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Bayerische Wortpower aus Berlin

Dicht & Ergreifend: "Ghetto mi nix O"

Sound Supreme - Dicht & Ergreifend - "Ghetto mi nix O"

Bayerische Wortpower aus Berlin

Von Johannes Paetzold

Dicht & Ergreifend mischen den Mundart-Rap kräftig auf. Es begann mit viel Spaß in Niederbayern. Mit dem Umzug nach Berlin kam die Inspiration dann direkt aus dem Global-Pop-Kosmos in ihren Sound. Beim "Over The Border"-Festival stellen Dicht & Ergreifend ihr neues Album "Ghetto Mi Nix O" vor.

Dicht & Ergreifend - "Ghetto mi nix O"

COSMO Sound Supreme | 11.03.2018 | 02:53 Min.

Fabian Frischmann und Michael Huber trafen sich vor über zehn Jahren in ihrer niederbayrischen Heimat beim HipHop-Jam. Huber hatte dazu auch die Rapper von Texta und Blumentopf in sein Dorf geladen. Zum Bandprojekt reifte der Mundart Rap der beiden aber erst in der preußischen Diaspora. Die beiden ziehen zum Studium nach Berlin, nennen sich nun George Urkwell und Lef Dutti, gründen Dicht & Ergreifend und lassen sich vom Global-Pop-Kosmos in Berlin inspirieren. Gerappt wird aber weiter auf Bayerisch. Der Rest der inzwischen achköpfigen Band lebt verstreut in Linz, München und Niederbayern.

Brüder von LaBrassBanda

2014 erscheint "Dampf der Giganten", das erste Album von Dicht & Ergreifend. Schon die erste Single "Zipfeschwinga" erreicht mit ihrem YouTube Video in der Folgezeit eine Millionen Klicks. Und das Album etabliert die "Dichtis", wie sie bald von den Fans genannt werden, auf den Tanzbodenflächen der Republik. LaBrassBanda werden auf sie aufmerksam, nehmen sie als Vorgruppe mit auf Tournee. Aber auch außerhalb der Dialektzonen haben die "Dichtis" Fans, mehrfach holen sich die Sportfreunde Stiller die Niederbayern für Liveauftritte an die Seite. Textlich sehen sich Urkwell und Lef Dutti in einer Ahnenschaft, die über Blumentopf, Texta und Bilderbuch weiter zurückreicht zum Kabarettisten Josef Hader, von Gerhard Polt bis zum Übervater aller bayerischen Wortanarchie, Karl Valentin. Für letztere Ahnenschaft steht auch ihr Song "Picknick am Friedhof". Musikalisch sampeln sich die "Dichtis" durch die Region, die HipHop-Geschichte, den Global Pop, haben aber inzwischen auch Trompeten- und Tubaspieler in der Band und lassen sich auf den Bläsersätzen des bayerischen Offbeats daher treiben. Sie sind die jüngeren, wilderen Brüder von LaBrassBanda.

Bayerischer Tiefgang

Sorgten Dicht & Ergreifend anfangs noch als Beats‘n’Blasmusik-Truppe auf den Parties für Stimmung, haben Lef Dutti und Urkwell mit "Ghetto Mi Nix O" einen Riesensprung in ihrer Entwicklung gemacht. Die Lieder auf dem Album handeln von Migration, dem Internetwahnsinn, unserer Abstumpfung im täglichen Trott. So muss sich in "Bierfahrerbeifahrer" der französische Zuwanderer in Niederbayern gegen die Vorurteile der Männer dort zur Wehr setzen. Lef Dutti und Urkwell spielen dafür die bayerische Bier- und die französische Weinkultur gegeneinander aus. In "Bierfahrerbeifahrer" clasht auch Bertolt Brecht auf Sauvignon Blanc. Da sind die HipHop-Texter voll in ihrem Element und bedienen sich wie die internationalen Vorbilder am reichhaltigen Angebot aus Metaphern, Versatzstücken und eigenen wilden Ideen.

"Ghetto Mi Nix O"

Bei allen ausgeloteten Tiefen und Botschaften finden Dicht & Ergreifend immer zu einem bayrisch-entspannten Hedonismus zurück. "I Frieß so gern", "Schofal Boogie" feiert das lukullische Leben und ihre Heimat wird in "Grias de God scheene Gegn'd" geehrt, auch wenn dort inzwischen eben auch der saure Regen fällt und die Klimakatastrophe vor Niederbayern eben nicht Halt macht. Dicht & Ergreifend schauen den Bauern aufs Maul, und im Einzelfall gibt es auch eine Watschen auf dasselbe Körperteil.

Den beiden "Dichtis" hilft dabei ihre Mundart. Immer wieder erfinden sie Wortspielereien wie "Humus statt Hamas", bei ihnen klingt das auf bayerisch gerappt wie zwei Teile desselben Gerichts. "Nein to Five" als Kommentar auf Arbeitsstress erhält ebenso neue Untertöne, wenn es aus Mundartkehlen kommt. Die Alpenregion hatte immer große lyrische Tiefe, und Dutti und Urkwell sind da gestandene Mannsbilder und Kinder ihrer Heimat. Mit ihrem neuen Album touren sie einmal quer um die Alpenregion und dann durch alle deutschen Lande. Nach einem - natürlich ausverkauften - Auftaktkonzert in der Münchner Muffathalle führt die Tournee sofort am zweiten Tag zum von Cosmo präsentierten Over the Border Festival nach Bonn. Habe die Ehre…!

Stand: 12.03.2018, 06:00