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Power-Trio aus dem Jemen

A-Wa - "Bayti Fi Rasi"

Sound Supreme: A-Wa - "Bayti Fi Rasi"

Power-Trio aus dem Jemen

Von Johannes Paetzold

Drei Schwestern aus Israel mixen jemenitische Volkslieder mit Clubsounds. Auf ihrem zweiten Album beschreiten A-Wa neue Wege und vertonen auf "Bayti Fi Rasi" die Fluchtgeschichte ihrer Urgroßmutter von Jemen in die neue Heimat.

Sound Supreme: A-Wa - "Bayti Fi Rasi"

COSMO Sound Supreme 09.06.2019 02:53 Min. COSMO

Mit dem Song "Habib Galbi" wurden die drei Schwestern vor drei Jahren schlagartig bekannt. Es war die erste Single des Trios, beruhend auf einem Song des israelischen Sängers Shlomo Moga'av aus den 60er Jahren. Bei A-Wa wurde aus dem alten jemenitischen Volkslied eine Elektropop-Dancenummer mit HipHop-Beats. Im Video zum Song cruisen die drei jemenitischen Schwestern aus dem ländlichen Arava Tal nahe der Grenze zu Jordanien in einem Jeep durch die Wüste, ihre pinken Hidjabs flattern im Wind, sie wippen mit ihren Sneakers, während junge Männer in blauen Adidas Anzügen in einer Hütte dazu Breakdance tanzen. Das Video wurde millionenfach geklickt und reiste von der israelischen Wüste aus um die Welt. Das zweite Album von A-Wa nimmt diese Energie wieder auf und verbindet sie mit einer vertonten Ahnenforschung: Dem Weg ihrer Urgroßmutter von Jemen nach Israel.

Operation Magischer Teppich

Zwischen Juni 1949 und September 1950 flohen knapp 50.000 jemenitische Juden von Aden nach Israel. Mit britischen und amerikanischen Transportflugzeugen wurden sie in die neue Heimat geflogen. Sie flohen vor der Verfolgung von radikalen Moslems im Jemen. Dieser Airlift wurde unter dem Decknamen "Magic Carpet Operation" durchgeführt. In einem der Flugzeuge saß auch Rachel, die Urgroßmutter der drei Haim-Schwestern. Auf "Bayti Fi Rasi" erzählen sie ihre Geschichte - von der alten Heimat, der Flucht mit ihrer Tochter, der Ankunft in Israel, den Anfeindungen als arabischer Jüdin, bis hin zu ihrem Tod. Tair, Liron und Tagel Haim haben ihre Urgroßmutter persönlich nie kennengelernt. Aber ihr Vater erzählte ihnen von ihr, ihrem hartem Leben als arabischstämmige Jüdin in der Region Gedera, wo viele Menschen mit jemenitischem Wurzeln leben.

Ein Leben in Liedern

Das Album beginnt mit "Ya Watani", übersetzt: Heimat, wenn Rachel Haim den Jemen verlassen muss, sich noch einmal umdreht. Was nehme ich mit? Keine materiellen Dinge, sondern meine Tochter, meine Stärke, mein zerbrochenes Herz. In "Mudbira" beschreibt sich die Urgroßmutter selbst als Unglücksvogel, die mit ihrer Tochter in einem Land leben muss, wo man auf sie und ihre Tochter hinabschaut. Manche Geschichten auf Bayti Fi Rasi tragen auch metaphorischen Charakter: In "Al Asad" - der Löwe - begegnet die Urgroßmutter einem Löwen in der Straße. Die Schwestern inszenieren diese Begegnung als Auseinandersetzung mit den eigenen persönlichen Ängsten. Das Album endet mit "Makhada Min Thahab", die Urgroßmutter ist alt und kurz vor dem Sterben, lässt ihr Leben Revue passieren. Ein steiniger Weg, der hinter ihr liegt, aber sie hat sich ihren Platz in Israels Gesellschaft erkämpft. Die drei Schwestern haben diesmal alle Texte selbst geschrieben. "Bayti Fi Rasi" ist keine Wehklage über die Mühen des Lebens, sondern eine Verneigung vor dem Erreichten und ein Plädoyer für das friedliche Zusammenleben, sagt Tagel Haim: "Dieses Album begleitet eine Frau auf ihrer Reise. Es ist eine Flüchtlingsgeschichte. Alle Flüchtlinge können sich mit ihr identifizieren. Und sie ist eine starke Frau. Eine Feministin. Ohne das selbst zu wissen. Jede Frau kann sich also mit ihr identifizieren. Die ganze Menschheit kann sich in dieser Frau finden. Musik ist eben im besten Falle eine internationale Sprache."

A-Wa und die Balkan Beat Box

Aus diesem Konzept hätte ein schwermütiges Werk entstehen können. Aber "Bayti Fi Rasi" ist ein quirliges Popalbum, Musik für den Dancefloor. Das liegt zum einen an der Lebensfreude der drei Schwestern, die sie bei jedem ihrer Konzerte unter Beweis stellen. Und mit dem Produzenten haben sie den perfekten Partner für ihr Konzeptalbum gefunden. Mit Tamir Muskat von der Balkan Beat Box haben sie zwar auch schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Aber diesmal hat Tamir Muskat das ganze Album produziert. Der gebürtige Israeli lebt in Brooklyn und Tel Aviv, hat mit seiner Gruppe Balkan Beat Box die Global Pop Sounds des Nahen Ostens geprägt und ist erfahren darin, die Klänge des östlichen Mittelmeeres und Balkans mit den internationalen Sounds zu mischen. "Bayti Fi Rasi" ist ein perfekter Culture Clash von jemenitischen Folk mit Off Beats, hippen Dabke Rhythmen, stampfenden elektronischen Club-Beats zu arabisch jemenitische Gesänge und Rap-Flows.

Stand: 10.06.2019, 18:29