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Kosmopolitische Zukunftsvision

General Elektriks: "Carry No Ghosts"

Sound Supreme - General Elektriks "Carry No Ghosts"

Kosmopolitische Zukunftsvision

Von Lukasz Tomaszewski

"Carry No Ghosts" vom Franco-Briten Hervé Salters alias General Elektriks. Verspielte Popsongs und französischen Charme mit funkigen Keyboards und tiefen Bass-Frequenzen.

Sound Supreme - General Elektriks "Carry No Ghosts"

COSMO Sound Supreme | 19.03.2018 | 02:58 Min.

Kompromissloser Weltbürger

Hervé Salters alias General Elektriks wandert  von klein auf mit weit aufgerissenen Augen und gespitzten Ohren durch kulturelle und musikalische Welten. Der heute 48 jährige Keyboarder und Sänger kommt in Paris  als Sohn einer Französin und eines Briten zur Welt. Seine Adoleszenz verbringt er in London, wo er die Codes der britischen Popkultur verinnerlicht. Als er mit Anfang 20 nach Paris zurückgeht, spielt er schnell mit dem Songwriter Matthieu Chedid oder Fela-Kuti-Sohn Femi zusammen. Doch Europas Metropolen rechen dem Musik-Globetrotter nicht aus: Angezogen von den Hiphop-Beats der Westküste, geht Hervé Salters Ende der Neunziger ins sonnige San Francisco.

California Love

In Kalifornien wird Salters Teil des Quannum-Kollektivs, einem Zusammenschluss von experimentellen HipHoppern wie DJ Shadow oder Pigeon John. Er arbeitet besonders eng mit der Rapgruppe Blackalicious zusammen und entwickelt seine bis heute stilprägende Affinität für tiefe Frequenzen und knackige Drumloops.  Der Sound seiner warmen, analogen Synthesizer orientieren sich zwar an der Ästhetik von Funk und Soul der Siebzigerjahre. Doch Hervé Salters ist kein Retro-Fetischist. Auf der Suche nach dem Sound der Zukunft bündelt er seine musikalischen und regionalen Einflüsse und gründet General Elektriks. Zwischen 80erPop, HipHop, Funk und Elektronik entstehen vier Alben.

Carry No Ghosts

Das neue Album "Carry No Ghosts" ist direkt nach der letzten Welttournee entstanden. Wochenlang bespielte die Band ausverkaufte Konzertsäle zwischen Paris und Rio de Janeiro. Die Euphorie des unwiderbringlichen Moments On Stage bewegte Hervé Salters zum Albumtitel "Carry No Ghosts".  Inspiriert vom Bühnenzauber schließt sich General Elektriks in seinem Berliner Studio ein und schreibt in nur drei Wochen die Entwürfe für die zehn Songs. Der kosmisch-verzerrte Sound eines retro-Synthesizers verleiht den programmierten Elektro-Upbeats Kreativität und Esprit.

Minimalistische Funk-Gitarren liefern sich mit pumpenden Bässen einen Schlagabtausch. So als wollte sich General Elektriks nicht entscheiden ob er Stevie Wonder oder Modeselektor, Motown oder Monkeytown, seinen Tribut zollen will. Am liebsten beiden. Es sei ein Album geworden, das den feierwütigen Live-Charakter seiner Band wiederspiegelt, sagt Saltern. Aber es sei eben auch Düster. Denn die Aufnahmen werden vom Tod zweier Mentoren überschattet: Als David Bowie und Prince Anfang 2016 versterben, verfallen viele von Salters Bekannten in eine persönliche Krise. Das gewaltige Ausmaß der kollektiven Trauer um die Pop-Giganten inspiriert General Elektriks zum Opener Different Blue. "Ich bin nur ein Tropfen im Ozean der Musik die ihr der Welt hinterlassen habt", heißes es im Refrain.

kosmopolitische Zukunftsvision

Inhaltlich zeichnet Carry no Ghost eine engagierte und kosmopolitische Zukunftsvision: "Don´t let get you down" kritisiert Schlankheitswahn und Fotoshop-Modeideale. Das in sechs Sprachen gesungene Amour über alles fordert auf Fremde willkommen zu heißen. Erstmals in seiner Karriere singt General Elektriks auf Französisch und überwindet mit Au Tir a la Carabine seine persönliche Ehrfurcht vor der den großen Chansoniers seiner Heimat. Das poetische Songwriting porträtiert ein junges Mädchen, das ihre Sprache wie eine Waffe an einer Schießbude benutzt. Am Ende des Songs lernt sie Mitgefühl. Es ist Hervé Salters Statement gegen Hatespreach in den sozialen Netzwerken. Carry No Ghosts verwebt kompromisslose Weltoffenheit und jugendlichen Lebenshunger mit retrofuturistischer Soundästhetik. Die klugen Texte machen es zu einer empathischen Reflektion der Gegenwart.

Stand: 19.03.2018, 06:00