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Roskilde Festival 2019

Francis Gay vor der Orange Stage - Roskilde Festival

Roskilde Festival 2019

Von Francis Gay

Roskilde zum 49. Mal! 183 Acts, fast 135.000 Besucher, trotz mäßigem Wetter grandiose Konzerte und keine Zwischenfälle.

Konzert Highlight

Der Auftritt der spanischen Sängerin, Musikerin und Songwriterin Rosalía. Sie hat einfach alle verzaubert und gezeigt, dass sie mit 25 Jahren bereits die neue Queen im Pop-Olymp neben Stars wie Rihanna oder Beyoncé ist.

Das war ganz großes Kino und sie wurde zurecht gefeiert von tausenden von Dänen, die auf einmal alle auf Spanisch mitsangen. Auf der Bühne wirbelte sie mit Raffinesse und absoluter Genauigkeit, wie beim Flamenco eben. Den hat sie studiert und revolutioniert. Ob lange a cappella Soli oder perfekte Tanz-Choreographien aus Flamenco und Hip Hop - Gepaart mit diesen satten 808-Bässen verkörpert Rosalia Siegeszug der spanischen Sprache im Global Pop und läutet damit eine Wende ein. 

Meine Entdeckung

Die Europa-Premiere der Brasilianerin Tassia Reis aus Sao Paulo. Die junge Rapperin und Sängerin triumphierte bei ihrem Konzert vor ein paar tausend Menschen auf der Gloria Bühne. Selbstbewusst und ehrlich brachte sie jeden ihrer Songs astrein aufs Parkett. Mit Breakdance-Moves und einer wandelbaren Stimme zwischen starkem Rap-Gesang und gefühlvoll jazzigem Soul-Organ, zeigte sie, was sie alles drauf hat. Tassia Reis konnte ihr Glück kaum glauben, so begeistert vom Roskilde Publikum empfangen zu werden. 
Außerdem: Rapperin Silvana Imam. Sie hat die große Orange Bühne aufgemacht, vor 70.000 Menschen. Eine Kämpferin gegen Homophobie, Rassismus und Rechtsradikalismus. Hat sehr beeindruckt. Mutter aus Litauen, Vater aus Syrien, ein Star in Skandinavien, und vielleicht auch demnächst bei uns.

Francis Gay & Anna-Bianca Krause über das Roskilde Festival 2019

COSMO 12.07.2019 14:34 Min. COSMO

Meine Enttäuschung

Bei allem Respekt vor Mensch, Alter, Karriere und Kunst: Wenn Superstars in die Jahre kommen, so tun sie sich nicht immer einen Gefallen…Die einen, der Wu-Tan Clan, wirken der schwindenden Bühnenpräsens mit Cover-Versionen und kreativlosem Animationszirkus entgegen. Old Dirty Bastard (R.I.P) hätte das nicht geduldet! 

Die Anderen lassen ihre Welthits auf Fahrstuhlmusik-Version trimmen, um noch irgendwie mitsingen zu können. Es hat wehgetan, den Samba-Rock König Jorge Ben Jor auf der Bühne ohne Luft und sichtlich ermattet zu sehen. „Take it easy my brother Charlie.”

Die Besonderheiten

Diese unfassbare gute Stimmung! Ansteckend, euphorisch und dennoch sehr friedlich. Dieses Publikum ist seit 1971 gezüchtet worden. Damals gingen junge Leute mit viel Hippie-Spirit zum Festival, dann kamen ihre Kinder, heute sind es die Enkelkinder. Das Durchschnittsalter liegt bei 24 Jahren. Auf keinem anderen Festival sind die Menschen so offen und empfänglich für die Musik. Das Publikum hört zu, es feiert mit und verbindet wie kaum ein anderes kaum ein anderes Neugier und Euphorie. Wenn siebzigtausend Menschen die Songs ihrer Stars singen ist das eine Kulisse wie im Stadion, pure Gänsehaut-Momente.

Auch top: der Non-Profit Ethos vom Roskilde Festival und die Auseinandersetzung für soziale Themen ist bemerkenswert. Gleichzeitig erfüllt Europas größtes Festival aber auch Standards, die auf der Welt ihresgleichen suchen: Programm, Sound, Gastronomie und Sicherheit.   

Dass es bei diesen Menschenmassen (135.000 Besucher) unter tagelangem Alkohol-und Substanzkonsum nicht zu Eskalations-Momenten oder Chaos kommt, grenzt an ein Wunder. Nein, kein Wunder, sondern 33.000 Freiwillige sorgen dafür dass hier nichts aus den Fugen gerät. Vom 17 jährigen Schüler bis zum Arzt und Anwalt packen alle mit Begeisterung an und trotzen in langen Schichten jedem Wetter und so manchen Launen der Gäste. Die Statistiken sollten recht behalten: Die Dänen sind die glücklichsten Menschen der Welt!

Der Sound

Der Sound vom Roskilde, egal ob hinter oder vor der Bühne, ist unschlagbar. Gemeinsam mit Meyer-Sounds aus Kalifornien hat das Roskilde eine regelrechte Sound und Akustik-Philosophie entwickelt, die dem Besucher das gewisse Roskilde-Feeling subtil vermitteln. Genau ausgemessene Sound-Felder und dafür eigens entworfene Programme bescheren nicht nur den Bands, sondern auch dem Publikum den besten Festivalsound der Welt. Man steht unmittelbar vor der Apollo Bühne, wird beim Auftritt von Lizzo von massiven Bässe massiert und kann sich dennoch ganz normal mit seinem Nachbarn unterhalten!

Schwerpunkte (außerhalb der Musik)

Dieses Festival versteht sich als Labor für die Zukunft. Das hat man besonders im sogenannten House of Chroma, einem gigantischen durchsichtigen Plastik-Ei inmitten der 6 großen Festivalbühnen, erlebt. Dort gab es Ideen, Debatten, Kunst, Performances und Musik mit dem Blick auf die Gesellschaft von morgen.

Zum Beispiel hat der "Occupy Wall Street"-Mitbegründer Micah White einen Vortrag gehalten. Gesprochen wurde auch über Fridays for Future und Nachhaltigkeit, Solidarität, politischen Aktivismus.

Gender-Balance und Female Empowerment war ein zentrales Thema beim Roskilde Festival. Mit 52 % Frauenanteil bei den Besuchern und einer beindruckenden Anzahl an weiblichen Künstlern im Programm konnte man sich davon selbst überzeugen. Madame Ghandi, amerikanische Elektronik-Produzentin und Feministin aus Los Angeles, überzeugte mit ihrem Vortrag „The Future Is Female“. Und es gab einen Rave mit dem Künstler Eli Sudbrack von der brasilianischen Queer Resistance-Bewegung gemeinsam mit weiteren Vertretern der LGBTQAI-Szene aus São Paulo.

Zuletzt beschäftigte sich das Roskilde mit dem Haupt-Problem aller Festivals: Dem Müll. Neben der Investition von 1,5 Millionen Euros in Müllbeseitigung, sah man als Müll-Monster verkleidete Trupps, die über das Gelände fuhren und Besucher aufforderten ihren Müll gerecht zu entsorgen. Auf riesigen Leinwänden neben den großen Bühnen, konnte man in den Konzertpausen die aktive Müll-Politik des Festivals in Leuchtschrift klar und deutlich wahrnehmen: „Nehmt euren Müll mit!“ Und siehe da, die großen Grünflächen wo zuvor noch abertausende Menschen standen, waren erstaunlich sauber.   

Weitersagen oder doch nicht

Das Roskilde ist ein einmaliges Musik-Erlebnis. Hier kommt einfach jeder Musikliebhaber auf seine Kosten. Das großartige und breite Angebot an Top-Acts rechtfertigt den relativ hohen Eintritt. Daneben kann man aber auch jede Menge hochwertige Bands und Acts aus der ganzen Welt für sich entdecken. Die Stimmung ist unschlagbar, und es ist eine besondere Gelegenheit in den Genuss der dänischen Gastfreundschaft zu kommen. Also definitiv weitersagen.  

Stand: 12.07.2019, 19:37