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Bomba Estéreo: "Déja" - Momentaufnahme eines kranken Planeten

Bomba Estéreo: "Déja"

Bomba Estéreo: "Déja"

Bomba Estéreo: "Déja" - Momentaufnahme eines kranken Planeten

Von Łukasz Tomaszewski

Bomba Estéreo bringen seit fast zwölf Jahren Elektrobeats, rauen Pop-Gesang und karibischen Sounds zusammen. Ihr sechstes Album "Déja" ist ein Manifest für die innere Einkehr und die Verbundenheit mit der Natur.

Bomba Estéreo zählen zu den Pionieren des urbanen Latin-Sounds. Die Band um Bassist Simon Mejía und Sängerin Liliana Saumet hat als erste die kolumbianische Folklore Cumbia mit Punk-Attitüde und Elektronik gekreuzt und damit Welterfolge gefeiert. Sie performten mit Will Smith bei den Latin Grammys und tourten mit Arcade Fire durch ganz Lateinamerika. Doch mit zunehmendem Erfolg werden die Kolumbianer nicht etwa altersmilde. Ganz im Gegenteil: Bomba Estéreo überraschen auf ihrem neuen Album "Déja" mit ungewohnt kritischen Lyrics. Der Albumtitel "Déja" bedeutet "Hör auf". Es ist die Momentaufnahme eines kranken Planeten und seiner Bewohner in Zeiten von Corona, Klimakrise und digitalem Overload.

Bomba Estéreo: "Déja"

COSMO 03.10.2021 02:39 Min. Verfügbar bis 03.10.2022 COSMO


Klimakrise und Massenproteste

Sängerin Liliana stammt aus der nordkolumbianischen Sierra Nevada de Santa Marta. hier treffen die Fünftausender der Andenausläufer auf das karibische Meer und die Tropen. Anfang 2020 traf sich in Lilianas Haus die Band mit einer kleinen Runde von Unterstützern. Zu ihnen zählt auch die in Kanada lebende Sängerin Lido Pimienta, die ursprünglich aus der Nachbarregion Guajira stammt. Zusammen mit Liliana schrieb sie Songs "über das Ende der Welt und einen Neuanfang", erinnert sich Bassist Simón. Er selbst übernimmt mit dem Gitarristen Jose Castillo die Produktion.
Es ist die Zeit als der Amazonas brennt und Fridays For Future zu einer globalen Bewegung wird. In Lateinamerika gehen Millionen Studierender und Working Poor auf die Straße. Zuerst in Chile gegen eine Fahrpreiserhöhung, dann in Brasilien gegen den autoritären Präsidenten Bolsonaro, und schließlich in Kolumbien gegen die neoliberale Politik des neuen Präsidenten Iván Duque. "Déja" ist der Soundtrack dieser angespannten, lauten Monate und der Reflektion und Ungewissheit des langen Lockdowns danach.

Ein Corona-Album mit dystopischer Vorahnung

"Déja" ist ein Corona-Album mit dystopischer Vorahnung. Ganze anderthalb Jahre hatte die Band für die Produktion. Alle Bandmitglieder saßen bei sich zu Hause fest und feilten an den Aufnahmen und dem Sounddesign. Der Titelsong "Déja" weist musikalisch und thematisch die Richtung. Am Anfang des Songs hören wir die Tropen: Vögel, Meeresrauschen, die Vegetation. Es sind Fieldrecordings, die Simón Mejía in den Studiopausen direkt in der Natur aufgenommen hat. Der Text ist eine Aufforderung loszulassen, sich nicht von der Arbeit und dem Gepose auf Sozialen Netzwerken verrückt machen zu lassen. Sondern wieder in sich reinzuhorchen und den Ausgleich in der Natur zu suchen. 2Wenn’s dir richtig dreckig geht, springst du ins Wasser und spürst wie alles wiederkommt: Die Seele, das Herz, der Körper", sagt Simón Mejía. Kein Wunder, dass sich die Band entschied die vier Vorab-Singles als Elemente zu veröffentlichen: "Agua", "Aire", "Fuego", "Tierra" – Wasser, Luft, Feuer und Erde. Der tropische Rave-Sound von Bomba Estéreo wird auf dem neuen Album von melodischen Champeta-Gitarren und von traditionelle Instrumente wie der Millo-Flöte oder der Tambora-Trommel  getragen.

ste aus Kuba, Mexiko und Nigeria

Einre Reihe brillanter Gastvokalisten bereichert das Album. Mit dabei ist der kubanische Frauenchor Okán, den Liliana Saumet und Lido Pimienta in Kanada aufgenommen haben. Auf dem Song "Agua" stimmen sie in Yoruma-Sprache zu einer Ode an das Wasser an. Der Song sticht rhythmisch raus, dominant sind Trommeln und Gesang. Stilistisch ist Agua ein Bullerengue, der Vorläufer der afrokolumbianischen Cumbia. Aber Bomba Estéreo werden auch ihrem typischen ravig-karibischen Soundmix aus Dance-Pop und Reggaetón gerecht.

Vor allem auf dem Lovesong "Como Lo Pedí" zusammen mit dem mexikanischen Singer-Songwriter Leonel García. Höhepunkt der Tropendisko ist die Collabo Conexión Total mit der nigerianischen Afrobeats-Queen Yemi Alade. "Wir sind Fans afrikanischer Musik. Yemi Aladé hat ihren eigenen Vibe beigesteuert und den Song in eine andere Richtung gelenkt. Es ist der fröhlichste und tanzbarste Song des Albums", sagt Simón Mejía. Bomba Estereo bringen auf "Déja" karibische Tanzkultur mit den großen Themen Klimaschutz und mentale Gesundheit zusammen. Der Grundton der dreizehn neuen Songs ist erstmals melancholisch- und sozialkritisch wie nie zuvor.

Stand: 03.10.2021, 00:00