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"Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia" - 70er Jahre Tanzmusik aus Amazonien

V.A. - Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia

Sound Supreme: V.A. - "Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia"

"Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia" - 70er Jahre Tanzmusik aus Amazonien

Von Anna-Bianca Krause

"Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia" ist eine überraschende und euphorisierende Compilation mit in den 70er-Jahren aufgenommener Tanzmusik aus dem Amazonasgebiet im Norden Brasiliens. Das Album ist die 28. Veröffentlichung des Labels Analog Africa, das sich mit Reissues von vergessener Musik aus Afrika und Lateinamerika weltweit einen Namen gemacht hat.

V.A. - Jambú e Os Míticos Sons Da Amazônia

COSMO Sound Supreme 24.06.2019 02:29 Min. Verfügbar bis 23.06.2020 COSMO

Belém ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pará, die Stadt liegt sozusagen am Ende der Welt, im Norden Brasiliens, zwischen dem Amazonas-Delta und dem Atlantischen Ozean. Dort kreuzten sich schon immer verschiedenen Kulturen und Traditionen und die Wege ganz unterschiedlicher Menschen: weiße Brasilianer, schwarze Sklaven, portugiesische Kolonisatoren, die indianischen Ureinwohner des Regenwaldes, geflüchtete französische Sträflinge aus Französisch Guayana …. Die Menschen in Belém konnten zudem Radioprogramme aus Kolumbien, Surinam, Guayana und von den karibischen Inseln empfangen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts war die vom Regenwald umgebene Metropole das Epizentrum des Latex-Handels und wurde deshalb eine der reichsten Städte der Welt und zu einer Brutstätte kultureller und besonders musikalischer Innovation.

Aus dieser Mischung an Menschen und der Mixtur der traditionellen amazonischen Musik mit afrobrasilianischem Sound und internationalen Einflüssen entstand in den Siebzigerjahren ein einzigartiger Sound, den die Bands und Künstler in den Siebzigerjahren modernisierten. Die lokale Sound-System-Kultur verbreitete die Musik, vor allem Carimbó, aber auch seine Unterströmungen wie Gitarrada, Lambada, aber auch Lundùn, Bengúe, Siriá ….

Betäubend und berauschend

"Jambú e os Miticos Sons Da Amazônia“ bedeutet übersetzt: Jambú und die mythischen oder auch geheimnisvollen Sounds Amazoniens. Jambú ist eine Heilpflanze, die eine betäubende Wirkung hat und beispielsweise zur Betäubung von Zahnschmerzen eingesetzt wird. Sie ist auch eine Zutat der beiden Hauptgerichte der Amazonasregion und wird dem Zuckerrohrschnaps Cachaça zugesetzt. Trinkt man diese Mischung, dann fühlt man seinen Mund und seine Lippen nicht mehr und es hat einen sehr euphorisierenden Effekt. Samy Ben Redjeb ist der Meinung, dass die Musik des Samplers genauso wirkt.

Pinduca & Co

Fast alle Songs sind tanzbar, viele sind Carimbó, das ist eine Musikrichtung, die vor allem mit Perkussion und Banjo gespielt wird, modernisiert auch mit Gitarre, Saxophon und Synthesizer. Die Bands und Musiker fusionierten die mythischen Amazonas-Trommeln mit groovenden Bläsern, hypnotischen afrobrasilianischen Sounds, kubanischen Melodien Surfsound, indianischen Flöten und vielem mehr. Und obwohl Carimbó in Pará total populär war, sind die Namen der Künstler bei uns, aber auch im Rest von Brasilien größtenteils total unbekannt.

Pinduca beispielsweise, der König des Carimbò – er ist einer der bekanntesten Musiker des Amazonasgebiets und bis heute aktiv. Er war der Musiker, Sänger, Bandleader, der Carimbó populär gemacht hat. Ein sehr geschäftstüchtiger Typ, der schon von seinem erstem Album 1973 um die 15.000 Exemplare verkauft hat. Pinduca ist auch der schöne Mann im karierten Jackett, der auf dem Cover des Albums zu sehen ist. Oder Mestre Vieira, eine Legende (2018 gestorben), er gilt als Erfinder von Lambada und war eine Ikone des Musikstils Gitarrada, den es nur in und um die Stadt Belém gibt und der die Gitarren-Version des Carimbó ist.

Oder Bands wie Os Muiraquitãns oder Grupo da Pesada, die aus dem Rock kamen, dann aber Carimbó gemacht haben, weil die Musik damals angesagt war und mehr Geld brachte. Carimbó, der Name kommt von Curimbó, einer Trommel der indigenen Bevölkerung, auf der man sitzt beim Spielen. Ursprünglich kam diese Musik vom Land, wurde von Bauern und Fischern gemacht, die oft keine professionellen Musiker waren. Diese rurale Musik kam in die Stadt Belém und wurde dort mit Instrumente wie E-Gitarre oder Saxophon modernisiert.

Der Digger

Der Deutsch-Tunesier Samy Ben Redjeb war fasziniert von dieser Misch- und Miikrokultur und hat versucht sie einzufangen, weil er glaubt, dass sie ein viel größeres Publikum verdient hat. Er hat sieben Jahre zusammen mit Carlos Xavier an der Compilation gearbeitet und versucht auch die Künstler zu treffen und sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Was er herausgefunden hat, steht im wunderbar mit allen Fotos ausgestatteten 24-seitigen Booklet.

Diese Scheibe gehört auf jede Party und legt man sie auf, ist es, als würde man Brasiliens schrecklichem Präsidenten Xavier Bolsonaro eine Nase drehen: Er will die biologische und kulturelle Diversität in seinem Land platt machen, aber dieser Sound feiert genau das.

Stand: 24.06.2019, 00:00