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Global Groove Big Band Jungle By Night

Jungle by Night: "Livingstone"

Sound Supreme - Jungle by Night: "Livingstone"

Global Groove Big Band Jungle By Night

Von Keno Mescher

Vor fast zehn Jahren sind Jungle by Night als Ethio-Jazz und Afrobeat-Kapelle gestartet. Auf ihrem fünften Album "Livingstone" präsentieren sie sich als elektrifizierte Global Groove-Big Band.

Jungle by Night: "Livingstone":

COSMO Sound Supreme 11.02.2019 02:31 Min. COSMO

"Livingstone", da ist der erste Gedanke der schottische Entdecker und Missionar David Livingstone. Britischer Nationalheld, scharfer Kritiker der Sklaverei, hatte sich vor allem der Erforschung des afrikanischen Kontinents verschrieben. Ist auch zur Hälfte richtig. Genau wie er sehen sich Jungle by Night als Entdecker, als Erkunder fremden Terrains. Auf dem Cover des Albums ist aber ein Pyrit zu sehen, ein "lebender Stein". Kristalle in nahezu perfekter Würfelform, eingebettet in ein faustgroßes Felsstück. Pyrit ensteht natürlich, wirkt durch seine Symmetrie und die metallisch schimmernde Oberfläche aber artifiziell. Für Jungle By Night die bildliche Entsprechung ihres Band-Kollektivs, in dem das Chaos eine genau so große Rolle spielt, wie strenge Formen und Absprache.

Ab aufs Land

Diesmal mal kein Studio, kein dunkler Keller, kein hermetisch abgeschotteter Aufnahmeraum. Jungle By Night sind für die Aufnahmen zu "Livingstone" im Sommer letzten Jahres aufs Land gefahren. Die Band hat sich für eine Woche in einem Bauernhof eingerichtet, gut gegessen, gut getrunken, bei offenen Türen und Fenstern die neuen Songs eingespielt. Das ist schon in den ersten Sekunden des Albums zu hören. Bevor das wunderbar leicht vor sich hin eiernde Synthie-Motiv von "Hangmat" einsetzt, zwitschern die Vögel im Baum neben dem Aufnahmeraum. Kein nachträglich eingefügter Effekt.

Die Jungs von Jungle By Night haben während der Sessions zwei Mikrofone außerhalb des improvisierten Studioraums platziert, um die Umgebungsgeräusche einzufangen. "Diese Vögel sind die Sänger unseres Albums", sagt Posaunist Ko Zandvliet. Ansonsten bleiben Jungle by Night ihrem instrumentalen Ansatz treu, wie Trompeter Bo Floor deutlich macht: "Wir haben keine Lyrics, weil wir nicht wollen, dass die Bedeutung des Songs durch sie gesteuert wird. So kann sich jeder seine eigene Vorstellungswelt aufbauen." 

Auf zu neuen Ufern

Was bei "Livingstone“ unmittelbar auffällt: Jungle by Night haben ihre Klangwelt erweitert. Synthesizer-Sounds spielen jetzt eine tragende Rolle. "Liegt daran, dass wir älter geworden sind", sagt Ko Zandvliet, "wir haben viel gefeiert, sind auf Raves gegangen, haben uns mit der DJ-Kultur auseinandergesetzt. Dadurch haben wir elektronische Musik noch einmal anders verstanden und wollten sie auch in unseren Band-Sound integrieren." Das wird besonders deutlich in Stücken wie "Spectacles Part 2", das sich mit genre-typisch rutschenden Modulationen und Filterfahrten in jedem Techno- respektive House-Set gut machen würde.

Insgesamt wirkt "Livingstone" reifer und universeller als seine Vorgänger. Verspieltes Muckertum rückt in den Hintergrund und gibt einer eher poppigen Straightness Raum, ohne oberflächlich oder plakativ zu werden. Manchmal mit cineastischem Einschlag wie in "The Fog", manchmal mit unbedarft federnden Disco-Beats wie in "Love Boat". "Livingstone" ist eine musikalische Allzweckwaffe: Musik zum Putzen, zum Hausaufgaben machen, zum aus dem Fenster starren, vor allem aber Musik, die für die Bühne gemacht ist. Nicht umsonst haben Koryphäen wie Tony Allen oder Seun Kuti die Band als "Zukunft des Afrobeat" bezeichnet, auch wenn Jungle By Night mittlerweile zu variationsreich für diese Schublade aufspielen. 

Rush Hour

Für "Livingstone" haben Jungle By Night mit "Rush Hour" ein neues musikalisches Zuhause gefunden. Das Label und der gleichnamige Plattenladen um Mastermind Antal ist das Amsterdamer Aushängeschild für elektronische Clubkultur, von Connaisseuren weltweit geschätzt und geachtet. "Wir sind mit Rush Hour aufgewachsen, Antal hat uns seit unserer Gründung begleitet und unterstützt", sagt Ko Zandvliet, "dadurch dass wir jetzt elektronischer klingen, aber trotzdem unseren analogen Sound beibehalten, passt ‚Rush Hour‘ einfach perfekt zu uns." Wenn man Jungle By Night fragt, was sie Besuchern im Amsterdam empfehlen würden, steht der Plattenladen von "Rush Hour" natürlich an erster Stelle. Weitere Empfehlungen: das "Skatecafe" im weniger touristischen Norden der Stadt, hier haben Jungle By Night auch ihren Proberaum. Oder "De School", nach der Schließung des "Trouw" die neue Anlaufstelle für innovative Clubkultur in Amsterdam.

Stand: 11.02.2019, 10:00