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Multi-Meta-Pop

Mouse On Mars - Dimensional People

Sound Supreme - Mouse On Mars: "Dimensional People"

Multi-Meta-Pop

Von Keno Mescher

Percussion-Roboter, Folk-Musiker, Rapper und mittendrin Mouse on Mars als Dirigenten und Regisseure. "Dimensional People" ist eine Sinfonie zwischen Blues und Footwork-Rhythmen; elektroakustische Klangkunst mit liebenswert schrulligen Pop-Momenten.

Das aktuelle Album der deutschen Elektronika-Spezialisten Mouse On Mars ist das Ergebnis einer langen Phase von Experimenten und Begegnungen. "Was in den Neunzigern Glitch genannt wurde - der willkommene Fehler, das Unerwartete der Maschine - hat sich erweitert in das Unerwartete aus dem Leben", sagt Jan St. Werner, eine Hälfte des Duos Mouse On Mars über "Dimensional People". Was elektronische Musik angeht, sind er und sein Jugendfreund Andi Toma eine weltweite Institution, seit fast 25 Jahren aktiv. Produzentengott Rick Rubin ist ihr Fan, David Bowie war es auch.

Die Entstehung von "Dimensional People" ist aber insbesondere dem Zusammentreffen mit zwei anderen prominenten Mouse-On-Mars-Fans zu verdanken: dem US-amerikanischen LoFi-Folker Bon Iver und Aaron Dessner, Kopf von The National. 2016 schlugen sie, begleitet von André de Ridder, plötzlich in den Arbeitsräumen von Mouse On Mars im Funkhaus an der Berliner Nalepa-Straße auf: "Die standen plötzlich bei uns im Studio", erinnert sich Jan St. Werner. "Sie meinten: 'Dürfen wir mal reinkommen? Wir überlegen ein Festival hier im Funkhaus zu machen.' Und wir kannten die alle überhaupt nicht, für uns war das eine Reisegruppe aus Wisconsin."

Im Studioschlaraffenland

Die Reisegruppe und Mouse On Mars verstanden sich prächtig. Nach ersten Jams in Berlin wurden Jan St. Werner und Andi Toma zum von Bon Iver organisierten Eaux Claires-Festival in Wisconsin eingeladen. Aus Sessions mit anderen am Festival beteiligten Musikern entstand eine immer intensivere Zusammenarbeit in Bon Ivers eigens erbautem Wohn- und Arbeitsplatz, dem April Base Studio: "Der hatte dann einen Heidenspaß uns halb Wisconsin vorzustellen. Und wir haben wie in einem Schlaraffenland die Musiker in die Aufnahme fliegen lassen. Wir haben dann nur noch gewünscht: 'Habt ihr einen, der Pedal Steel spielt?' Zack, eine halbe Stunde später stand der im Studio."

Vierzig Gäste und ein Album

Neben Kult-R'&'B-Musiker Swamp Dogg, der in "Résumé" seine Lebensgeschichte referiert, Rappern wie Spank Rock oder Amanda Blank, der australischen Band Parcels oder Eric D Clark, liefert vor allem Zach Condon von Beirut einen wichtigen vokalen Beitrag zu "Dimensional People". Insgesamt haben ungefähr vierzig Gäste am Album mitgewirkt: "Wir haben zugelassen, dass Musiker auf uns zugegangen sind", beschreibt Jan St. Werner den Arbeitsprozess. "Es hat sich ein Rhythmus entwickelt aus diesen Erlebnissen. Und dann war auch klar, dass die Musiker jetzt zur Geschichte des Albums gehören."

Konstruktivistischer Sozialismus

"Dimensional People" ist das Konzentrat der Begegnungen von Mouse On Mars in den letzten zwei Jahren. Neben diversen Vokalisten und Instrumentalisten ist insbesondere der Klangkünstler Moritz Simon Geist aka Sonic Robots zu nennen. Das Album beginnt mit einem rhythmischen Staccato, das einer seiner Percussion-Roboter auf einem Holzblock eingetrommelt hat. Auch bei den seltenen Live-Aufführungen, beispielsweise am MIT in Cambridge und wahrscheinlich auch bald in der Elbphilharmonie, sind seine autonomen Klangmaschinen Bestandteil des Setups. Mouse On Mars verstehen "Dimensional People" als konstruktivistischen Sozialismus. Wenn es die technischen Möglichkeiten zulassen, wird das Album in einer speziellen, objektbasierten Mischung auf einer Vielzahl von Lautsprechern aufgeführt, in der jeder Musiker, jedes Element, seinen eigenen Platz bekommt.

Verschwunden im Nebel

Natürlich pflegen Mouse On Mars ihren altbekannten, avantgardistischen, abstrakten und mitunter auch sehr hintersinnigen Umgang mit Klängen aller Art. "Dimensional People" ist mehr elektroakustische Klangkunst als eine Sammlung durchdesignter Pop-Songs. Trotzdem gibt es sie, die großen Pop-Momente. Sie blitzen auf in Stücken wie "Foul Mouth", "Sydney In A Cup" oder "Tear In My Eye". So schnell wie catchy Refrains oder Hooks auftauchen, verschwinden sie aber auch wieder in einem Nebel aus akustischen und elektronischen Klangwolken. "Es ist schon extrem geschäftsschädigend, das wir da so rangegangen sind", sagt Andi Toma. "Kurzzeitig haben wir auch daran gedacht, alles auszuarbeiten. Aber dann gefiel uns gerade das Angerissene. Dadurch, dass die Lieder nur kurz angespielt werden und dann in etwas anderes transformieren, macht es den Moment sehr kostbar." Wer bereit ist, in die eigenwillige, aber auch magisch schöne Klangwelt von Mouse On Mars einzutauchen, wird verstehen, was damit gemeint ist.

Mouse On Mars: "Dimensional People"

COSMO Sound Supreme | 16.04.2018 | 02:43 Min.

Stand: 16.04.2018, 00:00