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Analog Dance Music

Cover: Jungle by Night: "Algorhythm"

Jungle by Night: "Algorhythm"

Analog Dance Music

Von Anna-Bianca Krause

Die neun jungen Musiker von Jungle by Night aus Amsterdam mischen seit über zehn Jahren Clubs und Festivals weltweit mit ihren furiosen Instrumentaltracks auf. Ihr sechtes Album "Algorhythm" enthält jetzt auch die melancholischen Stimmungen der Corona-Lockdowns.

Auf der Suche nach einem neuen Sound

Kritiker nannten den Sound von Jungle by Night "Afro Dutch". Die Band selbst erfand für ihren Musikstil die Bezeichnung "Explosive Dance Music". Aber ab sofort gilt: Jungle By Night machen Analog Dance Music – weil die neun Musiker tatsächlich alles analog aufgenommen haben: Drums, Perkussion, Bläsern, Gitarre, Bass, Hammond Orgel, Glocken und Synthesizer. Letzterer ist zwar ein elektronisches Instrument, aber ebenso handgespielt wie alles andere.

Jungle by Night - "Algorhythm"

COSMO Sound Supreme 08.11.2021 02:44 Min. Verfügbar bis 08.11.2022 COSMO


Schon als Teenager entdeckten Tienson, Sonny, Gino, Ko, Bo, Pyke, Pieter, Jac und Peter die goldene Ära der afrikanischen Popmusik – die Grooves und Sounds von Afrobeat, Ethio-Jazz, Afro-Funk, aber auch Krautrock, Techno oder Jazz und gründeten 2009 Jungle by Night. Nicht der Gesang oder Texte sollten im Vordergrund ihrer Musik stehen, sondern die Interaktion zwischen ihren Instrumenten. Also machen sie seitdem Instrumentalmusik.

Bereits zwei Jahre nach Bandgründung traten die Jungs mit Seun Kuti und den Ex-Musikern von Fela Kutis Band Egypt 80 auf und haben mit der nigerianischen Musiklegende Tony Allen gearbeitet, der sie "Die Zukunft von Afrobeat" nannte. Doch genau dieses Label haben sie nach und nach abgelegt – auf "Algorhythm" sind von den afrikanischen Zutaten nur noch Spurenelemente hörbar. Die Pandemie hat die Band zwar einerseits ausgebremst, ihnen andererseits aber auch Zeit gegeben, intensiv an einem neuen Sound zu arbeiten. Statt Afrobeat hört man Krautrock und die Achtzigerjahre. Und eine Melancholie, die vorher nicht da war. Musik reflektiert und spiegelt eben immer auch die Zeit, in der sie entsteht.

Nächster Tourstopp: Die Lieblings-Imbissbude

Jungle by Night gelten seit Jahren als eine der besten Livebands weltweit. Es gab nicht einen Festivalveranstalter von Sziget bis North Sea Jazz und von Glastonbury bis Lowlands, der sie nicht auf seinen Bühnen haben wollte. In den etwas über zehn Jahren ihrer Bandexistenz haben sie mit ihren furiosen Instrumentaltracks über 600 Festivals und Clubs in 34 Ländern aufgemischt. Manche Tracks wie "E17 Snack" oder "Destination A2" sind Hommagen ans Unterwegssein. Daher die melancholischen Stimmungen mancher Tracks auf dem neuen Album – schließlich saß die Band wegen Corona in Amsterdam fest, statt wie gewohnt durch die Welt zu touren.

"E 17 Snack" ist die Lieblings-Autobahn-Imbissbude der Jungs, dort machen sie immer Halt, bevor sie dann nach Hause fahren und essen schlechtes Fastfood in einer etwas schmutzigen Bude. Trotzdem widmen sie diesem Ort einen Track. Daran merkt man schon, wie sehr die Musiker das Touren während der Pandemie vermisst haben. Musikalisch bewegt sich der Sound des Unterwegsseins zwischen Videogame, Kraftwerk und dem Soundtrack für einen Sandalenfilm.

König für einen Song

Jungle by Night kennen sich schon seit Kindertagen, sie sind verwandt oder Schulfreunde oder wohnten in derselben Straße. Neu ist auf "Algorhythm" nicht nur der Sound, sondern auch die Entstehung der Musik. Waren sie von Anfang an ein Kollektiv gewesen, in dem alles demokratisch entschieden wurde, gibt es nun Chefs – und zwar für jeden Song einen, höchsten zwei Musiker. Chef darf derjenige spielen, der mit den Grundideen für einen Track ankommt und dann auch die Richtung vorgibt. Dadurch sind die Stücke sehr unterschiedlich, da die Vorlieben der Musiker stärker hörbar werden. Die Inspirationen reichen dabei von Kraftwerk über Claude Debussy bis hin zum LCD Soundsystem.

Raus aus dem Algorithmus!

Tracks wie"Cookie", "Multi Beam" oder "Scrolling in the Deep" zeigen die echte Stoßrichtung des Albums. Jungle by Night haben sie instrumental so inszeniert und arrangiert, dass die Kritik an der digitalen Welt durch Sounds und Spielweisen hörbar wird. Die Brass-Instrumente stehen für den ständigen Informations-Input, die Arpeggios auf den Synthesizern (also die Töne, die nicht gleichzeitig sondern nacheinander gespielt werden) für den Algorithmus, der ständig neuen Content sucht.

Die Idee war es, die Trennlinie zwischen Mensch und Maschine hörbar zu machen. Ohne Texte ist das zwar nicht unbedingt nachvollziehbar, aber die Tracks funktionieren auch ohne die philosophischen oder gesellschaftlichen Reflektionen. Der Album-Titel "Algorhythm" ist ein Statement für die Rhythmen von Jungle by Night und gegen all die Algorithmen und die immer extremer Digitalisierung des Lebens. Denn die Rückkehr auf die Bühne wollen Jungle by Night mit ihrem Publikum auch als Rückkehr zum kollektiven, analogen Gemeinschaftserlebnis feiern. Jungle By Night bleibt eben Dancemusik – komplett von Menschen mit ihren bloßen Händen gemacht.

Stand: 08.11.2021, 06:00