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Surfin Turkey

Gaye Su Akyol "Istikrarli Hayal Hakikattir"

Sound Supreme - Gaye Su Akyol "Istikrarli Hayal Hakikattir"

Surfin Turkey

Von Anna-Bianca Krause

Mit ihrem dritten Album "Istikrarli Hayal Hakikattir" reanimiert die türkische Musikerin, Produzentin und Sängerin Gaye Su Akyol die anatolische Rock- und Popmusik der 60er und 70er Jahre und kreuzt sie mit Surfsound und Funk.

Schon der Titel ihres neuen Albums ist ein Statement. "Istikrarli Hayal Hakikattir" bedeutet übersetzt: Konsequente Fantasie ist Realität. Gaye Su Akyol träumt von grenzenloser Freiheit in einer Welt, die diese immer mehr einschränkt. Dass sie damit auch die eingeschränkte Meinungsfreiheit in ihrer Heimat anspricht versteht jeder, ohne dass sie es explizit sagt. Die 33jährige arbeitet in ihren Songtexten mit Symbolen, Metaphern und surrealistischen Bildern, um die aktuelle Situation zu beschreiben und singt beispielsweise "Das ganze Land ist ein Hookah Cafe, also eine Shisha Bar, wir ersticken in ihrem Rauch" (Bağrımızda Taş).

Global und lokal

Gaye su Akyol ist ein Multitalent: Singer/Songwriterin, Produzentin, Musikerin, audiovisuelle Konzeptkünstlerin und Klangforscherin. In ihrer Musik hat sie von Anfang Orient & Okzident zusammen geführt: Die anatolische Musikgeschichte mit westlichen Einflüssen, die von Kurt Cobain bis Grace Slick gehen und von Edith Piaf bis P.J. Harvey. Ihr musikalisches Motto: Global & lokal gleichzeitig. Das neue Album ist eine wilde aber stimmige Mischung aus anatolischem Rock- und Pop der Sechziger- und Siebzigerjahre mit Surfsound, Postpunk, Rock, türkischem Folk, Latin-Elementen, klassischer türkischer Musik und Arabesk-Musik. Im Sound begegnen elektronische Sounds und die E-Gitarre einer Oud, der alten türkischen Laute Cümbüş oder einer Electro-Baglama.

Baris Manco & Co

Mit "Istikrarli Hayal Hakikattir" dem Titelsong, steigt man in dieses Album ein, heftig, rockig, psychedelisch, elektronisch, Männcherchöre, Sci-Fi-Synthesizer und Morricone-Flair inklusive. Gaye Su Akyol wollte im Song einen traditionellen türkischen Song mit Grunge kreuzen. Denn sie liebt Nirvana. Doch inspiriert ist die Künstlerin vor allem von den Stars der anatolischen Rockmusik der 60iger und 70iger, von Barış Manço, von dem sie auch einen Song covert (Hemşerim Memleket Nire), von der Gitarristin und Sängerin Selda Bağcan, die ein Vorbild für sie ist, von Erkin Koray oder Moğollar. Durch den Militärputsch 1980 flohen viele Künstler ins Ausland und ihre Musik wurde verboten. Das war der Tod einer sehr eigenständigen türkischen Rockmusik. Seit vielen Jahren versuchen deshalb Bands und Künstlerinnen wie Gaye Su Akyol sie wieder auferstehen zu lassen.

Feministische Superheldin

"Mein Album ist extrem feministisch, revolutionär und idealistisch" sagt Gaye Su Akyol und meint damit auch, dass sie alles selbst gemacht hat. Von der Produktion bis zur graphischen Gestaltung. Das hat sie schon immer getan aber nicht darüber geredet. "Nach all den Jahren habe ich gesehen, wenn du es nicht zur Sprache bringst, dann wollen es die Leute nicht wissen. Machst du etwas Großes schauen sie immer, nach dem Superhelden hinter dir. Aber die Welt braucht Frauen, die sichtbar sind", sagt sie mit fast wütendem Unterton. Gaye Su Akyol  ist selbst die Superheldin: In silbernen Stiefeln und einem goldenen Umhang steht sie auf der Bühne. Mit "Istikrarli Hayal Hakikattir" geht sie mit uns auf Zeitreise – das Album ist ein ganz großer Wurf und macht verdammt viel Spaß.

Stand: 28.10.2018, 00:01