Südafrikanische Sirene - Alice Phoebe Lou: "Glow"

Alice Phoebe Lou - "Glow"

Südafrikanische Sirene - Alice Phoebe Lou: "Glow"

Von Anna-Bianca Krause

Die südafrikanische Sängerin, Musikerin und Songautorin Alice Phoebe Lou kreuzt auf  "Glow", ihrem dritten Studioalbum, warme analoge Sounds wie von alten Lieblingsplatten mit den Gefühlen, Ängsten und Leidenschaften einer jungen Frau im Hier und Jetzt.

Alice Phoebe Lou - "Glow"

COSMO Sound Supreme 21.03.2021 02:53 Min. Verfügbar bis 21.03.2022 COSMO


Vollbremsung Lockdown

In "Glow", dem Titelsong ihres neuen, dritten Albums schwimmt Alice Phoebe Lou aus dem Fenster – sie saß schließlich wie alle anderen auch im Lockdown allein in ihrer Wohnung und träumte sich anderswohin. In manchen Songs wie « Lovesick » singt sie nur zu ihrer Gitarre, um die Zuhörer*innen die Gefühle, die sie im Lockdown hatte, die Einsamkeit und Intimität spüren zu lassen. Doch sie gibt zu, dass Corona für ihr  persönliches und musikalisches Ich eine Art Geschenk war. 2019 hat sie mit den Songs ihres Albums "Paper Castles" über 100 Shows weltweit gespielt und es blieb keine Zeit, um Luft zu holen. Corona brachte die 27jährige zu sich selbst und ihren Gefühlen zurück und liess das neue Album entstehen. Zuerst empfand sie zwar eine Art Ego Death », also den Tod ihres Egos, hatte sie sich doch extrem über ihre Liveauftritte und die Kommunikation mit dem Publikum definiert. Der Lockdown war eine Vollbremsung und wie um das zu visualisieren, rasierte sie sich den Kopf. Doch dann gabs eine künstlerische Wiederauferstehung und am Ende der Entwicklung hat Alice Phoebe Lou ihr schönstes Album aufgenommen.

Me and my guitar

Alice Phoebe Lou ist 1993 in Kommetjie, einem Ort an der Westküste der Kap-Halbinsel, südwestlich der Metropole Kapstadt geboren. Sie ist Wahl-Berlinerin und lebt seit 2013 in der deutschen Hauptstadt. Dorthin kam sie als Feuertänzerin und hat erst in Berlin mit Straßenmusik angefangen, weil sie damit mehr Geld verdienen konnte. Schnell war sie als Straßenmusikerin bekannt und die Leute gingen wegen ihr zur U-Bahn-Station Warschauer Straße, wo sie meist stand, umgeben von einer Traube an Zuhörer*innen. Bis heute spielt sie ab und an auf der Straße, sie mag diese Art von musikalischer Kommunikation sehr.
Ihre E-Gitarre ist seit dieser Zeit ihr Partner und im Lockdown hat sich die Partnerschaft mit ihrem Instrument nochmal verstärkt. Sie im Arm zu haben verringerte die Einsamkeit. Immer wieder singt ihre E-Gitarre auf dem neuen mit ihr, dazu gibt’s aber oft herrliche Synthesizer-Sounds, die dem ganzen einen etwas surrealen, aber auch hippieesken Touch geben.

Liebe und anderer Ärger

Die meisten Songs auf "Glow" sind Liebeslieder, allerdings nicht in einem konventionellen Sinn. Viele der Texte sind aus einem Ursprungsgefühl und anschließender Improvisation entstanden. Alice Phoebe Lou sagt: "Dieses Album strömte einfach aus meinem Herzen und meinem Unterbewußtsein." "Dusk" ist ein Liebeslied an ihre Freundin, die Angst hat, wenn es dunkel wird, in "How to get out of Love" erzählt sie davon, wie ihr Herz in Stücke brach, als ihre letzte Liebe zu Ende ging. Der härteste Song ist "Dirty Mouth" da thematisiert Alice Phoebe Lou einerseits sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt, die sie selbst erlebt hat (u.a. hat man ihr K.o.-Tropfen in einen Drink in einem Club in New York getan). Aber es geht auch um die vielen männlichen Fans, die ihr auf die Pelle rücken, seit sie bekannter ist, Typen, die sie anquatschen, antatschen, ihr zu nahe treten. Sie singt in einer sehr aussagekräftigen Zeile:"My body fell asleep when they took it away from me" – übersetzt: "Mein Körper schlief ein, während sie ihn wegtrugen". Die Haltung im Song ist wütender als in den anderen Songs auf dem Album, deshalb wird die E-Gitarre auch geschrubbt. Und im Video dazu tanzt Alice Phoebe Lou allein mit ihrer E-Gitarre am Strand in ihrer Heimatstadt Kapstadt eine Art Befreiungstanz.

Musikalischer Schwarzweiß-Film

"Glow" ist ein musikalisch sehr ausgereiftes, intensives Album mit Gänsehauteffekten und hohem Suchtfaktor, auf dem Alice Phoebe Lou auch ihre gesanglichen Qualitäten erweitert hat. Es steckt 60iger und 70iger-Jahre-Folk drin, Pop, Soul, Blues und Jazz.Eigentlich wollte sie das Album in Kanada aufnehmen, wegen Corona platzte das wenige Tage vor dem Abflug – also realisierte sie die Songs in den Castle Studios nahe Dresden. Alice Phoebe Lou spielt selbst Gitarre, manchmal auch Piano. Ihre Mitmusiker sind die beiden israelischen Musiker Ziv Yamin und Dekel Adin aka Daklis, der eine Keyboarder und Drummer, der andere Bassist.

Den Sound des Albums am meisten beeinflusst hat aber die Entscheidung alles analog aufzunehmen. Die Castles Studios hatten Alice Phoebe Lous Traum-Equipment: Alte Röhrenverstärker, alte Bandmaschinen, ganz besonders auch die alten Neumann Röhren-Mikrofone, all die Geräte aus dem vergangenen Jahrhundert, mit denen auch ihre Lieblingsplatten aufgenommen worden waren. Ihre Sopranstimme, die wie vom Winde verwehten Gesänge sollten möglichst Lo-Fi klingen. Der warme Klang erinnert an 40er und 50er-Jahre-Aufnahmen an alte Jazzplatten, an die Musik aus alten Disney-oder Hollywood-Filmen. Diesen Klang der Vergangenheit wollte Alice Phoebe Lou aber mit der Welt zusammenbringen, in der sie heute lebt, mit Synthesizer-Sounds, dezenter Elektronik und ihren Texten, die vom aktuellen Leben erzählen.
Alice Phoebe Lou ist wie Ala.Ni, Arlo Parks oder auch Lianne La Havas eine Künstlerin, die große Gefühle in ihrer Musik zulässt, die keine Rücksicht auf aktuelle Sounds nimmt, ihre Songs sind verträumt, oldfashioned und gehören eher zur Kategorie Schwarz-Weiß-Film.

Stand: 21.03.2021, 00:00