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Cali P & Teka: "Vizion"

Cali P & Teka: "Vizion" - Turn Up & Tradition

Stand: 27.09.2021, 00:00 Uhr

Cali P & Teka sind das vielleicht interessanteste Duo der deutschen Reggae-Szene – und Experten für futuristische Vintage Sounds. Mit analogen Geräten entwickelt Produzent Teka Sound-Hybride zwischen Trap und Reggae oder melodische Afrobeats. Cali P gibt darauf den Future-Rasta und vereint politische und tiefgehende Texte mit eingängigen Melodien. Ihre gemeinsame "Vizion" ist unser Album der Woche.

Von Adrian Nowak

Cali P & Teka - "Vizion"

COSMO Sound Supreme 27.09.2021 02:37 Min. Verfügbar bis 27.09.2022 COSMO


Cali P ist der wahrscheinlich einzige Mensch auf der Welt, der französisches Kréyol, Patwa aus Jamaika und Schwizerdütsch spricht. Geboren wurde er als Pierre Nanon 1985 im karibíschen Inselstaat Gouadeloupe, der Heimat seines Vaters. Später zog er in die Schweiz, wo seine Mutter herkommt. Sein Vater ist Perkussionist und baut selber Trommeln. Wenig verwunderlich also, dass Klein-Pierre als Kind anfängt, Schlagzeug zu spielen und sich später als MC in der Schweiz in ersten Reggaesoundsystems engagiert. Er entwickelt sich zum Style-Tausendsassa, der auf deepen Roots-Riddims, treibendem Dancehall oder donnernden HipHop-Beats rappt, deejayt und singt - oft auf jamaikanischem Patwa, hin und wieder auch im französischen Kreyol.

Aus der Schweiz nach Jamaika auf die Ski-Piste

Sein Debut-Album "Lyrical Faya" erscheint 2008 auf dem Label der deutschen Soundsystem-Legenden Pow Pow Movement. Später arbeitet er mit Schwergewichten wie Walshy Fire von Major Lazer und verbringt viel Zeit in Jamaika. Dort arbeitet er unter anderem im Studio von Bobby Digital, einem der wichtigsten Reggaeproduzenten der 90er. Neben Auftritten auf allen einschlägigen Reggae-Festivals erfreut sich seine Musik aber auch in der europäischen Snowboard-Szene großer Beliebtheit. Er spielt bei zahlreichen Snowboard- und Ski-Events auf der ganzen Welt. 2010 steuert er neun Tracks für den sehr erfolgreichen Soundtrack von "Like A Lion" bei, einer Doku über den Freeskiing-Superstar Tanner Hall.

2006 trifft Cali Thilo Jacks aka Teka, der zu der Zeit für das deutsche Reggae-Label Rootdown produziert und mit Alben von Mono & Nikitaman, Nosliw oder Jaqee maßgeblich die deutsche Reggae-Szene prägt. Immer wieder kreuzen sich die Wege der beiden, es entstehen gemeinsame Singles – doch die intensive Zusammenarbeit an dem Projekt "Vizion" beginnt erst 2017.

Aus der Provinz nach Kreuzberg

Mitte der 2010er Jahre ändert sich einiges im Leben von Teka. Das Label Rootdown hört auf zu produzieren, er zieht vom kleinstädtischen Hürth in NRW nach Berlin und gründet später sein eigenes Label Low Low Records. Gleichzeitig forscht er nach einem neuen Sound und wird zum Klangvisionär zwischen Trap und Tradition. In seinem Kreuzberger Studio experimentiert er mit analogen Bandmaschinen,  Space Echos, Vintage-Gitarren und alten Hammondorgeln, mit denen er Sounds erschafft, die an die Black Ark des legendären Reggae-Pioniers Lee Perry erinnern. Er orientiert sich allerdings auch immer an Sound moderner Trap-Produktionen, die genau wie Roots Reggae mit einem schleppenden Tempo von 60 bis 70 BpM arbeiten – ein neues Spielfeld ist erschlossen.

Remix-Genie

Teka macht einen Reggae-Remix von Wiz Khalifas "We Dem Boyz" an, das Instrumental wird später von Trettmann und Megaloh für "Was soll's" gekapert. Sein Remix des Migos-Welthit "Bad And Boujee" begeistert 2017 seinen alten Bekannten Cali P. Auf dem dubbigen Instrumental mit verträumten Orgeln nimmt er das Stück "Life Lesson" auf, später entstehen immer mehr Reggae-Trap-Hybride wie "People Want More" oder "Baddest", auf dem er Helden wie Bob Marley oder Fela Kuti huldigt. Ein neues, hochkreatives Team ist entstanden.

Inspiration aus Afrika

Die beiden arbeiten weiter zusammen und erweitern ihren Sound, experimentieren weiter mit Trap und Reggae, aber auch mit modernen Afrobeats und traditionellen Stilen aus Westafrika. Der Riddim von "Rise Up & Shine" erinnert mit seinem weichen Gitarrensound sogar an Highlife-Klassiker aus dem Ghana der 70er. Der Song wird mit zwei Gastauftritten aus Westafrika veredelt, denn neben Ghanas Superstar Stonebwoy ist auch Fela Kutis Sohn Seun Kuti zu hören.

"Hit Like Gunshot" arbeitet mit einem Afro-Vibe und beschäftigt sich mit Black Identity in der modernen Zeit. Die Inspiration zum Song ist düster: Als der Mord an George Floyd geschieht, ist Cali P gerade in Gambia und verbindet seinen Text über Rassismus mit einer positiven Erzählung von schwarzem Selbstbewusstsein und afrikanischer Identität.

Zeitlose Themen im freshen Gewand

Das Duo Cali P & Teka erinnert mit ihrem Projekt an Formationen wie Gangstarr, in denen ein Produzenten einem Vokalisten die Beats auf den Leib schneidert. Der vielfältige und experimentierfreudige Stilmix von "Vizion" sorgt dafür, dass die gemeinsame "Vizion" nie eintönig wird. Vielmehr präsentieren Cali P und Teka zeitlose Themen wie Liebe und Beziehungen, Gerechtigkeit oder oder die Leidenschaft zur Musik im modernen Gewand - mit viel analoger Wärme und mitreißendem Groove.