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Göttliche Gesänge im Garten

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Göttliche Gesänge im Garten

Von Anne Lorenz

Das Album "Inna De Yard" ist die schönste Hommage an frühe Reggae-Zeiten, ein akustisches, Open Air aufgenommenes Album. Und ein generationsübergreifendes Zusammentreffen von einigen der prägendsten Stimmen früher Tage mit jungen Roots-Reggae-Artists.

Inna de Yard - "Inna de Yard"

COSMO Sound Supreme 22.04.2019 02:51 Min. Verfügbar bis 22.04.2020 COSMO

Sounds aus dem Hinterhof

"Inna de Yard" ist das zweite Album des Projekts Inna De Yard. Die Aufnahmen fanden im Garten statt – also "Inna de Yard". Trafen sich die 13 Sänger und viele zusätzliche Musiker 2016 noch vier Tage lang im Haus des Gitarristen Earl Chinna Smith, fanden die Aufnahmen diesmal im Garten des Hauses von Kiddus I statt. Das Haus liegt in den Bergen über Kingston in Stony Hill/St.Andrew. Die Umgebung ist grün, grün, grün. Im Haus stapeln sich Berge von alten Vinyl, draußen zwitschern die Vögel, steigt der Nebel auf, hat man den Kopf zwischen den Wolken und ist dem Himmel ganz nah. 

Für Inna de Yard taten sich einige der legendärsten jamaikanischen Vokalisten, die ihre ersten großen Erfolge schon in den 60ern und 70ern hatten mit neuen Talenten aus der jamaikanischen Roots-Reggae-Szene zusammen und nahmen ihre alten Hits oder jamaikanische Klassiker auf – was oft deckungsgleich war. Sie wollten zu den Ursprüngen ihrer Musik zurückkehren und ihre Hits deshalb akustisch und Open Air nochmal aufzunehmen. Im Film "Inna de Yard", der ab dem 20.6.2019 in den Kinos anläuft, kann man sehen, wie relaxt und freundschaftlich diese Aufnahmen abliefen. Man möchte am liebsten dabei gewesen sein.

Senioren & Youngsters

Generationenübergreifend spielten Reggae-Legenden und Reggea-Youngsters zusammen – die Wurzeln des Reggae-Business mit seinen Ästen. Auf Veteranen-Seite dabei: Cedric Myton, der Mann mit der hohen Falsett-Stimme bei den legendären The Congos; der Reggae- und Dub-Sänger und Songwriter Winston McAnuff, auch bekannt als Electric Dread; Goldstimme Ken Boothe, Ikone der Reggae- und Rocksteady-Musik; Dub-Pionier und Roots-Reggae-Vokalist mt Vibrato-Stimme Horace Andy; die Sängerin, Songwriterin und weibliche Produzenten-Pionierin Judy Mowatt; das Reggae-Vokal-Trio The Viceroys; Kiddus I mit seiner klaren Stimme, den Bob Marley Dr.Feelgood nannte, weil er immer so viel Gras ins Studio mitbrachte. Die Jungen Stimmen am Mikrofon: Die beiden Roots-Reggae-Sänger Derajah und Var und Jah 9, die zur Zeit wichtigste und beste Sängerin der neuen Roots-Reggae-Generation.

Man könnte auch sagen Inna de Yard ist der jamaikanische Buena Vista Social Club, denn einige der Senioren-Sänger, wie Ken Boothe oder Horace Andy sind seit Jahrzehnten erfolgreich, andere aber wie Kiddus I oder Winston McAnuff hatten nach anfänglichen Erfolgen auch sehr maue Zeiten, in denen die Karrieren fast oder ganz zum Stillstand kamen. Insofern ist Inna De Yard teilweise auch ein Comeback-Projekt.

2017 erschien ihr erstes Album "The Soul of Jamaica". Unter dem Namen "Inna de Yard" und mit demselben Konzept, d.h. Musik so aufzunehmen, wie es früher in Jamaika üblich war. gab es zu Beginn des neuen Jahrtausends schon mal eine Serie von acht Open-Air-Alben, die in Höfen und Gärten aufgenommen wurden. Das Makasound-Label der beiden Franzosen Romain Germa und Nicolas Maslowski brachte die Alben heraus, auf denen man großartige Stimmen und Instrumentalisten wie Earl Chinna Smith, Junior Murvin, Kiddus I, The Viceroys und The Mighty Diamonds zu hören bekam. 2011 ging das Makasound-Label ein und damit war auch die Serie "Inna De Yard" erst einmal Vergangenheit – bis die Philharmonie von Paris 2016 eine große Ausstellung über Jamaika und seine Musik plante und Germa und Maslowski mit ihrem neu gegründeten Label Chapter Two beauftragten, ein Programm mit Legenden auf die Bühne zu stellen.

Nyabinghi Trommeln

Die Songs des Albums sind teilweise frühere Hits der Sänger aus den 60ern und 70ern, darunter Cedric Myton, die hohe Falsettsimme bei den Gesangsharmonien von The Congos mit "Row Fisherman"; Judy Mowatts 40 Jahre alte Hommage an die schwarzen Frauen "Black Woman" (die neue Version im Duett mit der sehr viel jüngeren Jah 9); Ken Boothes "Everything I own" oder "Ya ho" von den Viceroys. Aber auch Welthits, wie das legendäre französische Chansons "L'hymne à l’amour" in der englischen Version "If you love me" gesungen von Kiddus I, sowie Songs neueren Datums wie "Tribute to my sista" von Derajah, der damit an seine erschossene Schwester erinnert.

Fast alle Musiker und Sänger sind Rastafaris, was sich auch in der Musik wiederspiegelt: Die Aufnahmen sind im Nyabinghi-Stil eingespielt. Die Nyabinghi sind eine Gruppierung der Rastafari-Bewegung, deren Musik nur aus Perkussion und Gesang besteht. Inna De Yard setzen zwar auch Piano, Bläser, Akkordeon oder Bass ein, aber auf Schlagzeug wird komplett verzichtet. Zentral sind die herzschlagartigen Rhythmen der Nyabinghi-Trommeln. Das Album ist großes Gefühlskino und nimmt alle mit, nicht nur Reggae-Fans. Die Musiker wollten zur Seele der Musik vordringen und docken mit den Songs auch an der Seele des Publikums an. Einer der Künstler von Inna de Yard spielt am Wochenende beim Freedom-Sounds-Festival in Köln: Winston McAnuff steht dann wieder zusammen mit Fixi auf der Bühne. Und am dem 20.Juni kann man den Dokumentarfilm "Inna de Yard" über die Aufnahmen, das Leben und die Geschichten der Protagonisten auch im Kino anschauen. Der Film ist großartig und darf auf keinen Fall verpasst werden.

 

Stand: 22.04.2019, 09:40