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Neues Album: Estelle auf der Suche nach ihren afrokaribischen Wurzeln

Albumcover von Estelle Lovers Rock

Sound Supreme - Estelle: "Lovers Rock"

Neues Album: Estelle auf der Suche nach ihren afrokaribischen Wurzeln

Von Adrian Nowak

Einst zog die Londonerin Estelle in die USA, um ein Star zu werden. Aber die Soulsängerin ist zu eigensinnig für die dortige Pop-Maschinerie. Nun besinnt sie sich auf ihre afrokaribischen Wurzeln. "Lovers Rock" ist ihr bestes Album bislang.

Der Soundtrack von ... Estelle

COSMO Sound Supreme | 03.09.2018 | 02:36 Min.

1979 in Westlondon. Eine junge Frau aus dem Senegal hat die Nase voll vom Leben in der verregneten, kalten britischen Hauptstadt. Sie plant nach Dakar zurückzukehren. Als sie mit ihrer Schwester ausgeht trifft sie einen Drummer von der winzigen Karibikinsel Grenada. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Im Januar 1980 kommt ihre erste Tochter Estelle Fanta Swaray zur Welt, zwei weitere folgen. Doch der afrokaribischen Lovestory ist erstmal kein Happy End beschert. Die Verwandten und Bekannten setzen das junge Paar unter Druck, nach drei Jahren trennen sie sich.

Von West-London in die Welt

Estelle wächst bei der Mutter auf, die beschallt sie zuhause mit Mbalax aus dem Senegal, Afrobeat aus Nigeria, Gospel und R&B aus den USA, sowie Soca und Reggae aus der Karibik. Als sie als Kind Bob Marley im Fernsehen sieht beschließt sie: das will ich auch machen! Ende der 90er startet sie als Rapperin im Umfeld von MCs wie  Roots Manuva und Rodney P und veröffentlicht Musik zwischen HipHop und Neo Soul. Bei einem Trip in die USA trifft sie zufällig in einem Restaurant Kanye West, eine Begegnung die ihr Leben für immer verändern sollte. West stellt sie John Legend vor, der produziert ihr zweites Album "Shine", inklusive der Grammy-prämierten Single "American Boy". Das coole Mädel aus Westlondon ist auf einmal ein Weltstar.

"Lovers Rock"

Doch neben Pop und Neo-Soul-Hits veröffentlicht sie immer wieder mal Songs, die vom Soundtrack ihrer Kindheit inspiriert sind. 2002 covert sie mit dem deutschen DJ Dynamite den Reggaeklassiker "Uptown Top Ranking", 2008 singt sie mit Sean Paul "Come Over" - ein eleganter Lovers Rock-Track. Lovers Rock ist eine Spielart des Reggae, die Ende der 70er in Jamaika und England entwickelt wurde. Künstler wie John Holt oder Gregory Isaacs sangen Texte abseits von Rasta-Spiritualität und Reggae-Revolution, stattdessen luden sexy pumpende Offbeats und romantische Texte dazu ein sich aneinander zu schmiegen. Auch Estelles Vater prägte diesen Sound, er spielte Schlagzeug auf Platten von britischen Lovers Rock-Ikonen wie Janet Kay und Louisa Mark. Jahrzehnte später entwickelt die Tochter den "Lovers Rock" weiter, mit Elementen aus R&B, Dancehall und modernen Afrobeats.

Ein Herzprojekt wird wahr

Unterstützt wird Estelle auf "Lovers Rock" von einer eindrucksvollen Gästeliste und  Top-Produzenten.  Mit dabei ist Jerry Wonda, der Cousin von Wyclef Jean, mitverantwortlich für die Beats auf "The Score" von den Fugees und Supa Dups, ein Experte wenn es darum geht Mainstream- und Reggae-Sound zusammenzubringen. Im Laufe seiner Karriere produzierte er gemeinsame Tracks von Bruno Mars und Damian Marley, oder von Eminem und Vybz Kartel.

Ruffen Yardflavour bringt Dancehallstar Konshens auf dem schlüpfrigen „Really Want“, ihre westafrikanischen Roots erkundet sie zusammen mit Maleek Berry, einem britischen Sänger mit Wurzeln in Nigeria und einer der führenden Künstler der modernen Afrobeats-Szene. Auf "So Easy" zeigt sie dem R&B-Star Luke James die jamaikanischen Offbeats.

Frauenpower

Während solche Songs von der Liebesgeschichte ihrer Eltern inspiriert sind, macht sie auf anderen Songs jungen Frauen Mut.  Bewegend ist "Queen", eine Ballade mit einen Auftritt von dem jungen Reggae-Star Chronixx, auf dem die beiden nur begleitet von Piano und gezupften Streichern für Respekt gegenüber Frauen singen.  Und auch Solo macht Estelle eine gute Figur und erklärt auf dem flotten Partyhit "Ain't yo Bitch", dass sie sich nicht von Macho-Typen herumschubsen lässt. Außerdem featured sie Cardi Bs beste Freundin Hood Celebrityy, die in London lebende Jamaikanerin Alicai Harley und präsentiert die Newcomerinnen Nick & Navi, ein Ladies-Duo, das bei Estelles Label unter Vertrag steht.

Happy End nach zwanzig Jahren

Ein Highlight des Albums ist "Love Like Ours", in dem sie die besondere Beziehung ihrer Eltern noch mal hochleben lässt. Die sind sich 2003 nach 20 Jahren Trennung wieder zusammengekommen. Passenderweise singt sie das Duett mit Reggae-Star Tarrus Riley, einem der Lieblingssänger ihrer Eltern. "Lovers Rock" ist eine Wundertüte voll mit spektakulären Gastauftritten, afrokaribischen Grooves und Popmelodien, die nicht nerven. Selten ist es einem Mainstream-Star  gelungen so geschmackvoll karibische Einflüsse aufzugreifen und zu einem stimmigen Longplayer zusammenzufügen.

Stand: 03.09.2018, 16:09