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Danger Dan – Klavier und Ironie

Danger Dan: "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt"

Danger Dan: "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt"

Danger Dan – Klavier und Ironie

Von Vincent Lindig

Rapper Danger Dan von der Antilopen Gang wechselt das Genre und wird zum Liedermacher. Am Piano erschafft er einen Sound, der traditionsbewusst und zeitlos zugleich ist.

Nachdem er mit seiner Crew Antilopen Gang bereits Platz-1-Rapalben und eine Punkplatte veröffentlicht hat, wagt Danger Dan den nächsten Stilbruch. Ein Klavieralbum – aber definitiv keine Easy-Listening-Kost, sondern ein scharf getexteter Kommentar der Zeit.

Danger Dan: "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt"

COSMO Sound Supreme 02.05.2021 02:44 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 COSMO


"Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" – oder?

Sanft klingendes Klavier hin oder her. Schon der Titelsong hat vor Erscheinen des Albums klar gemacht: Inhaltlich ist Danger Dan der politischen Kontroverse zugetan wie eh und je. Auf dem Song singt er, der rechte Publizist Jürgen Elsässer sei für ihn ein Antisemit, Alexander Gauland von der AfD wirke auf ihn wie ein Nationalsozialist. 
Der politische Sprengstoff, der in seinem musikalischen Gedankenexperiment über die Grenzen der Kunstfreiheit in politisch bewegten Zeiten steckte, zündete: Innerhalb von wenigen Tagen sammelte der Song auf YouTube und Spotify mehrere Millionen Views und Clicks, die Musikwelt Deutschlands diskutierte über Inhalt und Form des Song. Dabei war die Auswahl der genannten Politiker von Danger Dans Seite eher zufällig, wie er im Interview erzählt. "Ich hab jetzt keine Strichliste geführt", sagt er, "wo ich gesagt hab, ich hätte gerne den Kubitschek, den Jebsen und den Elsässer. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, ein großes gesellschaftliches, politisches Problem auf diese Wirrköpfe zu projizieren." Ein Song mit der Sprengkraft einer politischen Kunstaktion, inklusive der Inszenierung mit AK-47 und Tortenschlacht im dazugehörigen Video – die Rechnung ging auf. Danger Dan ist eben nicht nur Musiker, sondern auch ein Meister der Provokation.

In einer langen Tradition von Liedermachern

"Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" steht in einer langen Tradition von Liedermachern. Der Galgenhumor eines Georg Kreisler, den Danger Dans Vater ihm als Kind vorsetzte, trifft auf die politische Haltung eines Hannes Wader. Gekonnt navigiert Danger Dan zwischen diesen Polen, singt von Liebe und dem politischen Aktivismus gegen Nationalismus und Rechtsextremismus. Er sing über das Patriachat, über Sextouristen und von Gewaltfantasien, beschreibt die politische Realität in Zeiten von Corona-Leugnern, sogenannten Querdenkern und ihren Allianzen mit Rechtsextremen in "Das schreckliche Buch" als zu absurd, um wahr zu sein. Dabei kombiniert er mehrstimmige Chöre mit kämpferischen Melodien, in denen man den großen Rio Reiser von Ton, Steine, Scherben zu hören glaubt. Eine Referenz, die Danger Dan zwar schmeichelt, aber die er so nicht stehen lassen kann, wie er sagt: "Der Rio Reiser-Vergleich wird in Deutschland sehr inflationär verteilt. Ich wehre mich einerseits gegen diesen Vergleich – auf der anderen Seite ist mit Rio Reiser assoziiert zu werden natürlich auch das größte Kompliment, das man kriegen kann".

Der Mann für den Popmoment

In seiner Rap-Crew Antilopen Gang ist Danger Dan schon seit Jahren der Mann für die großen Refrains, die Ohrwurm-Melodien und den Popmoment. Er hat eine intuitiv und scheinbar unbeschwerte Art, Melodie und Text zu verbinden – und diese Fähigkeit scheint auch auf seinem Solo-Album "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" auf. Mehr noch: Wo die Texte seiner Antilopen Gang oft überspitzt, zynisch und hochironisch sind, zeigt Danger Dan sich auf seinem Album persönlich und lässt ungewohnt tief blicken. Eine Überraschung – sogar für ihn selbst, wie er erzählt: "Ich finde, dass ich für meine Verhältnisse einigermaßen wenig ironisch bin. Auf diesem Klavieralbum gibt es natürlich viele lustige Momente, aber ich lasse viel mehr Zärtlichkeit zu, als ich das von mir selber gewohnt bin und sage Sachen sehr direkt und unverblümt. Mit der Ironie und mir ist es wie mit dem Klavier: Es ist eine on-off-Beziehung". In dieser On-off-Beziehung mit Ironie und Klavier tritt Danger Dan aus dem Schatten seiner eigenen Kunstfigur – nur, um im nächsten Moment wieder darin zu verschwinden.

Stand: 02.05.2021, 00:00