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Zwischen Liebe und Gier

Rodrigo Amarante

Rodrigo Amarante - "Tuyo"

Zwischen Liebe und Gier

Von Anne Lorenz

Rodrigo Amarante ist in seiner brasilianischen Heimat vor allem durch seine beiden Bands Los Hermanos und Orquestra Imperial bekannt. Aber auch international hat er sich mit seiner Arbeit für Folk-Star Devendra Banhat, seiner Band Little Joy und auch als Solo-Artist einen Namen gemacht.

Lost In Sound - Rodrigo Amarante "Tuyo"

COSMO Lost In Sound | 06.11.2018 | 02:50 Min.

Jeder kennt seinen Song "Tuyo", den er als Opener der Serie "Narcos" geschrieben hat. COSMO hat er verraten, wie das Stück entstanden ist. Die Macher der Serie über Pablo Escobar und den bitteren Drogenkrieg in Kolumbien, sind damals auf Amarante zugekommen bevor das Projekt überhaupt in der Produktionsphase angelangt war:

Ich habe den Titelsong "Tuyo" für Narcos komponiert, als das Skript gerade noch geschrieben wurde. Das war gut, weil ich mir so alles selbst ausmalen konnte - und mich nicht am fertigen Filmmaterial orientieren musste. Die Idee des Songs entstand dadurch, dass ich mich gefragt habe: Warum erzählt man die Geschichte eines Monsters? Denn das war Pablo Escobar: Ein rücksichtsloser krimineller, ein Mörder! Was für einen Sinn macht es diese Geschichte zu erzählen, wenn es dabei nicht auch um das Monster geht, das in jedem von uns steckt? Ich dachte also, es ist jetzt mein Job diesem Monster etwas Menschliches einzuhauchen - ihm ein Herz zu geben!"

Mit ein bisschen Recherche und seinem unverwechselbaren Einfühlungsvermögen hat Rodrigo Amarante sich in Pablo Escobar hineingefühlt und dem Drogenbaron etwas Menschliches, Verletzliches einhauchen können:

Ich habe mir Pablo Escobar als Kind vorgestellt - das Umfeld, in dem er als kleiner Junge entschieden hat, der zu werden, der er geworden ist. Ich hab ein bisschen recherchiert und herausgefunden, dass er ohne Vater aufgewachsen ist und seine Mutter eine starke, selbstständige Frau war. Ich habe mir eine Szene vorgestellt, in der sie in der Küche steht und den Abwasch macht. Pablo sitz am Tisch und isst. Und sie sagt zu ihm: "Pablito, vertraue niemandem, du musst es ganz alleine schaffen! Hol dir selbst wonach du strebst, nimm auf niemanden Rücksicht!" Ich habe mir vorgestellt, dass seine Mutter eine heimliche Schwärmerei aus Teenagertagen hat - für diesen Sänger. Dass sie dieses Lieblingslied hat, aus Tagen, in denen sie noch nicht abgestumpft war - in denen sie noch an die Liebe geglaubt hat. Ich habe mir vorgestellt, dass dieser Song im Radio läuft, als Pablos Mutter ihm ins Gewissen redet. Er hört den Song und er möchte dieser Mann sein. Er möchte der Held seiner Mutter sein! Ich hab also dieses Lied im Lied erfunden: Den Lieblingssong seiner Mutter, durch den Pablo letztendlich klar wird, was für ein Mann er einmal sein möchte!"

Auch der Songtext von "Tuyo" ist vielschichtig, man kann ihn als romantische Ballade verstehen. Bei näherem Hinhören, klingt aber auch die Gier nach Macht deutlich durch.

Man kann "Tuyo" auf zwei Arten verstehen. Einmal als romantisches Lied eines obsessiven Liebhabers. Man kann es aber auch als Song über Gier, Macht und Narzissmus verstehen. Der Erzähler sagt: Ich gebe dir alles was du willst, du musst es nur anschauen und es gehört dir. Das wirkt erstmal großzügig, aber es ist auch narzisstisch, weil er derjenige ist, der dafür aufkommt. Er ist die Vaterfigur - der Vater, den Pablo nie hatte!"

Stand: 06.11.2018, 06:00