Live hören
Jetzt läuft: Wine For Me von Popcaan

Hohepriester der Endzeit

Gaika: "Basic Volume" Cover

Sound Supreme - Gaika: "Basic Volume"

Hohepriester der Endzeit

Von Vincent Lindig

Gaika reflektiert die grimmige Realität von britischen Jugendlichen. Sein apokalyptischer Sound speist sich aus Dancehall, Drill und Dreampop. London klingt hier wie Gotham City.

Gaika - "Basic Volume"

COSMO Sound Supreme | 06.08.2018 | 02:47 Min.

Gaika wurde als Sohn von Eltern aus der Karibik im Süden Londons geboren. Er wuchs in Brixton auf, dem kulturellen Schmelztiegel und kreativen Motor der englischen Musikszene. Zwischen dem allgegenwärtigen Grime, Dancehall und Dub aus der Heimat seiner Eltern, sowie Bands wie Skunk Anansie und 80s-Sounds, feilte er an einer eigenen musikalischen Vision. Mit "Basic Volume" perfektioniert er das, was er selbst "Ghettofuturism" nennt.

Wie ein Wolkenbruch

Über schweren Dancehall-Riddims, verzerrten Bässen und sphärischen Vocalflächen bringt Gaika die Wut zum Ausdruck, die in den Straßen Englands umgeht. Auf 15 Songs widmet er sich den Sorgen und der Verzweiflung der Ausgeschlossenen und Abgehängten, die nach Perspektiven und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung suchen. Ein hochpolitisches Album, das sich im Subtext mit Rassismus, Gentrifizierung und ungleicher Verteilung beschäftigt. Dabei ist Gaika kein Möchtegernpolitiker, der den Zeigefinger hochhält oder realpolitische Vorschläge macht - er versteht sein Album als Soundtrack zu einem Film, den er vor seiner Haustür sieht. Zwischen Wut, Warnung und dem Aufzeigen marginalisierter Perspektiven hat man das Gefühl: Das Ende dieses Filmes ist noch nicht geschrieben.

Apokalyptische und Bässen

Gaikas Vocals sind auf Albumlänge verzerrt und mit Effekten überlagert. Seine Stimmperformance schwankt zwischen Dancehalleinflüssen á la Popcaan und Vybz Kartell, bis hin zu intimen und verletzlichen Strecken. Und das alles völlig natürlich und ungezwungen, nie wirkt es zu viel gewollt. Das sphärische Gesamtbild wird durch Produktionen verstärkt, die apokalyptische Dancehall-Riddims mit Einflüssen aus Drill und Cloudrap zusammen bringen. Für die Realisierung dieser musikalischen Weltraummission hat sich Gaika hochkarätige Unterstützung gesucht. "Basic Volume" wurde unter anderem von SOPHIE, Dadras und Dre Skull produziert. Letzterer hat in der Vergangenheit bereits mit Superstars wie Popcaan und Drake zusammengearbeitet - und sorgt auf Albumlänge für knackige Drums und gut platzierte HipHop-Sounds.

Gegenentwurf zu Gute-Laune-Pop

In seiner kompromisslosen Art ist der Sound von "Basic Volume" ein direkter Gegenentwurf zum unbeschwerten Afropop, der derzeit die britischen Radiosender dominiert. Keine Stories von Liebschaften, schnellen Autos oder einem Tänzchen am Wochenende. Stattdessen zerbrochenes Glas in den Straßen und Jugendliche, die nichts zu verlieren haben. Gaika bezieht seine Inspirationen nicht zuletzt aus Drill-Musik, einer Spielart des HipHop, die vor allem im Süden Londons unter Jugendlichen beliebt ist und immer wieder mit Gewalt und Verrohung in Verbindung gebracht wird. Zu Unrecht, wie Gaika findet, artikuliert dieser Sound doch nur eine Realität, die so oder so besteht. Gaika fordert eine Rebellion dieser Jugend, die mit Depressionen und Gewalt aufwächst. Das Ergebnis ist hypnotisierend und bedrückend zugleich: "Basic Volume" klingt wie der Soundtrack zu einem Weltuntergangsfilm, der in London spielt.

"Ihr solltet Angst haben!"

Gaikas Musik ist Fiktion und bewegt sich daher manchmal in mystisch überhöhten, von der Realität abgelösten Sphären. Gaika sieht sich als Künstler, der Visionen teilt und Menschen berührt. Und er hat eine Mission: Er will die Leute aus ihrer Abgehobenheit holen, aus der gefühlten Sicherheit vor sozialem Abstieg, der Gewalt der Straße und dem versteckten Leben der Halbwelt. Diese Visionen werden auch in den Videos zu Gaikas Songs weitergeführt: Männer mit Waffen rennen durch Ruinen, die Bilder werden zum Sound der Bässe verzerrt. Konzeptkunst, die sich selbstverständlich und selbstbewusst an verschiedenen Sounds aus aller Welt bedient - und etwas völlig Neues schafft.

Stand: 06.08.2018, 00:00