Matthew Herbert mit Album zum Brexit: "The State Between Us"

Matthew Herbert Big Band: "The State between us"

Matthew Herbert mit Album zum Brexit: "The State Between Us"

Von Christian Werthschulte

Lieber hört er einem Baum zu als Nigel Farage - der britische Elektronikproduzent Matthew Herbert bezieht auf seinem neuen Album Stellung zum Brexit. Seine Big Band verkörpert das Prinzip paneuropäischer Zusammenarbeit. "The State between us" vereint Jazz, elektroakustischer Collagen und Housebeats.

Sound Supreme - Matthew Herbert Big Band: "The State between us"

COSMO Sound Supreme 25.03.2019 02:34 Min. COSMO

Matthew Herberts Big Band ist die gute Seite des Brexit. Kurz nach dem Referendum war der Elektronikproduzent im Schock. Als Therapie hat er sich eine paneuropäische Big Band verordnet.  "Bei unseren Auftritten sind 120 Menschen auf der Bühne. Davon kenne ich zehn", erzählt Herbert. "Mit so vielen Fremden ein Konzert zu spielen, macht mich glücklich. Es ist ein großes Fuck You an Nigel Farage, Theresa May und diese ganzen Idioten."

Zwei Jahre lang ist Matthew Herbert mit seiner Big Band durch Europa getourt und hat dabei mit über 1000 Musiker*innen zusammengespielt. Gemeinsam haben sie das Album "The State between us" aufgenommen, dass zum anvisierten Brexit-Datum am 29. März erscheint. Darauf zeigt Herbert die Bandbreite seines Könnens: elektroakustische Collagen stehen neben swingenden Orchesterstücken und euphorischen Housebeats. "The State between us" feiert das musikalische und körperliche Überschreiten von Grenzen, aber in seinem Kern ist es ein reflexives Album: "Das Album ist ein Requiem für eine Periode der Sicherheit in meinem Leben als britischer Bürger, mein Leben als Europäer und mein Leben als Mensch auf einem Planeten, der kollabiert", sagt Matthew Herbert.

Matthew Herbert reagiert darauf mit akustischer Ökologie. Er richtet unsere Aufmerksamkeit auf Sounds, die eine politische Geschichte erzählen und die er für dieses Album verarbeitet hat. In „Backstop“ sampelt er Natursounds von einer Wanderung an der britisch-irischen Grenze. Für „Fish and Chips“ ist er in die Fischereistadt Grimsby gereist, wo nach jahrelangen Wahlerfolgen für die sozialdemokratische Labour-Partei auf einmal die nationalistische UKIP-Party Aufwind bekam. Dort hat er eine Trompete frittiert und die dabei entstehenden Geräusche weiterverarbeitet. Der emotionalste Moment ist aber das Fällen einer 180 Jahre alte Eiche, das eine Konsequenz des Brexit war. "Der Brexit ist eine riesige Ablenkung vom eigentlichen Notstand: dem Klimawandel. Meine Musik muss sich immer mit dem Klima beschäftigen und ich finde, wir sollten eher einem Baum zuhören als Nigel Farage", sagt der Produzent, der im Londoner Umland auf einem Bauernhof lebt, den er selbst bewirtschaftet. 

Mit "The State between us" will Herbert den Weg in eine bessere Zukunft weisen: eine Zukunft, in der die Menschen ihre Probleme angehen, indem sie zusammenarbeiten – so wie er und seine Big Band: "Politiker sind nicht die einzigen Menschen, die etwas bewegen können. Der Auftrag eines Künstlers ist es, sich die Zukunft vorzustellen. Ein komplexes Problem löst man nur gemeinsam. Dann verkörpert man das, was gut an der EU ist."

Stand: 25.03.2019, 10:00