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Das Tor zum afrikanischen Blues

Bab L'Bluz: "Nayda!"

Sound Supreme - "Nayda!"

Das Tor zum afrikanischen Blues

Von Anna-Bianca Krause

Auf ihrem Debütalbum "Nayda!" hat das junge marokkanisch-französische Quartett Bab L'Bluz die E-Gitarren gegen die nordafrikanische Laute Gimbri getauscht und spielt die uralte maghrebinische Trancemusik Gnawa wie eine Rockband, die auf Blues, Afrobeat und Funk steht.

Bab L'Bluz bedeutet: Das Tor zum afrikanischen Blues. Bab ist das arabische Wort für Tor und Bluez ist mit z geschrieben, damit gleich klar ist, dass die Band afrikanischen und nicht us-amerikanischen Blues macht. Bab ist aber auch eine Referenz an die Stadt Marrakesch, in der es mehrere Tore in die alte Medina gibt und die auch "Das Tor zur Wüste" genannt wird. Denn in Marrakesch lebt Yousra Mansour, die Bandchefin von Bab L'Bluz. In der marokkanischen Metropole hat die Sängerin und Musikerin auch den französischen Gitarristen Brice Bottin kennen und lieben gelernt.

Bab L'Bluz - "Nayda!"

COSMO Sound Supreme 27.07.2020 02:44 Min. Verfügbar bis 27.07.2021 COSMO

Beide waren sie an einem Gnawa-Jazz-Projekt beteiligt und sind heute ein Ehepaar. Mansour wurde schon in jungen Jahren mit Gnawa infiziert, da sie mit ihren Eltern einmal im Jahr zum Gnawa-Festival nach Essaouira fuhr, später arbeitete sie auch als Helferin dort und sah viele der Stars des Genres. Bottin hatte Gnawa durch das marokkanische Gnawa-Abenteuer in den 90iger Jahren der Led Zeppelin-Masters Robert Plant und Jimmy Page entdeckt. Andere Vorbilder des kreativen Paares sind die Band Nass El Ghiwane (auch die Rolling Stones Marokkoas genannt) und Rachid Taha, beides Vorgänger, die die traditionellen Sounds des Maghreb mit Rockenergie gekoppelt haben. Komplettiert wird das "Power-Quartett", wie sie sich selbst nennen, von Drummer Hafid Zouaoui, der die Afrobeat- und Funkanteile zuliefert und dem Flötisten und Perkussionisten Jérôme Bartolome.

Gitarre versus Gimbri

Yousra Mansour und Brice Bottin haben 2016 angefangen zusammen zu arbeiten. Da waren beide schon professionelle Musiker*innen. Sie beschlossen beide Gimbri spielen zu lernen und wurden in Marrakesch von den Meistern dieses Instruments unterrichtet. Dabei wurden sie auch etwas verwundert angesehen: Eine junge Frau und ein blonder Franzose, die dieses traditionelle Instrument lernen wollen. Bab L‘Bluz nennen sich selbst eine Rockband und ihr Debütalbum "Hayda!" sollte ein Rock-Album sein, das mit traditionellen Gnawa-Instrumenten eingespielt wird. Also ersetzen sie Bass und E-Gitarre durch die dreisaitige nordafrikanische Laute Gimbri: Eine Bass-Gimbri ist der Bass und die Rolle der E-Gitarre hat die kleinere, eine Oktave höher gestimmte Gimbri-Art Awicha übernommen, die Yousra Mansour spielt. Doch Bab L'Bluz machen viel mehr als Gnawa. Ihre Musik ist eine wilde Mischung aus Afro-Blues, Rock, Chaabi, Funk, mauretanischen Gesängen der Hassania, Afrobeat und und und … meist auf der Basis von Gnawa. Die vier Musiker*innen covern keine Gnawa-Stücke, sondern haben alle Songs selbst geschrieben.

Zwei Featurings sind auf dem Album: Aziz Ozouss und seine Ribab, eine Berber-Laute im Song "Waydelel", für den haben Bab L'Bluz einen Songtext der legendären mauretanischen Sängerin, Musikerin und Dichterin Dimi Mint Abba, die man auch die Diva der Wüste nannte, neu vertont. Und in "El Watane" ist der Sänger und Gimbri-Meister Mehdi Nassouli beteiligt. Neben dem Sound der Gimbris spielen auch die traditionellen Metall-Kastagnetten der Gnawa, die Garagabs eine tragende Rolle im Sound der Band.

Eine Männersache

Schon mit 10 Jahren fing Yousra Mansour an zu singen, mit 15 Gitarre zu spielen und Songs der libanesischen Diva Fairuz zu covern. Ihre Vorbilder: Janis Joplin, Erykah Badu, vor allem aber Oumou Sangaré. Dann verliebte sie sich in die traditionelle Gnawa-Musik, die eigentlich Männersache ist. Doch sie ließ sich nicht davon abhalten, schließlich hat sie eine starke Frau als Mutter, eine Chemielehrerin, die in einer extrem patriarchalen Gesellschaft vier Töchter alleine groß gezogen hat, da der Vater früh gestorben ist. Die Mutter ermutigte ihre Tochter dem eigenen Traum zu folgen. Yousra Mansour singt in klassischem Arabisch und im marokkanischen Dialekt Darija, nur im Song "Africa Manayo" sind auch ein paar Zeilen auf Englisch zu hören. Manchmal, wie im Song "Glibi" dichtet sie inspiriert von der Tebraa-Poesie der Westsahara. Einer Poesieform, die Frauen erfanden, um in einer extrem patriarchalen Gesellschaft einem Mann trotzdem eine Liebeserklärung zu machen und dabei aber anonym zu bleiben.

Poesie & Politik

Bab L'Bluz machen eine wilde, energetische sinnliche Musik, die auch ein Aufbegehren gegen Zensur, verkrustete Gesellschaftsstrukturen und für ein afrikanisches Selbstbewusstsein sind. Nicht ohne Grund heißt ihr Debütalbum "Nayda!" Nayda bedeutet im marokkanisch-arabischen Dialekt Darija: Partymachen. Aber Nayda ist auch der Name einer kulturellen Jugendbewegung, die man als Vorläufer des arabischen Frühlings bezeichnen kann, weil sie sich für persönliche und künstlerische Freiheiten eingesetzt hat, die es davor nicht gab. Nayda bedeutet soviel wie: Es tut sich was. Besonders die Musikszene war in dieser Bewegung stark involviert und sorgte für eine subversive Wirkung. Rapper, Hardrocker und Jazzer vereinten sich in der Nayda-Protestbewegung, Minderheiten wie die Berber und die Gnawa machten sich musikalisch bemerkbar, und Frauen waren stark vertreten. Gesungen und gerappt wurde oft auf Darija, der marokkanischen Umgangssprache.

Dieser Bewegung fühlen sie Bab L'Bluz verbunden. Thematisch geht es um Toleranz, Frieden, Widerstand gegen Diktatoren und die Liebe zu Yousra Mansours Heimat Marokko. Neben Gimbri, Awicha, Flöte, Schlagzeug, Perkussion, selten Gitarre, hört man auf dem Album allerhand andere Sounds wie geloopte indische Tablas, gesampelte Atlantikwellen, Kinderchöre, Hip Hop-Beats, mauretanische Hassania-Gesänge … Die Stilvielfalt ist enorm, man kann so einiges entdecken: Gnawa-Blues, Gnawa-Funk, Gnawa-Rock Gnawa-Afrobeat …. und definitiv damit Party machen. Eben Nayda!

Stand: 26.07.2020, 00:00