere musikalische Seiten haben und Lust haben, neue musikalische Wege zu gehen." So ist "Little Child" vor allem das Ergebnis eines experimentierfreudigen Ensembles, das mit jedem Song versucht, sein Klanguniversum zu expandieren. Auf der Bühne steht Frontfrau Nora Beisel im Zentrum. Sie ist die Chef-Performerin des Muito Kaballa Power Ensembles. Natürlich geht es um Ekstase, um Rausch, aber auch darum, sensibel für andere zu sein. Im Song "No=No!" bringt Nora das auf den Punkt: "Ihr war es einfach ganz wichtig, da so eine kleine Kampfansage zu machen," beschreibt Niklas die Lyrics. "Es geht um übergriffiges Verhalten. Nora macht sich stark für ihre eigenen Grenzen und sagt: ‚Ich hab keinen Bock, mit dir zu tanzen. Ich hab keinen Bock, dir meine Nummer zu geben‘".

Festung Europa

Viele Songs sind politische Statements. Insbesondere "Inside/Outside". Die Botschaft: Wer innerhalb der europäischen Grenzen geboren wurde, darf sich glücklich schätzen. Und verliert oft das Gefühl dafür, dass der eigene Wohlstand auch auf dem Leid anderer basiert: "Ich hab den Song geschrieben, weil ich in Bezug auf die europäische Flüchtlingspolitik immer so eine Zerrissenheit spüre. Dadurch, dass sich Europa als moralische Instanz positioniert, aber dann andererseits - eben im Fernsehen und überall - Bilder zu sehen sind, wie Menschen zurückgeschoben werden ins Meer", beschreibt Niklas die Intention. In Inside/Outside geht es um Perspektiven. Damit beide Perspektiven zu Wort kommen, ist der deutsch-nigerianische Bandleader und Aktivist Adé Bantu als Feature-Gast dabei. Er lebt in Lagos und beklagt sich in einem gesprochenen Intro über die trügerische Gewissheit der Menschen in Europa, frei von Schuld zu sein, da sie an dem alltäglichen Sterben im Mittelmeer ja nicht direkt beteiligt seien.

Das innere Kind

Auf "Little Child" geht es - daher der Titel - zum einen darum, sich den unverstellten Blick zu bewahren, sich als Kollektiv neu erfinden zu können. Zum anderen hat Niklas den Titelsong geschrieben, weil das "Little Child" für ihn eine sehr persönliche Bedeutung hat. Die Rückbesinnung auf das innere Kind hat ihm geholfen, seine eigenen Dämonen zu besiegen: "Das kommt aus der Schematherapie. Also ein verhaltenstherapeutischer Ansatz. Das hat mich inspiriert, so ein Lied zu schreiben. Es geht um ein kleines Kind, das in einem wohnt, das man manchmal einfach in den Arm nehmen muss, dem man zuhören muss, damit es einem wieder besser geht."

Nach einem Muito Kaballa-Konzert wird es vielen Beteiligten tatsächlich besser gehen. Und das auch, weil Muito Kaballa ihre Rolle als Entertainer*Innen sehr ernst nehmen: "Mir ist wichtig - und wir haben als Band total daran gearbeitet - eine Show auf die Beine zu stellen. Mir macht das persönlich unheimlich Spaß, mit den anderen auf der Bühne zu stehen und auch zu sehen, dass man das Publikum so erreicht. Dass man mit den Leuten gemeinsam tanzt und einfach eine gute Zeit hat."