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João Selva: Zu Hause auf dem Black Atlantic

Albumcover "Navegar": Zeichnung eines Mannes mit Hut, der eine Figur mit Fischschwanz in den Händen hält

João Selva: "Navegar"

João Selva: Zu Hause auf dem Black Atlantic

Von Johannes Wolff

João Selva ist einer der spannendsten Musikbotschafter Brasiliens. Von seiner Wahlheimat Lyon aus erneuert der charismatische Singer-Songwriter traditionellen Brazil-Pop. Sein neues Album "Navegar" ist eine musikalische Liebeserklärung an die Kreolkultur des Black Atlantic, die eng mit seinem Lebensweg verbunden ist.

João Selva: "Navegar"

COSMO Sound Supreme 04.04.2021 02:36 Min. Verfügbar bis 04.04.2022 COSMO



João Selva ist als Sohn eines Pastors in Rio de Janeiro in einer Gemeinde von früheren Gefängnisinsassen und zur Religion bekehrten Künstlern aufgewachsen. Sein Vater ist Musikliebhaber und hat in ihm schon früh Begeisterung für die traditionellen Stile Brasiliens wie Capoeira Angola, Samba de Roda, Maracatu und Coco de Roda geweckt. Mit achtzehn Jahren hat Selva seine Musikkarriere begonnen und spielt als Teil einer Musiktheatergruppe Shows für Kinder in Afrika, Südamerika und der Karibik. Viele Jahre später lässt er sich im französischen Lyon nieder. Mit Projekten wie "Sociedade Recreativa" an der Seite von Tropical-Bass-Produzent Maga Bo oder dem Trio "Forró de Rebeca" hat er sich in Frankreich bereits einen Ruf als leidenschaftlicher Musikbotschafter Brasiliens aufgebaut, als in einer Jam-Session Produzent Bruno "Patchworks" Hovart" kennenlernt: "Er kam zu mir und meinte: "Ich liebe brasilianische Musik, aber hatte nie die Gelegenheit diesen Sound zu produzieren. Du hast eine Wahnsinnsstimme! Komm mal vorbei, lass uns mal was aufnehmen.", erzählt João von der folgenreichen Begegnung. Patchworks überzeugt ihn von einer Solokarriere. Es ist der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Ihre erste Single "Vida Maravilha" wird für eine Werbekampagne von Citroën lizenziert. 2017 folgt das Solo-Debüt "Natureza", das brasilianische Musik, Samba und Vintage-Funk vermischt. Neo-Tropicalia nennt João Selva diesen Mix - ein musikalisches Update des Brazil-Popstils der späten 60er Jahre: "João Selva ist ein Pop-Projekt, aber der Einfluss traditioneller Musik, der Música Popular Brasileira ist spürbar stark - vor allem in den Texten, aber auch im Sound."

Black Atlantic Sound

João Selvas neues Album "Navegar” steht im Zeichen des Black Atlantic. Es ist eine Hommage an den atlantischen Kulturraum, der durch den Sklavenhandel und die afrikanische Diaspora über drei Kontinente hinweg entstanden ist: "Die Idee hinter der Platte ist es, diese Geschichte des Black Atlantic anhand meiner Biographie zu erzählen. Durch meine Erfahrungen habe ich gemerkt, dass diese Kulturen entlang des Atlantiks viel mehr gemeinsam haben, als wir denken."
Entsprechend mühelos dockt João Selva westafrikanische und kreolische Traditionen an seinen Neo-Tropicália-Sound an. Angolanischen Semba und karibischen Kompa vermischt er dafür mit Brazil-Pop und lässt sich In "Camará" von den treibenden Funaná-Klängen der Kap Verden inspirieren. Produzent Bruno Patchworks rundet die Songs mit tanzbarem Disco-Funk ab und führt sie auf den Dancefloor. Der Albumtitel bedeutet auf Portugiesisch so viel wie Segeln. Im Titeltrack schippert João Selva über den Black Atlantic und berichtet aus seinem ausgelassenen Reisetagebuch. Von seiner Heimat Brasilien bis zur Karibik, den Kapverden und Angola zelebriert João Selva traditionelle Tänze und kreolische Kochkunst. Und er zeigt auch musikalisch die Verbindungen auf, die entlang des Atlantiks bestehen: "Für Navegar haben wir afrobrasilianischen Afoxé mit dem Toque de Angola-Rhythmus aus der Capoeira vermischt - eine wahrlich panafrikanische Fusion, denn diese Rhythmen finden sich in verwandten Variationen in Afrika sowie in der Karibik wieder."

Hoffnung auf bessere Zeiten

Mit Sorge blickt João Selva auf die düstere gegenwärtige politische Situation in Brasilien. Auf "Navegar" ruft der Singer-Songwriter zu mehr Toleranz und Mitgefühl auf angesichts der gespaltenen Gesellschaft in seiner Heimat. Viele Familien seien durch die extreme Polarisierung zerstritten, erzählt er und sucht auf seinem Album nach Momenten der Versöhnung. Man dürfe nicht wegschauen bei der Abschaffung des Kulturministeriums oder den Waldbränden im Amazonas, aber man müsse positiv bleiben und selbst im Kleinen diesen Entwicklungen trotze - das ist die Botschaft in "Tudo Vai Dar Pé". In "Meu Mano" beschwört er mit Sängerin Flavia Coelho in einem improvisationsgeladenen Coco de Embola-Song den Glauben an bessere Zeiten: "Mit dem Song wollten wir zeigen, dass wir nicht einverstanden sind mit der aktuellen Situation in Brasilien. Wir dürfen nicht aufgeben und müssen Hoffnung bewahren. So wie die Sklaven damals Samba und Capoeira gebraucht haben, um mental durchzuhalten, ist Musik dafür auch jetzt essenziell."

Stand: 04.04.2021, 00:00