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"Canaries in a Coalmine" - Plädoyer für Offenheit

Bukahara-Cover: "Canaries in a Coalmine"

Sound Supreme - "Canaries in a Coalmine"

"Canaries in a Coalmine" - Plädoyer für Offenheit

Von Johannes Paetzold

Das neue Album von Bukahara ist engagiert und authentisch. Auf "Canaries in a Coalmine" mischen die vier Musiker aus drei Kontinenten in gesellschaftlichen Debatten mit. Es geht um Ängste, Populismus und Hoffnung.

Musikalisch machen sie dabei Riesensprünge und erweitern ihren mitreißenden Sound um Studio-Finesse und erstmals deutsche Texte. Soufian Zoghlami, Sänger und Gitarrist mit tunesischen Wurzeln, Violinist Daniel Avi Schneider mit jüdisch-schweizerischen Wurzeln, Bassist und Percussionist Ahmed Eid, der in Palästina und dem Libanon groß wurde, und Max von Einem aus dem Münsterland, der die Blasinstrumente übernimmt - die vier Musiker von Bukahara haben sich an der Musikhochschule in Köln kennengelernt, sie sind versiert in Jazz und Klassik. Aber ihr Sound entstand auf der Straße, in Fußgängerzonen und auf Reisen durch Europa. Und auf den Bühnen - zuerst vor kleinem Publikum, inzwischen sind sie Headliner bei zahlreichen Festivals und haben die Kölner Philharmonie ausverkauft.

Sound Supreme - Bukahara: "Canaries in a Coalmine"

COSMO Sound Supreme 16.03.2020 02:33 Min. Verfügbar bis 16.03.2021 COSMO

Bei Bukahara entstand die Musik immer aus dem Live-Erlebnis, dem Spontanen und der Interaktion mit dem Publikum. Sie ließen sich musikalisch vom Moment inspirieren. Aus ihren unterschiedlichen Hintergründen und Leidenschaften entstanden Songs, die Europa, Amerika, das Mittelmeer und Nordafrika einatmeten und dem Publikum als unverkennbarer Bukahara-Mix von der Bühne wieder entgegenbliesen. Nach über zehn Jahren war es an der Zeit für die vier Musiker innezuhalten und etwas Neues zu machen.

Der fünfte Bukahara

Bei "Canaries in a Coalmine" gab es zuerst den Plan, ein Album zu machen. Dann kamen die Songs dazu. Soufian Zoghlami setzte sich an den Schreibtisch und begann zu schreiben. Ungewohnt für die Bukahara-Musiker. Es war ein Experiment mit offenem Ausgang, denn so zielgerichtet hatte noch keiner der vier Musiker bisher gearbeitet. Ihr Wegbegleiter wurde Tilman Hopf, erfahrener Produzent, der mit Dendemann, José Gonzalés und Astrid North gearbeitet hat. Man hört sofort den veränderten Sound auf "Canaries in a Coalmine". Die Songs sind viel stärker arrangiert. Der Aufbau von Strophen und Refrain, die Breaks folgen einem Plan. Die Instrumente von Bläser bis zur Geige sind bewusster eingesetzt, in der Begleitung wie auch in ihren Soli. So weit haben die vier Musiker noch nie jemand in den Produktionsprozess ihrer Musik zugelassen. Tilman Hopf ermutigt die Bukaharas sich Zeit zu lassen, diesmal nicht die erste beste Variante zu nehmen, sondern weiter zu forschen und zu experimentieren, bis der Sound stimmt. Auch zwischen Produzent und Musikern hat anscheinend alles gestimmt, denn Tilman Hopf wird noch während der Arbeiten zum fünften Bandmitglied.

Neue Töne

Neben dem Wechsel in Sound und Produktionsbedingung warten Bukahara auch textlich mit neuen Botschaften auf. Halle, Hanau und Fremdenhass sind an den Musikern mit den schillernden Biographien nicht spurlos vorübergegangen. Soufian Zoghlami stellt sich als Haupttexter der Band den eigenen Ängsten und entwirft Gegenstrategien. "Afraid No More" bekennt sich zu Angstzuständen und fragt gleichzeitig, wer von diesen Ängsten profitiert in unserer Gesellschaft. Vor allem die Rechtspopulisten und Demagogen, die unsere Ängste noch schüren. Auch "Vulture and the Little Boy" und "Under the Sea" führen uns an aktuelle Orte des Grauens und der Angst. Aber dann verbindet Zoghlami auch die Angst mit einem trotzigen Aufruf zur Gegenwehr. "Afraid No More" ist bestes Beispiel für diese Haltung. "Canaries in a Coalmine" führt auf bewundernswerte Weise die Bedrohung zusammen mit der Formulierung eines starken Wir-Gefühls. Der Song, der das zentral auf dem Album schon im Titel trägt, ist "We Are Still here!" Die elf Songs sind engagiert, emotional und reflektierend, dabei nie dogmatisch. Und in Songs wie "Baum", Laterna Magica" und "Wolken" geht der Blick einfach ins Blaue, voller Hoffnung, Zuversicht und Glück. Soufian Zoghlami ist mit diesen Songs auch sich selber näher gerückt und singt nun einige Songs auf Deutsch.

Vogelmetapher

Früher wurden Kanarienvögel in Kohlengruben in Käfigen ausgesetzt - als Warnsignal falls der Sauerstoff knapp werden sollte. Der verebbende Gesang der Vögel warnte die Arbeiter vor der Gefahr für ihr eigenes Leben. Bukahara haben das Bild der "Canaries in a Coalmine" genommen, um ein Bild für unsere Situation zu finden. Geht uns die Luft aus? Werden wir an den Rand gedrängt und als Lockvögel und dummes Federvieh geopfert? Deswegen haben die Musiker von Bukahara diesem Bild ein sehr kontrastreiches entgegengesetzt und es zum Albumtitel auch das Cover gesetzt. Ein farbenprächtiger Pfau, der uns sagen soll, schaut her, wir müssen uns nicht in Käfige und an den Rand einer Gesellschaft drängen lassen. Wir können uns selbstbewusst und stolz zeigen, und uns unserer Größe als Gruppe bewusst sein.

Stand: 16.03.2020, 00:00